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07.07.11Kommentieren

Burnout und Neuorientierung

Das Wagnis mit der Existenzgründung

Viele freiberufliche Gründungen erweisen sich als wenig tragfähig. Nicht selten kehren Existenzgründer trotz vieler Hilfen wie Gründungszuschuss, Gründerkredite und Gründercoaching Deutschland in das Angestelltenverhältnis zurück. Darunter sind auch Gründer zu finden, die zuvor reflexartig dem Herkunftsberuf den Rücken gekehrt haben. Der schnelle Start in die Selbständigkeit folgte einer krankheitsbedingten Trennung vom vorherigen Arbeitgeber und anschließender Arbeitslosigkeit. Handelt es sich hierbei um Einzelfälle?

Ein Beitrag von Guido Ernst Hannig

Psychosoziale Erkrankungen und das sog. Burnout-Phänomen sind auf dem Vormarsch. Medien berichten von den wachsenden Kosten für die Gemeinschaft. Sie sind auch verursacht durch die Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt. Dauerhaft fehlende emotionale Bindung an die bestehenden Wirtschaftstrukturen fördert neue Formen von unternehmerischen Beschäftigungen. Ein wachsendes Interesse an alternativen Methoden wie z. B. an Yoga, Coaching, Wellness-Massagen oder Meditation ist zu beobachten. Seminarinstitute nutzen diesen Trend und verstärken die Hoffnung der Betroffenen, davon einmal leben zu können.

Erst wenn nach dem Start die Umsätze hinter den Erwartungen zurückbleiben, beginnen Gründer die verschiedenen Facetten ihrer Existenzgründung zu beleuchten. Was ist zu tun, damit diese Gründer die verschiedenen Hilfsangebote "rechtzeitig" nutzen?

Wagnis Selbständigkeit?

Wer in seinem bisherigen beruflichen Leben gerne die Nähe zu anderen Menschen hatte, beginnt irgendwann zu träumen, dies im eigenen Namen tun zu können. Coaching-, Yoga-, Heiler-Institute und andere pädagogische Ausbildungsanbieter haben sich dem gewachsenen Bewusstsein vieler Menschen verschrieben. Diese positive Entwicklung ist eng mit den Erfahrungen der Berufstätigen verbunden, die teilweise in einer krankmachenden Arbeitswelt gelebt haben. Die Nachfrage nach einer Möglichkeit, die eigene Berufung – spät, aber nicht zu spät - leben zu können, greifen die Ausbildungsinstitute mit ihren Angeboten auf. Ich selbst habe mehrere solcher Ausbildungen mit Wochenend-Modulen und Praktika-Einheiten absolviert und weiß sie zu schätzen. Doch im Zeitablauf habe ich als ganzheitlicher Gründungsberater mit einiger Verwunderung festgestellt, dass sie ebenso Illusionen beschleunigen. Bernhard Kuntz, Marketingberater für Trainer, Berater und Coachs, hat sich z. B. intensiv mit dem deutschen Coaching-Markt beschäftigt und schrieb hier auf Förderland zu diesem Thema. Er rät in einem Beitrag für Business-Wissen.de den Neueinsteigern ab, sich ausschließlich als Coachs selbständig zu machen. Denn mit Coaching alleine könne man nur ein Zubrot verdienen. Scharf ins Gericht geht er mit den Ausbildungsinstituten, die aus seiner Sicht das Thema Coaching puschen: "In drei, vier Jahren wird die 'Coaching-Blase' wie eine Börsenblase platzen", sagt er. Bruchlandungen auf dem Boden der wirtschaftlichen Tatsachen bleiben dann nicht aus, wenn nicht vor dem Start in die Selbständigkeit ausgewogen über die persönlichen und fachlichen Aspekte der Gründung beraten wird.

Planung und Motivationsarbeit

Damit die Gründungsidee ökonomisch tragfähig wird, braucht es ein Verständnis, das sowohl die persönliche Situation, den Herkunftsberuf als auch die wirtschaftliche Vernunft sinnvoll verbindet. Existenzgründungsberatungen dürfen gerade bei den Gründungen aus der Arbeitslosigkeit, besonders bei einem vorherigen Burnout, die Berufungs- oder Visionsthematik nicht unterschätzen. Niemand wird bestreiten, dass die Arbeitsergebnisse auf Dauer von der inneren Lebendigkeit abhängen. Mit geduldiger Klärungsarbeit, ausreichend vor dem Startbeginn, schaffen wir einen beruflichen Neuanfang, der sowohl ein ganzheitliches Bewusstsein als auch die ökonomischen Aspekte berücksichtigt.

Manchmal gründen Menschen Unternehmen, obwohl sie gar nicht zum Unternehmer berufen sind. Zwar ruft die Seele sehnsüchtig nach Befreiung von einer schmerzerfüllten beruflichen Situation. Das bisherige Gehalt wurde als Schmerzensgeld für das empfunden, was man ihnen angetan hat. "Für mich war klar, dass ich niemals zurück in die Versicherung möchte", erzählte Verena, die heute ein Wellness-Massage-Studio leitet. "Meine Arbeit in diesem großen Unternehmen hat mir zuletzt die Gesundheit geraubt. Ich habe gutes Geld verdient, etwas auf die Seite legen können und dennoch nie zu dem gestanden, was das Unternehmen an Nutzen für seine Kunden verspricht. Ich verstand mich weder mit meinem Chef noch mit meinen Kollegen. Durch ein gezieltes Mobbing wurde ich dann irgendwann krank. Der Abwicklungsvertrag mit einer kleinen Abfindung war für mich die Erlösung. Nie wieder wollte ich etwas ähnliches erleben."

Für Verena war das Trauma eine Grenzsituation, die sie noch während ihrer Gründungzeit bei einem Therapeuten behandeln ließ. Immer wieder begegneten ihr in den folgenden Ausbildungen die inneren Verletzungen, die ihr in der vorherigen Arbeitswelt zugeführt wurden. In nachfolgenden Monaten erkannte sie, dass sie als Gründerin noch nicht einen vollen Arbeitstag schaffte: »Mir war nur eines klar, dass ich nicht wieder zurück will. So löste der Gedanke an eine Geschäftsgründung erst einmal Erleichterung aus", sagte Verena.

Gründung als Flucht

Grenzsituationen können Anstoß für den eigenen Heilungsprozess sein. Viele Menschen erkennen gerade durch eine sinnentleerte Arbeitsumgebung ihre Sehnsucht, die Berufung zu finden und zu leben. Es entsteht ein Verlangen, in der beruflichen Praxis helfend tätig zu sein. Sicher ist das ein Grund, warum viele Spätberufene mit der Berufung ein Berufsziel im helfenden Sektor verbinden. Doch um einen Businessplan für die Arbeitsagentur schreiben zu können, braucht es ein Leistungsangebot, ein Nutzen für den Markt und eine Strategie: "Schon während meiner Arbeit in der Versicherung machte ich eine Yoga-Lehrer- und eine Massage-Ausbildung. Die Vorstellung, in diesen beiden Bereichen Menschen zu unterstützen, löste Glücksgefühle aus. In den eigenen vier Wänden richtete ich einen Behandlungsraum ein. Dadurch ließen sich die Betriebskosten in einem überschaubaren Rahmen halten. Was alles für den Businessplan nötig war, lernte ich in einem mehrtägigen Existenzgründerseminar. Mit Hilfe des Businessplanes und Gründungszuschuss-Zusage fühlte ich mich erst mal in Sicherheit. So verliefen die ersten Monate, ich bildete mich weiter aus und traf mich mit anderen Gründern in Netzwerken. Am Ende haben mir die Unternehmernetzwerke geholfen, wieder in der Realität zu erwachen", sagte Verena.

Die Entwicklung von Unternehmerfähigkeiten

"Vertriebsfähigkeiten kann jeder erlernen." Das sagte mir kürzlich ein pensionierter Vertriebsleiter, der sich bei den Wirtschaftspaten engagiert. Tatsächlich ist die persönliche Entwicklung der klassischen Unternehmerfähigkeiten wie Führen und Verkaufen eine ewige Trainingsaufgabe – nicht nur für den Gründer. Jedoch ohne die Bereitschaft des Einzelunternehmers, hierfür viel Zeit zu investieren, ist selbst die genialste Idee nahezu aussichtlos. Diese Bereitschaft ist abhängig von zwei Faktoren: Der eine Faktor heißt Neigung und kann selbst bei einem gesunden und vitalen Menschen nicht verändert werden. Ich behaupte, dass ein dauerhaft großer Widerstand gegenüber ganz bestimmte Tätigkeiten zu psychosomatischen Erkrankungen beitragen kann – und das gilt umso mehr bei bereits an Burnout erkrankten Menschen. Wer als Selbstständiger frühzeitig erkennt, dass er z. B. das Verkaufen nicht mag, sollte sich schon in der Vorgründungsphase um einen Partner mit genau diesen Vorlieben kümmern.

Der andere Faktor heißt Ressourcen. Ein an Burnout erkrankter Gründer tut gut daran, ehrlich zu sich selbst zu sein. Als Gründungsberater rate ich zur Vorsicht, wenn die Freude oder die Kraft für eine intensive Werbekampagne fehlt. Denn zumeist sind sie gerade als Einzelkämpfer in den Branchen unterwegs, wo die Ausarbeitung eines Profils, einer klaren Positionierung und die nachhaltige Umsetzung des Marketingkonzepts zwingend nötig werden. Verena ist da keine Ausnahme. Die Ermüdungssymptome machten sich gerade bemerkbar, als ihr der Zwang zum Handeln immer bewusster wurde: "Die Arbeit in meiner Massagepraxis machte mir viel Freude. Doch ich wurde immer trauriger als ich merkte, dass der Durchbruch noch lange auf sich warten lässt. Auf einer Netzwerkveranstaltung hörte ich dann von dem Programm Gründercoaching Deutschland."

Kurswechsel zum Kompromiss

Ein staatlich gefördertes Gründercoaching gibt für viele Gründer erstmals die Möglichkeit, ihre Situation ganzheitlich zu analysieren. Während sich vor der Gründung möglicherweise Hoffnung und Blauäugigkeit die Waage hielten, sprechen die Zahlen nach ein paar Monaten Selbstständigkeit eine andere Sprache. Die Rückschau motiviert so manchen Gründer die eigene Persönlichkeit und die Geschäftsidee kritischer zu betrachten. Ist es tatsächlich die Liebe zu dieser Berufung oder die Angst vor dem Scheitern, die den Kurswechsel auslöst. Unter dem Gesichtspunkt der Berufung wäre es unter Umständen auch möglich, wenn sie nebenberuflich oder gar ehrenamtlich ausgeübt würde. Der Kurswechsel braucht zuerst einen Blickwechsel, hin zu einer erneuten Entscheidung. Besteht ein Gefühl – ja die Gewissheit -, für diese unternehmerische Aufgabe auserwählt zu sein? Nicht die zukünftige Erfolgsquote, sondern die Freude und der Glaube an die eigene Schaffenskraft ist der Antreiber. Die wichtigste Voraussetzung für das Gelingen eines Gründungsprojekts ist neben der Berufung zum Unternehmer, die Begeisterung für den Sinn der zukünftigen Kraftanstrengung. Ein Gründer, der wegen Sinnlosigkeit ausbrannte, also eher an einem "Bored-out" litt, wird durch die Perspektive Sinnentfaltung wieder brennen können. Dann kann das "Brennen" z. B. dem Bemühen um einen Gründerkredit, dem Suchen nach einem neuen Geschäftslokal oder dem Start einer Pressekampagene helfen, damit das junge Unternehmen Früchte tragen kann.

Auch Verena erkannte, dass sie diese Kerntugenden eines Unternehmers von Pro-Aktivität und Entschiedenheit nie wirklich verinnerlichen konnte: "Ich wollte Menschen berühren und mit ihnen auf eine andere Art und Weise arbeiten. Meine Wellness-Massagen passen daher sehr gut zu mir. Die staatlichen Förderungen machten es mir leichter, mich für die Selbstständigkeit zu entscheiden. Gewissermaßen habe ich dadurch sogar für eine längere Zeit die unangenehmen Konsequenzen verdrängen können. Das Gründercoaching sollte mich ermutigen und anleiten, wieder ungeschminkt hinzuschauen. Ich kam zu einer Richtungsänderung. Heute verbinde ich meine Berufung im Nebenberuf, habe eine feste Teilzeitstellung angenommen und lebe wieder weitgehend beschwerdefrei."

Die Berufung rechtzeitig klären

Manchmal überwiegt jedoch die Enttäuschung. Einigen Gründern ist es trotz umfangreicher Hilfen nicht gelungen, das gegründete Unternehmen zu etablieren. Sie klagen dann über die gesamtwirtschaftliche Situation, den Wettbewerb oder das Fehlen von Kapital. Andere sind selbstkritischer und geben zu, dass zu wenig Herzblut vorhanden war, die psychische- oder gesundheitliche Situation zu ungünstig war oder das Unternehmertalent einfach fehlte. Sicher liegt die Wahrheit immer in der Mitte. Leider aber wird die Berufungsfrage bei sehr vielen Gründern in einer Beratung spät oder gar nicht gestellt. Welche Änderungen bieten sich da an?

In Zeiten, in der Burnout gerade zur Volkskrankheit wird und immer mehr Berufstätige durch ihre psychosoziale Situation arbeitslos werden, sollten die staatlichen Fördergeber umdenken. Während einige Unternehmen ihren freigesetzten Fach- und Führungskräften geförderte Orientierungs- und Personalberatung ("Out- bzw. Newplacement-Beratungen)" ermöglichen, ist der Eigenanteil für eine längere Beratung vor dem Start (häufig Vorgründungsberatung genannt) relativ hoch. Zusätzlich fühlen sich viele Gründer gegenüber der Agentur für Arbeit zeitlich unter Druck. So bevorzugt der Gründer den schnellen Weg und erstellt einen Businessplan, der von einer fachkundlichen Stelle abgezeichnet werden muss. Eine wirklich tiefere Auseinandersetzung mit den eigenen Motiven und Neigungen erfolgt häufig erst später mit dem Gründercoaching, aber erst nach dem Start. Warum erst teilweise Monate nach dem Start? Für den aus der Arbeitslosigkeit kommenden Gründer wird eine Unternehmensberatung erst jetzt richtig günstig. Eine intensive Beratung mit einem Gründungsexperten kostet – sofern alle Förderbedingungen zutreffen – nur einen Eigenanteil von 10 Prozent.

Aus kurzfristiger Sicht ist das aus Sicht des Gründers verständlich. Mit dem Programm Gründercoaching Deutschland soll zudem in erster Linie in den betriebswirtschaftlichen Management-Disziplinen beraten werden. Wie Stephen R. Covey (Die sieben Wege zur Effektivität) betone ich jedoch die Wichtigkeit der Stärkung von persönlicher Führung. Während im Management die Fragen der Planung, der Finanzierung und der Projektoptimierung den Schwerpunkt ausmachen, muss ein Unternehmer zuvor die Vision, die Werte und die Zielaussage klären und definieren. Beides muss zur rechten Zeit einen angemessenen Raum haben.

Autor: Guido Ernst Hannig

Spiritueller Berufscoach und ganzheitlicher Gründungsberater
Website des Autors
Guido Ernst Hannig

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