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26.11.10Kommentieren

Interview mit Thomas Jajeh, Maria Lindinger und Gunnar Berning von twago

Es fühlt sich grandios an, jetzt mein eigener Chef zu sein und an etwas zu arbeiten, hinter dem ich 100%ig stehe.

Outsourcing ist ein Thema, das nicht nur für die Großen interessant ist - gerade Start-ups müssen am Anfang arg aufs Geld schauen. Dass das Thema gerade jetzt, wo alle vom Fachkräftemangel sprechen rasant an Fahrt aufnimmt, kommt unseren heutigen Interviewpartnern, den Gründern von twago recht gelegen. Hören wir den dreien zu, wenn Sie uns über die Herausforderungen bei der Gründung einer Outsourcing-Plattform berichten. Viel Vergnügen!

Gunnar Berning, twagoGunnar Berning, twago

Guten Tag Frau Lindinger, Herr Berning, Herr Jajeh. Wir freuen uns heute darauf von Ihnen und Ihrem Start-up "twago.de" zu erfahren. Doch zuerst möchten wir Sie drei ein wenig näher kennen lernen. Welche Fähigkeiten und Qualifikationen und Charaktereigenschaften brachte jeder von Ihnen mit in die Gründung ein?

Gunnar Berning: Eine ausgewogene und sich ergänzende Kombination unserer Fähigkeiten und Charaktereigenschaften war uns sehr wichtig. Nur so können wir ein und dieselbe Sache mit ganz verschiedenen Augen betrachten und möglichst effektiv an Problemlösungen rangehen.

Thomas Jajeh: Zwar haben wir alle drei jahrelang bei Siemens in der Beratung gearbeitet, aber wir haben sehr verschiedene Hintergründe. Ich bin zum Beispiel im IT-Bereich sehr bewandert. Aufgrund meines Studiums der Wirtschaftsinformatik kenne ich mich aber auch gut mit aktuellen ökonomischen Fragestellungen und Tendenzen aus. Herr Berning kommt aus dem Internet- und Medienumfeld. Er hat also verstärkt in Wachstumsbranchen gearbeitet beziehungsweise an deren Wachstum teilgehabt. Frau Lindingers Hintergrund liegt in internationalen Wachstumsprojekten. Bevor sie sich für twago entschieden hat, arbeitete sie zum Beispiel mehrere Jahre in Asien, dort zuletzt in China.

Maria Lindinger: Uns allen ist gemein, dass wir sehr international gearbeitet haben. Ich denke, dass dies ein wichtiger Punkt ist, um unsere Motivation für das Konzept von twago zu verstehen. In anderen Sprachen kommunizieren zu können und sich in die Denkweise von Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen reinversetzen zu können gehörte und gehört für uns zum Alltag.

Kann man Ihre Dienstleistung, die sie unter twago.de anbieten, als internationales Online-Outsourcing bezeichnen? Oder trifft es eine andere Bezeichnung besser?

Berning: twago vermittelt nationale und internationale Dienstleistungen, welche remote – also am Computer – erstellt werden können. Konkret sind dies schwerpunktmäßig Programmierarbeiten, Webdesignaufträge und Unternehmensservices. So programmieren unsere Provider ganze Portale, oder Webseiten, entwickeln Logos, oder übersetzen diverse Schriften. Zudem handelt es sich in der Tat um Dienstleistungen welche von dem bezüglichen Auftraggeber „abgegeben“, also „outgesourct“, werden. Die richtige Bezeichnung für diesen Prozess ist in der Tat Online-Outsourcing.

Das Konzept von twago geht jedoch weiter. Wir vermitteln Dienstleistungen international. Also können auf ein zum Beispiel deutsches Angebot nicht nur deutsche Dienstleister bieten, sondern auch Experten aus beispielsweise Indien, Russland oder Argentinien. Insgesamt haben bei twago unsere Kunden Zugriff auf 100.000 Experten aus 114 Ländern. Entscheidet sich ein Auftraggeber für einen Dienstleister aus dem Ausland, wird der Prozess Offshoring genannt. Beziehungsweise Online-Offshoring, um näher ins Detail zu gehen. twago vermittelt also Online-Outsourcing sowie Online-Offshoring.

Wie haben Sie Drei sich eigentlich gefunden? Wenn man Ihre berufliche Vita anschaut, könnte man glatt auf die Idee kommen, Sie hätten zu dritt in der Siemens-Kantine am Tisch gesessen, hatten aber Appetit auf mehr. Wie lief es wirklich ab?

Jajeh: Grob gesagt war es tatsächlich so. Bei der Beratung bei Siemens haben wir bei verschiedenen Projekten zusammengearbeitet. Dabei lernt man seine Kollegen natürlich gut kennen, auch private Vorstellungen und Wünsche. Es hat sich bei uns recht bald herauskristallisiert, dass uns der gleiche Traum schon seit längerem nicht mehr los gelassen hat: Der Schritt in die Selbstständigkeit und unser eigenes Unternehmen gründen.

Lindinger: Zuerst war es nur eine grobe Idee, die sich aber immer weiter gewoben und schließlich an Substanz gewonnen hat. Die Idee kam zuerst im November 2008 auf. Ich habe als Letzte im Februar 2009 bei Siemens gekündigt. Seit März 2009 gibt es twago.

Was vermissten Sie in Ihrem letzten Job, was war es, was Sie letztendlich zu Gründern werden ließ?

Jajeh: Bei Siemens und auch allen anderen vorherigen Arbeitgebern haben wir viel gelernt und Erfahrungen gesammelt. Das hat uns sehr bereichert. Aber wie bei jedem großen Unternehmen steckt man natürlich in relativ starren und festgefahrenen Strukturen. Flexibilität ist nur bis zu einem sehr begrenzten Ausmaß möglich. Im Endeffekt ist man immer angestellt und tut wie von einem verlangt.

Es fühlt sich grandios an, jetzt mein eigener Chef zu sein und an etwas zu arbeiten, hinter dem ich 100%ig stehe. Vor allem ein Start-up-Unternehmen bietet so viel Potential zum Ausleben von Ideen, zum Probieren und zur Umsetzung der eigenen Gedanken und Vorstellungen. Wenn dann auch noch die Zahlen am Ende des Monats stimmen, ist das ein unbeschreibliches Gefühl.

Wie kamen Sie auf das Thema "Outsourcing"? Hatten Sie vorher bereits Erfahrungen auf dem Gebiet gesammelt?

Berning: Zusammen haben wir Erfahrungen in sehr vielen Bereichen gesammelt. Ich selbst habe verstärkt im Internetumfeld gearbeitet. So habe ich unter anderem Bertelsmann dabei unterstützt, sein neues Internetportal Lycos Europe am Markt zu etablieren. Die Leitung des Unternehmens war in Deutschland. Schon damals war es meine Aufgabe, ein Offshoring-Center für Lycos Europe in Indien aufzubauen.

Ich habe hautnah miterlebt welches Potential in den Bereichen Outsourcing und Offshoring liegt – und zwar für die Auftraggeber sowie für die Auftragnehmer. Bisher wurde global gesehen im übertragenen Sinne schwerpunktmäßig die Produktion von „Hardware“, also fassbaren Gegenständen ins Ausland verlagert. Meiner Ansicht nach liegt die Zukunft jedoch im Bereich der Dienstleistungen.

Sie konnten kürzlich ein sattes Investment mit einer, ich zitiere: "mittleren sechstelligen Euro-Summe" an Land ziehen. Zuerst einmal: "Herzlichen Glückwunsch!". Nun aber: Was fangen Sie mit dem Geld an? Welche Posten stehen ganz oben auf der Wunschliste und welche Ziele können Sie mit der Summe verwirklichen?

Berning: Wir sind sehr froh, dass unser Konzept eindeutig auch in der Investorenwelt gut ankommt. Wir befanden uns in der glücklichen Lage zwischen mehreren Investoren wählen zu können.

Da wir ein Unternehmen sind, das auf Internationalität setzt, möchten wir natürlich auch in der jeweiligen Muttersprache unserer größten Kunden kommunizieren. Bereits jetzt verfügen wir zum Beispiel über eine deutsche, englische und italienische Internetpräsenz. Diesen Bereich werden wir ausbauen und erweitern. Zudem möchten wir unseren Kunden noch mehr Service bieten. Sei es in Form unserer Kundenbetreuung, in der Vereinfachung der finanziellen Abläufe oder auch anhand von einer noch benutzerfreundlicheren Website. Wir arbeiten an mehreren Baustellen gleichzeitig.

Perspektivisch gesehen wollen und müssen wir natürlich auch personell aufstocken. Es steht in naher Zukunft einiges an.

Von Ihrer Pressabteilung wurde ebenfalls "ein monatliches Wachstum von 40 Prozent" kolportiert. Stand das so in Ihrem Businessplan oder wurden Sie von dem Erfolg überrascht?

Jajeh: Mit ähnlichen Werten haben wir auch in unserem Businessplan gerechnet. Wenn es dann jedoch wirklich so gut läuft wie geplant, ist das natürlich super. Die aktuelle Entwicklung zeigt uns, dass unsere Berechnungen der Realität entsprachen und stimmen uns positiv auf die Zukunft ein. Der Markt und das Potenzial, das in ihm steckt, sind einfach gigantisch. Die Kunden geben uns recht.

Wie stellen Sie es eigentlich an, die internationalen Experten anzusprechen?

Lindinger: Wir haben verschiedene Zweige aufgebaut, um möglichst schnell und effektiv Experten zu gewinnen – national und international. Zum einen verfügen wir über ein Team das sich mit der Neukundenakquise beschäftigt. Da wir ein international agierendes Unternehmen sind, beschäftigen wir Kollegen mit verschiedensten Muttersprachen. Der persönliche Kontakt zu den Experten ist uns sehr wichtig. Daneben akquirieren wir Kunden über Internet-Portale wie Google oder relevante Social Media-Seiten. Über 90 Prozent unserer Kunden bewerten die durch uns vermittelten Dienstleistungen mit der Höchstnote.

Wenn Sie die aktuellen Debatten über das Für und Wider qualifizierter Zuwanderung verfolgen, müssen Sie sich doch ins Fäustchen lachen - denn Sie bieten quasi eine wichtige Antwort darauf - nämlich die Globalisierung und Dezentralisierung von Arbeit. Doch Ihr Konzept greift nicht in jeder Branche. Oder kann man auf twago zukünftig auch Bauarbeiter anheuern?

Berning: Wir haben zum richtigen Zeitpunkt gegründet nämlich genau dann, als Lehmann Brothers pleite ging. Die Wirtschaftskrise war für uns kein Problem, denn die Dienstleister konnten durch uns neue Aufträge finden und konnten so auch in dieser schwierigen Zeit wachsen. Jetzt zum Zeitpunkt des Booms suchen die Kunden händeringend nach talentierten Fachkräften. Bei uns können sie Projekte bearbeiten lassen, ohne dass sie erst monatelang nach entsprechendem Personal suchen müssen. Wir tragen also dazu bei, dass der Aufschwung nicht an Geschwindigkeit verliert.

Fachkräftemangel ist ja im Grunde in Deutschland nicht ganz neu. Mit der Lösung, die wir anbieten, finden Unternehmen jetzt ein Instrument, mit dem sie den Fachkräftemangel umgehen können.

Berning: Für uns stand seit Anfang an fest, dass das Konzept von twago nur dann funktionieren kann, wenn wir auf internationale Mitarbeiter, Kunden und Dienstleister setzen. Es hat sich gezeigt, dass wir eindeutig auf das richtige Pferd damit gesetzt haben und auch weiterhin setzen werden. Warum sollte man nicht von der Globalisierung profitieren anstatt sich von ihr überrennen zu lassen? Unserer Ansicht nach bietet die Internationalisierung des Arbeitsmarktes unglaubliche Chancen für beide Seiten. Arbeitgeber und -nehmer.

Jajeh: Bauarbeiter wird man übrigens nie bei twago anheuern können. Wir haben uns auf Online-Dienstleistungen spezialisiert und sehen diesen Markt noch weiterhin stark wachsen. McKinsey hat z.B. in einer Studie veröffentlicht, das bis 2020 der Umsatz im Bereich des Offshoring weltweit von 80 Milliarden US-Dollar auf 500 Milliarden US-Dollar wachsen wird.

Unser Konzept zeigt, dass eine räumliche Zuwanderung von Fachkräften nicht notgedrungen nötig ist. Online-Dienstleistungen können von überall aus erstellt werden. Egal ob der Leistungserbringer in Deutschland, oder in Übersee lebt. Die Hauptsache ist, dass das Ergebnis stimmt. Auf globalem Niveau gibt es keinen Fachkräftemangel, warum also nicht über die deutschen Landesgrenzen hinausschauen?

War twago.de Ihre erste Gründung oder konnte einer von Ihnen auf frühere Erfahrungen zurückgreifen?

Lindinger: Erfahrungen haben wir alle im Aufbau und der Umsetzung neuer Ideen. Das gehört zum Alltagsgeschäft in der Beratung. Ein eigenes Unternehmen hat noch keiner von uns gegründet. Wir sind also sozusagen Newcomer.

Berning: Dass unser Businessplan funktioniert ist eine Bestätigung unserer Arbeit. Bei Lycos Europe war ich zu Beginn der dreißigste Mitarbeiter, innerhalb von anderthalb Jahren ging es hoch bis auf 1.200 Mitarbeiter und ab da wieder abwärts. Nie wieder – außer heute – habe ich so schnell so viel gelernt, von dem wir jetzt sehr profitieren. Aber es macht auch Spaß, neue Aufgabenstellungen zu meistern. So viel wie ich mit twago lerne, habe ich noch in keinem anderen Job gelernt.

Von welchen Herausforderungen wurden Sie überrascht? Gab es Dinge, die Sie im Nachhinein anders regeln würden?

Jajeh: Überrascht wurden wir eindeutig von dem Hackerangriff im Juli 2010 auf unseren Server! Sowas habe ich noch nie erlebt! Die DOS (Denial of Service, Anm. d. Red.)-Attacke hat unseren Server in die Knie gezwungen. Ein Hacker hat mehrere tausend Seitenaufrufe pro Minute an twago geschickt. Gottseidank hat unser IT-Team schnell reagiert, so dass die Nutzer davon so gut wie nichts mitbekommen haben. Aus solchen Dingen lernt man eindeutig. Mittlerweile haben wir ein Sicherheitsnetz um unsere Server aufgebaut, damit so etwas nicht wieder passieren wird.

Gibt es wichtige Einsichten aus der Gründung, die Sie gern mit Start-up-Newcomern teilen würden? Die wichtigsten Lektionen?

Lindinger: Grundvoraussetzung ist es ein gutes Team aufzubauen. Das ist das A und O. Dieses muss sich gegenseitig ergänzen und hoch motiviert sein. Es muss sich im Klaren darüber sein, dass man auch mit Engpässen rechnen muss und vor allem am Anfang viel Zeit und Kraft sowie auch Geld investieren muss.

Anfangs ist es wichtig, schnell Geschwindigkeit aufzunehmen. Der Weg bis zum Break-Even ist steil. Je näher man jedoch dem Gipfel kommt, desto aufregender wird es und irgendwann wird das Projekt zum Selbstläufer. Das ist ein tolles Gefühl, wenn die Kunden und Partner auf einen von alleine zukommen und immer mehr Leute von Deinem Projekt wissen – wenn es in aller Munde ist.

Berning: Wichtig ist zu wissen, dass alles immer ein bißchen länger dauert als geplant. Da helfen auch die professionellsten Projektpläne manchmal nicht. Für uns war es sehr wichtig, von Anfang an die Kosten extrem unter Kontrolle zu halten.

Mussten Sie Ihr Leben "dank" des Erfolgs eigentlich gravierend umstellen?

Berning: Nein, wir mussten unser Leben nicht umstellen. Erfolg bedeutet für uns, für unsere Kunden das richtige Konzept zur richtigen Zeit zu bieten. Er basiert auf sehr harter Arbeit, teilweise mit 80-Stunden-Wochen.

Jajeh: Ich würde sagen, dass unser aller Leben sich sehr geändert hat, aber wegen des neuen Konzepts von Zusammenarbeit und nicht wegen des Erfolgs. Ich war zum Beispiel aufgrund meiner vorherigen Anstellung so gut wie permanent im Ausland unterwegs. Bei twago arbeiten wir zwar auch im internationalen Umfeld und mit internationalen Partnern, aber der Clou dabei ist, dass wir nicht den Ort wechseln müssen. Wir bleiben in Berlin und müssen nicht zeit- und kostenintensiv durch die Welt fliegen. Den modernen Kommunikationstechnologien sei Dank.

Ich bedanke mich für das Interview und wünsche Ihnen viel Erfolg!

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