Erfolg an der Universität

Gründen an der Uni

Wissenschaftler produzieren jede Menge Know-how – als Grundlage für pfiffige Geschäftsideen. Auch Studenten haben immer wieder die Nase im Wind, wenn es um Start-ups an der Uni geht. Daher haben wir uns an deutschen Universitäten umgeschaut und mit einfallsreichen Gründern gesprochen.
"Wir wollen Biogas genauso handelbar machen wie Ökostrom", so die zündende Idee von Florian Henle und Dr. Jakob Assmann. Daher gründeten sie die Firma "Greengas Concepts". Ein Spin-off an der Universität München, wo Dr. Assmann seine Dissertation geschrieben hat. Was verbirgt sich hinter dem Begriff Spin-off? Wissenschaftler sehen eine Marktchance, ihre Forschungsergebnisse in ein Produkt zu verwandeln. Eine Geschäftsidee wird geboren, der Weg in die Selbstständigkeit beginnt. Auf diese Weise entsteht ein Spin-off, was sich wörtlich mit "Ableger" übersetzen lässt. Der Spin-off hat seine Wurzeln in einem Forschungsinstitut - die Gründer können oft auf Ressourcen des alten Arbeitgebers aufbauen.

So ist das auch bei Diplom-Betriebswirt Florian Henle: "Wir haben einen tollen Geist am Institut", freut sich der Gründer. Denn das Institut "Information, Organisation und Management" ist ein gutes Sprungbrett in die Selbstständigkeit. An ihm hat Dr. Assmann promoviert, der Leiter Prof. Arnold Picot unterstützt die Gründer mit Rat und Tat – sowie vielen Kontakten in Wissenschaft und Wirtschaft. Die universitäre Anbindung zahlt sich auch finanziell aus, Henle und Dr. Assmann erhalten ein "exist-Gründerstipendium": 100.000 Euro für ein Jahr, um ihr Produkt zur Marktreife zu entwickeln. Die Mittel kommen aus einem Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi), kofinanziert durch den Europäischen Sozialfonds.

Wettbewerb: EXIST-Gründungskultur - Die Gründerhochschule

Zurzeit läuft vom BMWi auch der Wettbewerb "EXIST-Gründungskultur - Die Gründerhochschule": In den kommenden sieben Jahren stehen dafür 46 Millionen Euro bereit – und 24 von 83 Hochschulen haben den Sprung in die zweite Runde geschafft. Sie sollen bis April 2011 ein genaues Konzept für eine "ganzheitliche hochschulweite Gründungsstrategie" entwickeln. Wer eine der zehn besten Strategien vorlegt, wird ab Herbst 2011 bis zu fünf Jahre finanziell gefördert, wenn es um die praktische Umsetzung geht. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle: "Das Gründungsthema darf nicht länger ein Nischenthema einzelner Entrepreneurship-Lehrstühle sein". 2009 gab es 60 von diesen Lehrstühlen, 1997 wurde der erste ins Leben gerufen.

Einer ist an der Universität Kiel entstanden: der Lehrstuhl für Gründungs- und Innovationsmanagement. Die Kieler Universität ist auch beim BMWi-Wettbewerb in die zweite Runde gekommen. Was lernen Studenten, wenn sie an diesem Lehrstuhl Seminare besuchen? Zum Beispiel üben sie mit einem computergestützten Planspiel, ein Unternehmen zu führen, vernetzt zu denken und einen Businessplan zu schreiben. Oder: Sie beschäftigen sich mit "Technologiebasierten Spin-off-Gründungen" – an praktischen Beispielen wird geklärt, wie sich ein Hightech-Unternehmen am Markt etabliert.

Geschäftsideen: "Erklärvideos für Jedermann" und Biogas-Zertifikate

Alles Überlegungen, die sicher schon Andreas Dautermann durch den Kopf gegangen sind: Er ist zwar noch an der Universität Mainz immatrikuliert und schreibt im Fach Publizistik seine Abschluss-Arbeit. Doch genauso schlägt sein Herz für das Start-up "Starhilfe50", das er mit seinem Kommilitonen Kristoffer Braun gegründet hat. "Unsere Eltern stellten zum Computer immer dieselben Fragen, das hat uns genervt", erzählt Dautermann. So entstand ihre Geschäftsidee: "Erklärvideos für Jedermann". Die Studenten haben eine DVD-Edition aufgelegt, zum Beispiel 150 Filme über "Windows XP". 15 Stunden Lernmaterial, die speziell für Laien gestaltet worden sind. Beim BMWi-Wettbewerb "Wege ins Netz" kamen Dautermann und Braun 2009 auf den dritten Platz. Warum die Gründung mitten im Studium? "Da kann man sich noch ohne Druck ausprobieren", sagt Dautermann. Nach dem Abschluss geht es viel mehr um die wirtschaftliche Existenz. Außerdem ist das Umfeld an der Universität ideal, um geeignete Partner kennen zu lernen. Sein Tipp für Gründer: Immer jemand ins Boot holen, wenn die Chemie stimmt.

Das passierte auch Anfang 2010 in München – Florian Henle begegnete Dr. Jakob Assmann, und die Idee zur Firma "Greengas Concepts" wurde geboren. Die Gründer organisieren einen Handel mit Biogas-Zertifikaten: Ein Energieunternehmen kauft diese Zertifikate und garantiert damit seinen Kunden, dass "in der Höhe ihres Verbrauches Biogas produziert und eine entsprechende Menge Erdgas verdrängt wird", erläutert Henle. Die zertifizierte Menge Biogas lässt sich dabei an einer beliebigen Stelle in ein lokales Netz einspeisen. Entscheidend ist, dass die Gesamtbilanz stimmt. Und Henle legt großen Wert auf die echte Nachhaltigkeit des Produkts: "Das Biogas wird nur aus Reststoffen hergestellt", so der Gründer. Eine Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion wird so vermieden, weil kein Mais vergoren wird. Henle und Dr. Assmann sind Pioniere auf ihrem Gebiet: "Wir sind gerade dabei, den Markt aufzubauen."

Wenig Pioniergeist: Nur 10 Prozent aller Studenten wollen gründen

Dieser Pioniergeist ist unter deutschen Studenten nicht weit verbreitet, wie die Guesss-Studie 2009 ergab. Die Abkürzung steht für "Global University Entrepreneurial Spirit Students’ Survey". Ergebnis: Lediglich zehn Prozent aller Studenten wollen direkt nach dem Studium ihr eigenes Start-up ins Leben rufen – nicht als Notlösung, sondern als ernsthafte, berufliche Option. Allerdings konnten sich 29 Prozent vorstellen, fünf Jahre nach dem Studium ein Start-up zu initiieren. Übrigens: 73 Prozent der typischen Gründer sind männlich und durchschnittlich 29 Jahre alt. Ihre Topfächer: Volks-, Betriebs- und Verwaltungswissenschaften (22 Prozent), die IT-Wissenschaften liegen auf dem zweiten Platz (20 Prozent). Rund um den Globus haben 60.000 Studenten aus 19 Ländern an dieser Studie teilgenommen, 7.500 kamen aus Deutschland.

Kein Wunder, dass deutsche Universitäten versuchen, unter ihren Studenten einen stärkeren Gründergeist zu wecken. Zum Beispiel in Berlin, wo gerade der 9. "Funpreneur-Wettbewerb" stattgefunden hat: Die Gründungsförderung der Freien Universität Berlin ("profund") arbeitet daran, "Studierenden den Blick für Selbstständigkeit als Berufsperspektive zu öffnen." Die Teilnehmer bilden Teams und entwickeln in einem Workshop Geschäftsideen. Dann gibt´s Kompaktkurse: Recht, Vertrieb, Marketing und Projektmanagement. Die "Funpreneure" gründen für fünf Wochen ein Unternehmen – mit fünf Euro Startkapital. Paten aus der Wirtschaft unterstützen sie dabei. Am Ende ist ein Geschäftsbericht zu schreiben, eine Abschluss-Präsentation rundet den Wettbewerb ab. Den besten Teams winken Preisgelder in Höhe von 2.500 Euro.

Unternehmertum: das "Gefühl der Freiheit"

Bei diesem Wettbewerb waren auch Frensis Fejziaj, Jessyca Staedtler, Dario Seipold und Nicolai Seiffert angetreten: Die Studenten haben das Produkt "Spreadish" erfunden – ein Partyspiel, das die Kommunikation unter den Gästen ankurbeln soll. Handlungsanweisungen und Spielideen werden auf Trinkbecher gedruckt, so sollen Gespräche zwischen Unbekannten in Gang kommen. Gewonnen hat aber das Team "meet-m" (Tizia Macia, Maximilian Stauss, Robert Wasenmüller): Die Studenten hatten ein online-gestütztes Kalendersystem entwickelt, das Fahrschulen zur Terminvergabe nutzen können. Motto: "Mit Vollgas zu neuem Komfort und ungeahnter Flexibilität." Ein Preisgeld von 1.200 Euro konnten die Gewinner mit nach Hause nehmen.

Als Gewinner fühlen sich auch die meisten Gründer, wie die GUESSS-Studie gezeigt hat: 91 Prozent der befragten Entrepreneure freuten sich, den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt zu haben. 79 Prozent waren insgesamt zufriedener als vor diesem Schritt. Florian Henle von "Greengas Concepts" kann dem nur zustimmen: "Mir macht es Spaß, eigene Ideen aus Überzeugung umzusetzen." Dabei ist es ihm wichtig, "nicht im Elfenbeinturm Konzepte zu entwickeln, sondern schnell das Gespräch mit dem Markt zu suchen." Geheimniskrämerei hält er nicht für sinnvoll, der "Lackmus-Test in der Öffentlichkeit" bringt ein Projekt erst voran. Henle kommt aus einer Unternehmer-Familie, seine Großväter hatten bereits einen unternehmerischen Impuls: Der eine gründete eine Firma für Motoröle, der andere einen Feinkostladen. Das "Gefühl der Freiheit" waren ihnen wohl genauso wichtig wie ihrem Enkel.


Ein Beitrag von Ingo Leipner
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