<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

16.01.14Leser-Kommentare

Zunehmende Kritik: Warum Google die eigene Datensammelwut noch um die Ohren fliegen wird

Die Bevölkerung ist ob immer neuer Details über den NSA-Skandal beunruhigt, aber Chefdatensammler Google macht unbeeindruckt weiter. Das wird nicht mehr lange gut gehen.

Google hat in dieser Woche eigentlich nicht mehr getan als das vielversprechende Hardware-Startup Nest zu übernehmen. Jubel brach darüber außer beim den beteiligten Unternehmen und Investoren eigentlich nirgendwo aus. Nest-Kunden, technisch interessierte Bürger oder Journalisten meldeten ihre Sorgen über eine noch weiter gehende Überwachung an. Kritische Stimmen gab es dabei nicht nur in Deutschland, sondern vielfach auch in den USA, wo der NSA-Überwachungsskandal die Menschen bislang gefühlt nicht so sehr stört wie in Deutschland.

Und das ist bemerkenswert, zumal Nest direkt versprach, die Daten, die das Smart-Home-System sammle, stünden nur der Nest-Einheit selbst und keiner anderen Google-Division zur Verfügung. Google hat ein Image-Problem. Und sollte man drüben in Mountain View nicht langsam umdenken, dürfte sich das langfristig auch finanziell bemerkbar machen. Googles Image ist angekratzt

Wann immer ich zuletzt mit Freunden oder Bekannten über neue Entwicklungen in Sachen Hardware und Software sprach und das Thema Google zur Sprache kam, war die erste Reaktion darauf stets eine negative. "Google will mich also noch stärker überwachen und die Daten an die NSA liefern", so der Tenor. Und sei es nur, wenn es um neue Schaltflächen im Chrome-Browser ging.

Im Prinzip alles, was Google in den vergangenen Wochen vorgestellt hat, lässt sich im Hinblick auf das Thema Datenschutz negativ interpretieren. Ich nehme hier bewusst einmal die Rolle eines Schwarzmalers ein. Google macht es einem allerdings auch einfach. Das Unternehmen leistet wenig glaubwürdige Aufklärungsarbeit, um sich vom Image der Datenkrake zu befreien und öffnet Kritikern damit Tür und Tor:

  • Der Erfolg von Chromebooks von stolzen 20 Prozent Marktanteil bei Laptops im Geschäftsjahr 2013 bedeutet auch, dass sich immer mehr Kunden mit ihren Daten dem Google-Universum ausliefern. Google trackt das Surfverhalten der Nutzer und wertet E-Mails und Kontaktdaten aus.
  • Googles neue Play-Dienste sollen die Akku-Laufzeit von Android-Phones erhöhen, wenn die Standortdienste eingeschaltet sind, Google also stets verfolgen kann, wo man gerade ist.
  • Mails auf GMail auch von Google-Plus-Nutzern ohne E-Mail-Adresse empfangen? Ein verzweifelter Versuch, noch mehr Nutzer auf Google Plus zu holen, wo Google jeden Webnutzer katalogisieren will.
  • Google Glass? Der geschickt verpackte Versuch, uns auf Schritt und Tritt zu überwachen und weitere Daten über unsere Umwelt zu sammeln.
  • Das Motorola-Smartphone Moto G erscheint in einer reinen Stock-Android-Version, damit Google dort noch mehr eigene Apps vorinstallieren und die Daten der Nutzer ungefiltert auswerten kann.
  • Google zieht vor Gericht gegen den französischen Staat zu Felde. Dortige Datenschützer waren der Meinung, dass Google mit der Zusammenlegung der Nutzerrichtlinien all seiner Dienste die Nutzer zu wenig über die Verwendung der Daten aufkläre. Google sieht dafür offenbar keinen Bedarf.
  • Googles Open Automotive Alliance? Maßgeblich dazu da, um auch noch unser Fahrverhalten zu studieren.
  • Google hat den in Android 4.3 eingeführten Permission Manager App Ops in Android 4.4 wieder entfernt. Mit dem versteckten Tool war es Android-Benutzern möglich, zu weit gehende Berechtigungen einiger Schnüffel-Apps von Hand einzuschränken.

Selbst Google-Befürworter müssen zugeben, dass das Unternehmen beim Thema Datenschutz oft unbeholfen agiert. Gerade den Rückzug von den App Ops kann man dem Unternehmen kaum positiv auslegen, auch wenn Google sich damit rechtfertigt, es habe sich dabei überhaupt nur um eine versehentlich veröffentlichte Funktion gehandelt.

Google_Glass_Flickr

So oder so ist man erstaunt: Hat Google denn von den ganzen NSA-Skandalen, den Enthüllungen von Edward Snowden und der wachsenden Kritik der Bevölkerung gar nichts mitbekommen? Wie kann der Konzern weiterhin munter Daten sammeln, als wäre es 2009? Wo bleibt die breit angelegte Aufklärungskampagne, die glaubwürdig versichert, dass unsere Daten bei Google sicher und stets anonymisiert sind?

"'1984' gelesen und als Karriereziel verstanden"

Helfen würde selbst das natürlich herzlich wenig. Selbst wenn die NSA von der US-Regierung zurückgepfiffen würde, bleibt das Thema Datenschutz ein heißes Eisen. Wenn die USA uns nicht mehr überwachen, dann machen es eben die Chinesen oder die Bundesregierung selbst. Helfen wird da nur ein generell sparsamerer Umgang mit Personendaten. Aber das scheint Google noch nicht erkannt zu haben, es würde sicherlich auch dem eigenen Geschäft abträglich sein. Dennoch wird der Konzern mit seinem derzeitigen Geschäftsgebaren kaum jemandem glaubhaft versichern können, er sei bei der Nest-Übernahme nicht an den Daten der Kunden interessiert. Dass Nest seine Daten bei sich behalten will, könne sich ändern, gab Nest-CEO Tony Fadell in einem Interview zu.

Und so ist die Kritik derzeit selbst aus den USA für Google eher negativ: Carmel Deamicis und Michael Carney von PandoDaily warnen die Nest-Nutzer vor Google. Wie es scheint haben tatsächlich nur wenige der Kunden Lust, ihre Daten Google auszuhändigen. Stacey Higginbotham von GigaOm schlägt angesichts der Nest-Übernahme durch Google mehr oder weniger die Hände über dem Kopf zusammen. Marktforscher Rob Enderle fällt das vernichtende Urteil: "Ich glaube, Google hat 'Big Brother' gelesen und es als Karriereziel verstanden." Und natürlich gibt es auch aus Deutschland Kritik an der Übernahme: Jan-Keno Janssen etwa vergleicht Googles Vorstoß in die Wohnzimmer mit Skynet, dem Überwachungssystem aus den "Terminator"-Filmen.

Bis jemand eine bessere Lösung vorstellt

Durchgehend negativ ist die Resonanz nicht. Gerade Nilay Patel von TheVerge versteht die ganze Aufregung nicht. Ein mitdenkendes Heimnetzwerk sei eine wunderbare Sache. Doch alles in allem, so mein subjektiver Eindruck, wächst die Kritik an Google. Wenn man weniger Thermostate verkauft als man könnte, weil Nutzer keine Lust auf Überwachung haben, dann bedeutet das für das Unternehmen auch wirtschaftliche Einbußen. Gleiches, wenn mehr Nutzer von Android auf andere Systeme oder die quelloffene, Google-freie Android Oberfläche CyanogenMod umsteigen.

Noch sind viele Menschen sehr arg- und sorglos, was die allgegenwärtige totale Überwachung betrifft. Aber wenn immer mehr davor gewarnt wird, wenn die Probleme der Spionage greifbar werden und dazu, wie ich neulich schrieb, das Thema Überwachung auch in Film und Fernsehen abschreckend dargestellt wird, wird der Unmut wachsen. Google ist sehr gut darin, die Nutzer bis auf - Achtung Seitenhieb - Google Plus mit wirklich guten Produkten zu ködern. GMail ist in meinen Augen nach wie vor der beste Mailclient auf dem Markt, Android das beste mobile Betriebssystem, Google Kalender und Drive die leichter zugängliche Alternative zu Outlook oder Office, Chrome der attraktivste Browser. Aber wehe es wird einmal ein Anbieter Lösungen vorstellen, die attraktiver sind und leichter zugänglich, dabei aber sicher verschlüsselt und als selbst gehostete Lösung zu erwerben.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass kluge Geschäftemacher hier auf absehbare Zeit ihre Chance erkennen werden und dass Google dann ein Problem bekommt. Einfach so wie bisher weiter machen wird Google zumindest nicht mehr lange können, davon bin ich immer mehr überzeugt.

Bildquellen: Bytemarks, surrealpenguin, lawrencegs, Kham Tran via Flickr jeweils unter CC-Lizenz BY-SA 2.0 und BY 2.0

Kommentare

  • Robin

    16.01.14 (09:12:58)

    Geb Dir in vielen Punkten Recht. Nur hast Du was falsch (Auflistung, 2. Punkt) verstanden Das zitierte ZDnet schreibt "Sie soll für eine verbesserte Akkuleistung bei Android-Geräten sorgen, wenn der Standortdienst aktiviert ist. " Klar ist, wenn man keinen Standortdienst verwendet, dann wird der Akku weniger belastet als bei einer Aktivierung. Die neuen Play-Updates reduzieren nur den zusätzlichen Stromverbrauch, WENN die Standortdieste eingeschaltet sind.

  • Jürgen Vielmeier

    16.01.14 (09:17:37)

    Hoppla, ja, das stimmt. Ist korrigiert - und lässt sich immer noch negativ auslegen. ;)

  • André Gewert

    16.01.14 (09:21:09)

    Vielen Punkten dieses Textes kann man ja zustimmen, aber trotzdem eine kleine Anmerkung zum zweiten Beispiel aus der Aufzählung: Es sind gerade die Standortdienste, die "am Akku saugen"; und dieses Problem soll durch das Update gelöst werden. Das ist sicherlich nicht so gemeint, dass man hier "Akkulaufzeit gegen Standortdienste" tauschen soll :-)

  • Matthias

    16.01.14 (12:12:30)

    ist es nicht so, dass die Kritik nur in der "Filter Bubble" der Tech Welt zunimmt? Die meisten Menschen haben doch noch gar nichts von Home Automation gehört und im Zweifel machen sie sich über die Auswirkungen einer vernetzten Welt gar nicht so viele Gedanken. Wenn das entsprechende Produkt gut Funktioniert und ein Problem löst, dann ist der Rest doch egal. Und sind wir mal ehrlich, wer weiß denn schon ob in einem Nest Produkt eine Google Intelligenz ist? Wie gesagt, außer den "Nerds" aus der Filter Bubble niemand! Google ist halt nicht doof und starke eigene Marken werden bestehen bleiben und bekommen nicht das Google Logo vorne drauf. Leider gibt es doch genug Beispiele, wo sich das Netz empört und eigentlich kaum jemand außerhalb was mitbekommt.

  • Markus Löw

    16.01.14 (12:48:42)

    Das Problem ist doch schon lange nicht mehr die NSA oder der GOOGLE-Konzern. Das Problem ist die Trägheit und Auskunftsfreudigkeit der ganz normalen User: wenn sich auf der Seite der Tastatur nichts ändert, dann ist es völlig egal, wer auf der anderen Seite bereitwillig die Hand aufhält und alle Informationen, die irgendwie ins Netz tropfen, emsig sammelt, verarbeitet und speichert ...

  • Erik

    16.01.14 (18:07:41)

    Sicher bringt Ihnen die Nennung von "NSA" im Titel ein paar mehr neugierige Klicks, aber meinen Sie wirklich, die Themen haben etwas miteinander zu tun? Kennen Sie sich wirklich mit diesen Themen aus? Wissen Sie, dass JEDE Interaktion im Netz mehr oder weniger auswertbar und verwertbar ist und sich das nicht auf google beschränkt? Ob deren neue Aktivitäten absichtlich der NSA in die Hände spielen oder sie sich davon einfach nur nicht abbringen lassen von Plänen, die wahrscheinlich schon länger existieren, scheinen auch Sie nicht zu wissen. Deshalb ermuntere ich Sie, die Themen voneinander getrennt zu betrachten. Ich bin mir nicht also gerade jetzt nicht sicher, ob Sie mir zu unwissend oder zu unverschämt erscheinen. Auch mein Kommentar hier ist von der NSA erfass- und auswertbar. Wie stellen Sie sicher, dass das nicht getan wird? Warum soll ich hier - zur Vereinfachung der Erfassung - meine E-Mail-Adresse und meine Website angeben? Vielleicht haben Sie das Prinzip eben selbst noch nicht wirklich verstanden.

  • thorus

    17.01.14 (08:47:48)

    Zu Punkt 3. um noch mehr gPlus-Nutzer zu generieren: auf Google Local (früher Google Places) werden über im Netz verfügbare Informationen automatisch Unternehmensseiten generiert. Um diese zu ändern und z.B. ggfs. zu aktualisieren, weil die automatisch gefundenen Infos veraltet sein können, oder ein Impressum hinzuzufügen (Hallo Abmahnanwälte!) muss sich der Unternehmer oder ein Bevollmächtigter ein gPlus-Konto zulegen, soweit noch nicht vorhanden. Um sicherzugehen, dass es sich dabei auch wirklich um den richtigen Unternehmer handelt, läuft das bekannte Anmeldeprozedere ab: man erhält eine Postkarte mit dem Google-Code zur Freischaltung der gLocal-Seite. Und damit nicht nur einen neuen Google-Nutzer, sondern auch die authentischen Daten des neuen Nutzers.

  • TechnoViel

    17.01.14 (09:38:22)

    Die Darstellung, dass CyanogenMod eine "Google-freie Android Oberfläche" sei ist gleich im mehrfacher Hinsicht falsch: - CM ist alles andere als Google-frei. Es basiert auf Googles Android, da steckt in fast jeder Codezeile Google drin - CM wird zwar ohne die Google App (GAPPS) ausgeliefert, ist aber ohne diese unbrauchbar. Kennen Sie einen CM Nutzer, der keine GAPPS installiert hat? Dass diese nicht mit ausgeliefert werden hat übrigens Google erwirkt, das ist kein "Feature" von CM, sondern eine rechtliche Einschränkung - CM ist keine Android Oberfläche, sondern eine Variante des Betriebssystems Android Aber immerhin bietet CM mehr Möglichkeiten, das Android System und dessen Datenerhebungen zu kontrollieren, als die meisten anderen Android-Varianten. Ich hoffe mal der Rest des Artikels ist präziser recherchiert...

  • Molli

    17.01.14 (14:12:52)

    Es gibt keine zunehmende Kritik. Im Gegenteil, irgendwer hat doch gefordert, diesen Assistenten in Android zu perfektioniern, habe gerade vergessen, wie der heißt. Das funzt nur, wenn Google auf alle DAten wie MIals, Kalender etc. zugreifen kann. Zudem ist die kKritik vor allem außerhalb der USA, in God owns County nimmt man es mit Datenschutz nicht so genau!

  • TechnoViel

    17.01.14 (14:46:46)

    Das Ding heißt Google Now und hat jetzt schon Zugriff auf alle Daten, darf sogar Termine ohne weitere Nachfragen einstellen und ändern. Und selbstverständlich wird das immer weiter perfektioniert und immer stärker in sämtliche Google Services eingebunden. Wenn ich zu Hause auf Google Maps die Adresse eines Geschäfts nachschlage und dann später im Auto in mein Handy (auch Google Maps) eingebe, weiß Google schon genau wo ich hin will, bevor ich die 2. Taste drücke... das ist sehr bequem, aber auch beängstigend. Willkommen in der Gegenwart!

  • mini

    20.01.14 (16:15:43)

    gmail der beste Mail anbieter? deswegen hat Outlook.com drei mal soviele nutzter? Google drive? deswegen haben dropbox und skydrive mehr user als drive Chrome der beste browser? derzeit auf platz 3? ja android ist das einzige - nur bringt es dem unternehmen kein Geld ein.

  • Jürgen

    21.01.14 (14:11:04)

    Google ist nur die Spitze des Eisbergs und die Ausspionierung von Daten nimmt immer absurdere Züge an. Vor wenigen Wochen ist z.B. diese eigenwillige Domain an den Start gegangen: http://www.fahrerbewertung.de/ Dort können sich Autofahrer anhand ihrer Kennzeichen gegenseitig gute wie schlechte Bewertungen geben. Durch dieses Konzept ist nicht nur der Diffamierung Tür und Tor geöffnet – es werden auch noch Daten über das Fahrverhalten von Verkehrsteilnehmern gesammelt bzw. User sammeln freiwillig Daten voneinander, ohne dass die Seitenbetreiber noch etwas tun brauchen! Da kann auch jeder gezielt nach einem Nummernschild suchen und nachlesen, ob sich der Fahrzeughalter schon mal etwas hat “zuschulden kommen lassen”. Die stetig wachsende Datenbank könnte irgendwann einmal ein Thema für die Versicherungen sein, die mit einem auf dieser Website “gebrandmarkten” Kunden vielleicht keinen fairen Vertrag mehr abschließen wollen – wenn er doch als ach so schlechter Fahrer verrufen ist. Womit wir wieder beim Thema wären: Die Internetuser geben alle viel zu viel von sich (und anderen) preis. Wir spielen den Datensammlern und Spionageabteilungen stets in die Karten, weil wir auch ohne Überwachungs-Tools bereits freiwillig zu viel von uns selbst offenbaren.

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer