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19.11.09Leser-Kommentare

Was wurde eigentlich aus ... schutzgeld.de

... auf der Betreiberseite wird dieses Businessmodell einfach langweilig

Vor etwa zwei Jahren unterhielten wir uns mit dem Düsseldorfer Start-up schutzgeld.de. Das Unternehmen war damals aufgebrochen, um mit einer Live Shopping-Lösung, die um eine Mafia-Geschichte aufgezogen war, den deutschen Internet-Markt zu erobern. Heute erzählt uns Peter Faisst, Geschäftsführer und "Pate" von Schutzgeld.de warum der Betrieb des Start-ups eingestellt wurde, warum das Konzept in anderem Kontext aber immer noch attraktiv wäre und was er alles daraus gelernt hat.

Peter Faisst, schutzgeld.dePeter Faisst, schutzgeld.de

Guten Tag Herr Faisst, Ihren schutzgeld.de-Kunden auch bekannt unter "Der Pate". Ihr Live-Shopping-Projekt schutzgeld.de haben Sie bereits letztes Jahr eingestellt, die Seite ist zwar noch online, aber es tut sich nichts mehr. Wollen Sie uns nicht über die Umstände aufklären, die zum Zurückfahren des Projekts geführt haben?

Peter Faisst: Nach etwa einem Jahr im Betrieb konnte man sich ein valides Urteil über den Markt, den wir da geschaffen hatten, bilden. Das machte klar, dass – wie wir es eigentlich auch erwartet hatten – das Liveshopping-Geschäftsmodell für "stand-alone"-Shops alleine aus der Ware heraus nicht trägt. Es kann niemals eine kritische Masse erreicht werden, die ein profitables Warengeschäft ermöglicht. Jeder kann sich das auf einem Bierdeckel schnell ausrechnen anhand der maximal möglichen Stückzahlen, der Anzahl Kunden und des Deckungsbeitrags am Produkt. Man braucht dabei nur zwei der vier Grundrechenarten, so dass auch jüngere Leute mit diesem mathematischen Problem fertig werden können sollten. Insofern waren wir eher erstaunt, dass wir die einzigen waren, die diese Erkenntnis damals hatten.  Jetzt wissen es aber ja auch ein paar der anderen.

Aber von allen sachlichen Aspekten mal ab stimmt auch das, was wir auf der Seite announct haben. Für Leute mit einem gewissen intellektuellen Anspruch auf der Betreiberseite wird dieses Businessmodell einfach langweilig. Jeden Tag ein Produkt macht zwar viel Arbeit, ist aber an sich total öde.

Gab es eigentlich jemals einen Businessplan für schutzgeld? Wenn man unser letztes Interview anschaut machte es eher den Eindruck, dass Sie niemanden von dem Projekt überzeugen mussten, da sie alle Mittel selbst in der Hand hatten.

Faisst: Natürlich gab es einen Business-Plan, der sogar recht ausführlich auf runden 40 Seiten Konzept und Kalkulation als Modellrechnung aufgebaut hat. Genau daraus ergab sich ja auch, wohin der Markt sich in welcher Zeit entwickeln muss, damit das aus sich heraus und stand-alone funktionieren kann. Richtig ist auch, dass wir praktisch grundsätzlich nur eigenes, vorher verdientes Geld ausgeben. Aber das spricht ja nicht dagegen, es geplant zu tun. In der Regel wissen wir also sehr gut, was wir tun.

Was haben Sie aus schutzgeld.de gelernt?

Faisst: Unendlich viel. Denn das war für uns der eigentliche Grund, dieses Handelsmodell hochzuziehen, obwohl wir kein Händler sind. Wir haben zum Beispiel ein Team aufgebaut, dass schnell und professionell agiert hat und eine tolle Lernkurve hingelegt hat. Wir konnten einigen unserer Agenturkunden demonstrieren, wie man in Web 2.0-Kontexten erfolgreich eine Community aufbaut und führt. Und als PR-Lehrstück konnte sich das Ganze ja auch sehen lassen, immerhin haben wir da binnen weniger Moante einen Markt geschaffen, den es vorher hier nicht gab.

Sie haben mir geschrieben, ich interpretiere jetzt frei, dass jetzt wo Hauptkonkurrent guut.de live-shoppingmäßig langsam den Bach runtergeht wieder neue Ambitionen in Ihnen erwachen. Was hat es damit auf sich?

Faisst: Wir haben ja nie gesagt, dass dieses Modell grundsätzlich nicht funktioniert, ganz im Gegenteil haben wir ja bewiesen, dass man damit eine Menge bewirken kann. Unser Punkt war lediglich, dass eine Kapitalisierung im deutschen Markt mit nur einem Produkt am Tag nie möglich sein wird.

Als Aktions- und Community-Mechanik halten wir Liveshopping für ein hervorragendes Mittel, um z. B. die weit verbreitete Langeweile im Onlinehandel zu bekämpfen und auch, um fein segmentierte Shopping-Communites aufzubauen.

Bedauerlicherweise haben aber die etablierten Händler dieses Modell entweder nicht aufgegriffen oder es eben völlig langweilig und ohne jeglichen Esprit umgesetzt. Wen soll denn etwa ein "zackzack", ein "yatego spot shopping" oder ein "ebay wow" hinter dem Ofen hervor locken? Aber vielleicht kommen die kreativen und ambitionierten Projekte ja erst noch in der zweiten Phase des Liveshopping.

Wer in diesem Sinne etwas mit uns zusammen tun will, gerne ... . Und mit unserer Domain schutzgeld.de – eine der besten, die wir haben! - sind wir sicher noch lange nicht fertig, mal schauen, was wir damit noch so tun werden.

Sie machen einen recht geschäftstätigen Eindruck, verraten Sie uns was Sie noch alles am kochen haben? Da wäre ja zum einen schon einmal die Marketing-Factory …

Faisst: Ja, unser Kerngeschäft seit 1996 ist natürlich die Internet- und Marketing-Agentur, mit der wir für Kunden wie Henkel, Westfalia, Metabo, ista und zahlreiche andere erfolgreich tätig sind. Unsere Onlinedienste haben wir zu Beginn 2009 in eine eigene GmbH ausgegliedert. Die betreibt jetzt u.a. Dienste wie die Contentportale www.heimwerker.de und www.ratgeber.de und den Online-Blumenversender www.BlumenButler.de. Ansonsten produziert die Marketing Factory seit jetzt über 13 Jahren eben das, was der Name verspricht: Marketing. In der derzeitigen Krise laufen deshalb auch unsere Geschäfte besser denn je.

Sie hatten sich bei schutzgeld.de dazu entschieden, eine etwas ungewöhnliche Ansprache zu wählen. (Für alle die es nicht wissen: Um Schutzgeld war eine Art Mafia-Story gesponnen) Wie kam diese Ansprache an: Gab es Zuspruch oder hat es für Verwirrung gesorgt?

Faisst: Aber genau das war ja unser Alleinstellungsmerkmal. Und genau das hat auch unsere Community-Mitglieder elektrisiert und bewegt. Und genau das war auch das Mittel gegen die Langeweile beim Onlineshopping. Und genau das fehlt allen anderen bis heute ... denn ein einziges Produkt am Tag ist doch aus sich heraus eher langweiliger, als ein volles Sortiment mit vielen Aktionen.

Ich bin der Überzeugung, dass eben genau die Story der entscheidende Erfolgsfaktor war und das hat sich in der Kommunikation mit unseren "Gangmitgliedern" auch bewiesen.

Was ist aus eigentlich aus Ihren "Schergen" geworden? Herr Eros, wie Sie berichten ist immer noch mit Ihnen, was ist mit dem Rest?

Faisst: Der Eros verdoppelt Umsätze und Erträge unserer Contentportale und managed die höchst erfolgreich, die Mafiabraut haben wir zur Blumenfee umgeschult, sie managed unseren BlumenButler, die Melanie hat sich immer noch hinter mehreren Monitoren verschanzt und keiner weiss, was sie eigentlich tut, der Luigi ist aus dem Schutzgeld-Keller dann doch entkommen und studiert jetzt, warum auch immer ... und so geht es die Reihen durch. Also: Keiner ist rausgeflogen, als wir das Warengeschäft eingestellt haben. Alle bekamen ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnten. Und alle sind – nicht zuletzt auf Basis dessen, was wir alle bei schutzgeld.de gelernt haben – sehr erfolgreich und mit viel Spass hier an der Arbeit. Also, ich hoffe mal, die arbeiten ... so genau weiss man das ja nie. Ich geh’ aber gleich mal nachschauen.

Was ist Ihre Einschätzung: Hat Live-Shopping überhaupt eine Zukunft? Wenn ja, was müssten die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Start sein?

Faisst: Ich glaube, ich habe das schon weitgehend beantwortet. Aber hier nochmal eingedampft auf’s wesentliche:

  1. Als stand-alone-Shop ist es Unfug, weil kaufmännisch nicht darstellbar
  2. Im Rahmen einer Gesamt-Aktivität, die ein Handelsgeschäft sein kann, aber nicht muss, macht es nach wie vor – eingebettet in ein Gesamtkonzept – viel Sinn.
  3. Damit das auch den nötigen Impact hat, müssen Konzept und insbesondere Kundenansprache als Alleinstellungsmerkmal konzipiert werden, mit irgend welchem Larifari bewegt man Menschen eben nicht! Und ein erfolgreiches Konzept, muss Menschen bewegen - wie eben schutzgeld.de es getan hat und teils immer noch tut.

Zum Schluss: Geben Sie unseren Lesern, die ja allesamt Gründer sind, doch noch ein, zwei Tipps mit auf den Weg!

Faisst:

  1. Mach’ nichts, was Du nicht bezahlen kannst – und sei die Idee noch so toll
  2. Hör’ rechtzeitig auf, wenn Du letztlich schon irgend wie spürst, dass es nicht so läuft
  3. Mach’ alles, was Du machst mit 100% und zieh’ es professionell durch
  4. Wenn Du "Investoren" hast, behalte sie gut im Auge. Sie sind für Dich gefährlicher als Kunden oder der Markt. Sichere Dich immer gut ab gegen sie, besonders wenn sie freundlich sind.

Ich bedanke mich fürs Interview!

Kommentare

  • Andreas

    19.11.09 (11:07:16)

    Den 4 Tipp finde ich super. "besonders wenn sie freundlich sind" :)

  • Tim Rohrer

    21.11.09 (11:26:10)

    Sehr sch?ne Ideen und Tipps zum Schluss! Ich sehe das mit den Stand-alone Liveshops ?hnlich. Und von iBood w?rd ich halt auch mal gerne Zahlen sehen. Immer nur zu sagen, man w?re profitabel ist schon sch?n aber l?sst ja durchaus Raum f?r Spekulationen. Wann die gro?en Shops selbst mal was kreativer werden, bleibt abzuwarten. Wer daf?r in Frage k?me, habe ich hier zumindest schon mal aufgelistet:
    http://guut-insider.de/2009/11/21/die-liveshopping-oder-tagesangebote-der-grossen-shops/
    Gr??e, Tim Rohrer

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