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28.02.13Leser-Kommentare

Vorhersehbarkeit von menschlichem Verhalten: Ich weiß, was du diesen Sommer twittern wirst

Daten machen Mensch zu äußerst vorhersehbaren Wesen. Die Risiken sind andere, als die Politik gerne in das Zentrum der Datenschutzdebatte stellt.

Bei der seit vielen Jahren anhaltenden Diskussion um einen angemessenen Datenschutz im digitalen Zeitalter vermischen sich ernstzunehmende Bedenken mit emotional aufgeladener Prinzipienreiterei zu einer explosiven Menge, die eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema erschwert. Dabei wäre genau diese im Lichte der bevorstehenden EU-Datenschutzreform angebracht.

Eine in Medien und in der Bevölkerung verbreitete Sicht ist die, dass personenbezogene Daten eine Goldgrube für Firmen aller Art seien und deshalb unbedingt geschützt werden müssten. Während ein gewisses Risiko, dass mit diesen Daten kommerziell Schindlunder getrieben wird, nicht von der Hand zu weisen ist, so wirkt es dennoch oft, als überschätzen Individuen die Wichtigkeit und Sensibilität dieser Daten. Oder sie blenden völlig aus, dass die Angaben, die sie etwa gegenüber den großen US-Internetfirmen zu schützen versuchen, bereits längst in "freier Wildbahn" kursieren, also schon lange zuvor über andere, harmlos erscheinende Wege "preisgegeben" wurden. Die zwei grundverschiedenen Perspektiven, die hier kollidieren, werden in diesem Kommentaraustausch zu meinem Beitrag über Googles Überlegenheit sehr schön deutlich. Auch ich gehöre zu den Anhängern der These, dass insbesondere in Deutschland die Notwendigkeit des Schutzes personenbezogener Daten vor der Wirtschaft im Lichte der Digitalisierung überbewertet wird. Geburtsdatum, Name und Anschrift, Telefonnummer und Familienstand sind vergleichsweise harmlose Informationen, die viele Menschen heutzutage ohnehin freiwillig irgendwo im Netz veröffentlichen. Ich möchte die individuellen Befürchtungen nicht ins Lächerliche ziehen oder verharmlosen. Häufig basieren sie aber schlicht auf grundloser medialer Panikmache und dem Nachplappern von unreflektierten Aussagen, die sich mitunter über Jahrzehnte im Bewusstsein mancher Deutscher festgesetzt haben und aus einer grundsätzlichen Abneigung gegenüber kommerziell agierenden Organisationen resultieren.

Die wahre Herausforderung wird übersehen

Das große Problem an der Überbewertung klassischer personenbezogener Daten ist, dass eine meines Erachtens nach viel größere Herausforderung des vernetzten Zeitalters im Bezug auf den Schutz der persönlichen Integrität und der Nutzbarmachung von Daten gänzlich übersehen wird: die Vorhersehbarkeit der Menschen auf Basis ihrer im digitalen Raum hinterlassenen Daten und das daraus entstehende Missbrauchspotenzial für Organisationen und Regierungen.

Anders als man glauben mag, so ist der Mensch ein extrem vorhersehbares Wesen. Routinen, Gewohnheiten, Interessen, vergangene Erlebnisse und besondere Charaktereigenschaften prägen uns so sehr, dass bei einer genaueren Analyse ein Großteil unseres Verhaltens im Vorfeld prognostiziert werden kann. Jeder von uns kennt wahrscheinlich einige Personen, bei denen wir genau wissen, wie sie in verschiedenen Situationen reagieren, welche Meinung sie zu politischen oder gesellschaftlichen Ereignissen haben oder was sie von einem neuen Film oder Musikstück halten. Wer Politikern zuhört, kann abhängig von ihrer bisherigen Historie sowie ihrer Parteizugehörigkeit erahnen, welche Position sie zu einem bestimmten Thema einnehmen, und wer über einen längeren Zeitraum sorgfältig einschlägige Blogs liest, der weiß bei vielen Autoren im Vorfeld schon, wie ihre Haltung zum neuesten Gadget von Hersteller XYZ ausfällt.

Die Wissenschaft bestätigt den Eindruck: 2010 ergab eine Untersuchung von US-Wissenschaftlern, dass menschliches Verhalten zu ganzen 93 Prozent vorhersagbar sei. Selbst wenn wir in der Regel glauben, vollkommen frei in unseren Entscheidungen zu sein, so agieren wir in den meisten Fällen nach bestimmten Mustern, die sich bei hinreichend großer Datenbasis auswerten und für Prognosen über zukünftiges Agieren verwenden lassen.

Daten als Grundlage

Bisher ist diese Erkenntnis aber nicht sonderlich weit in das öffentliche Bewusstsein vorgerückt. Gründe dafür könnten unter anderem das fehlende Interesse vieler Menschen für anstrengende philosophischen Fragen sowie die Furcht vor einer womöglich als unangenehm empfundenen Wahrheit sein. Eine entscheidende Rolle dürfte allerdings gespielt haben, dass über die meisten Personen schlicht das Datenmaterial fehlte, um ihre Vorhersehbarkeit belegen zu können. Das subjektive Gefühl, genau zu wissen, was ein Kollege oder eine Freundin in einer beliebigen Lebenslage tun würde, blieb eben nur eine Intuition. Doch dank des Netzes und sozialer Medien verändern sich die Vorzeichen.

Denn indem wir auf unzähligen Webplattformen über viele Jahre in regelmäßigen Abständen Daten hinterlassen, stellen wir automatisch das Material bereit, welches zur Analyse unseres Verhaltens und Ableitung künftiger Handlungen erforderlich ist. Ich beispielsweise habe über 14.000 Tweets publiziert, über 1000 Mal bei foursquare eingecheckt, 259 Instagram-Bilder veröffentlicht, seit 2007 meinen Facebook-Feed befüllt, viele Dutzend Facebook-Seiten und noch viel mehr Onlineartikel via Facebook favorisiert, Unmengen an Musik bei Spotify gestreamt, zehntausende Googe-Suchen durchgeführt, tausende YouTube-Videos angesehen - viele davon anderweitig verbreitet oder favorisiert, mich mit vielen hundert Menschen bei Facebook, LinkedIn und Xing vernetzt, und durch andere Aktivitäten sicherlich noch viel mehr Angaben über das im Netz hinterlassen, was meine Persönlichkeit ausmacht. Es würde mich sehr wundern, wenn sich daraus in aggregierter Form nicht durchaus treffende Prognosen über mein künftiges Verhalten machen ließen. Speziell, wenn strukturierte, also maschinenlesbare Daten, sowie Technologien zur Sentimentanalyse eingesetzt werden.

Zwar befinden sich viele dieser Daten noch in unterschiedlichen "Töpfen", können also ohne meine Einwilligung nicht gesammelt untersucht werden. Aber vermutlich wären, ein smarter Algorithmus mit semantischen Fähigkeiten vorausgesetzt, schon 14.000 Tweets ausreichend, um mir mitzuteilen, was ich so in den nächsten Tagen bei dem Microbloggingdienst von mir geben werde. Je mehr Daten über unsere Persönlichkeitsmerkmale und Präferenzen wir digital festhalten, desto vorhersagbarer werden wir.

Unternehmen sind die kleinere Gefahr

Das allein muss kein Problem sein, auch wenn manche Menschen wohl wenig Freude an dem Gedanken haben, dass sich ihre Aktionen vorhersagen lassen. Doch in einem Szenario, in dem ein Großteil der Bevölkerung eines Landes über einen signifikanten Zeitraum Aktivitäts- und Präferenzdaten im Web hinterlassen hat, können diese freilich für fremde Interessen genutzt werden. Die Bedrohlichkeit liegt dabei weniger bei Unternehmen, die ihre Produkte und Dienste anpreisen möchten - das Schlimmste, was passieren kann, ist dass sie Werbebotschaften in Situationen an Individuen richten, in denen die Wahrscheinlichkeit eines Kaufs anhand bisheriger Verhaltensmuster am größten ist. Der "Schaden" hierbei hielte sich in Grenzen, zumal der freie Wille eines jeden Einzelnen am Ende doch darüber entscheidet, ob die jeweilige Anschaffung getätigt wird.

Für schwerwiegender halte ich die Gefahr, dass die sich im Digitalen manifestierende menschliche Vorhersehbarkeit von Machthabern, Behörden oder Organisationen dazu verwendet wird, die öffentliche Meinung zu beeinflussen oder Zeitpunkte für umstrittene, unpopuläre Maßnahmen und Ankündigungen zu finden - entweder auf individuellem oder auf aggregiertem Niveau. Schon heute lassen sich aus öffentlich verfügbaren Onlinedaten allerlei treffsichere Prognosen über die Ausgänge von Ereignissen machen - sei es, wann Menschen krank werden, wo sich Grippe-Epidemien ausbreiten, wie Wahlen ausgehen, wer die Grammys gewinnt oder welches Land beim Eurovision Song Contest siegt.

Steuerung und Manipulation der öffentlichen Meinung

Sicherlich sind das alles harmlose Beispiele, bei denen außerdem keine individuellen Nutzer-(gruppen) untersucht wurden. Aber stellen wir uns einmal vor, die Befürworter des Leistungsschutzrechts hätten die Mittel und das Know-how, um die Verhaltensmuster der lautstärksten und einflussreichsten Kritiker auszuwerten und davon ausgehend auszurechnen, wann welche taktischen Schritte am sinnvollsten sind, um den Widerstand möglichst gering zu halten. Umgedreht wäre auch denkbar, dass eine politische Bewegung Vorhersagen darüber trifft, wann welche gut vernetzten Schüsselpersonen sich am wahrscheinlichsten für eine virale Kampagne instrumentalisieren lassen. Und um doch nochmal ein Beispiel aus der Wirtschaft aufzugreifen: Ein Unternehmen könnte diejenigen Multiplikatoren identifizieren, die zu einem gegebenen Thema und Zeitpunkt am ehesten "anfällig" für das Entfachen eines "Shitstorm" gegen die Konkurrenz wären. In der Art: "Multiplikator Max Mustermann zeigt die Tendenz, einmal pro Monat über Twitter einen gegen Firmen oder Politiker gerichteten Wutausbruch zu produzieren, häufig Anfang des Monats und Anfang der Woche, selten nach 17:00 Uhr, und bevorzugt, wenn der Ausschlag dazu aus dem Nutzercluster der Anwender X, Y und Z kommt".

Mit etwas Fantasie fallen einem viele weitere Situationen ein, in denen die Vorhersehbarkeit von Personen - auf individueller Basis oder in einer größeren Gruppe - von Dritten für eigene Zwecke (aus)genutzt werden könnte. Das gilt für Firmen, aber es gilt mindestens genauso sehr für Regierungen, Polizei und andere staatlichen Einrichtungen. Unternehmen wie Raytheon arbeiten an Software, welche die Wahrscheinlichkeit von Ausschreitungen auf Basis des Nutzerverhaltens in sozialen Netzwerken berechnet. Das Interesse von Staaten an derartigen Programmen muss enorm sein.

Datengeiz ist keine Lösung

Dieser Artikel ist kein Appell für Datengeiz. Denn ich glaube, dass das verbreitete öffentlichen Teilen von persönlichen Daten auch viel gute Auswirkungen auf das menschliche Zusammenleben hat, besonders in Hinsicht auf das Zugänglichmachen von Informationen und Wissen über Ansätze und Lösungen, um global Lebensqualität, Gesundheit und Umweltschutz zu verbessern. Außerdem scheint die Entwicklung ohnehin zu weit fortgeschritten zu sein, zumal die Partizipation am Onlinedialog den meisten Menschen einfach auch viel Spaß bereitet.

Ich halte aber den Hinweis für angemessen, angesichts der eindimensionalen politischen und medialen Debatte um eigentliche Lappalien nicht zu vergessen, wo die wirkliche Sensibilität im Kontext der digitalen Datenrevolution zu finden ist, und dass die von Politik gerne propagierte Rolle des Datenschutzes als Mittel gegen böse Unternehmen in Teilen von einer viel wichtigeren Frage ablenkt: Was passiert, wenn das Verhalten aller Bürger genau prognostiziert werden kann? Zielgerichtete Werbebotschaften sind dann das geringste Übel. /mw

(Foto: Flickr/eschipulCC BY-SA 2.0)

Kommentare

  • Krautundrüben

    28.02.13 (10:40:26)

    Wow, toller Artikel. Zwei Sachen fallen mir auf Anhieb dazu ein. 1. Hier steht ".. zumal der freie Wille eines jeden Einzelnen am Ende doch darüber entscheidet, ob die jeweilige Anschaffung getätigt wird." Wie in diesem Artikel hervorragend dargestellt wurde, ist der Wille alles andere als frei... 2. Nicht nur die Vorhersagbarkeit durch Daten spielt eine Rolle, sondern auch die Daten selbst. Es gibt eine Reihe weiterer Institutionen welche von jedem Menschen sehr viele sensible Daten besitzen -> Versicherungen (HIS), Krankenkassen, Arbeitgeber, Regierung (Biometrische Daten). Dazu werden in naher Zukunft wohl auch noch genetische Fingerabdrücke hinzukommen... Was sich mit diesen Daten alles anstellen lässt, wird wohl erst die Zukunft zeigen. Verkaufsfördernde Maßnahmen werden da sicher nicht das einzige Anwendungsgebiet bleiben.

  • Stephan Uhrenbacher

    28.02.13 (13:59:33)

    Super Beitrag. Stimme mit der Bewertung völlig überein. ein Aspekt, der noch dazu kommt: das was Kontakte, also andere Menschen implizit und explizit über einen sagen, macht mir noch mehr Sorge. Angefangen bei Partyfotos. Es gibt Experimente mit überraschend gute Vorhersagen über meinen Aufenthaltsort, wenn man den Ort der engen Kontakte kennt. ich glaube auch dass die Diskussion zur Gesetzgebung hier lang gehen muss.

  • Martin Weigert

    01.03.13 (01:27:00)

    @ Krautundrüben Danke. Das ist halt eine philosophische Frage. Blickt man auf die generellen Verhaltensmuster aus der Vogelperspektive, dann scheint der Wille weniger frei zu sein als wir es glauben. Aber wenn man etwa die spezielle Werbebotschaft einer Firma vor sich hat, dann trifft man doch in der Tat eine ziemlich autonome Entscheidung. Und da bin ich mir auch nicht sicher, ob man diese exakt vorhersagen kann. Es ist ein wenig wie bei einem Würfel: Würfelt man 10 Mal, weiß man nicht genau, wie oft die 6 kommt. Würfelt man 1000 Mal, dann kann man ausgehend von der Wahrscheinlichkeitsrechnung ungefähr vorhersagen, wie oft sie erscheint. @ Stefan Uhrenbacher Danke auch dir. Ich bin mir unsicher, ob die Gesetzgebung in dieser Frage viel machen kann oder sollte. Eben auch deshalb, weil der Staat ja vielleicht das größte Interesse daran hat, diese Vorhersagbarkeit für eigene Zwecke zu nutzen. Mächtige wollen ungern ihre Macht verlieren, da bietet es sich an, zu wissen, was die Bevölkerung oder einzelne Schlüsselpersonen als nächsten machen. Wirklich eine Lösung sehe ich gar nicht. Nutzer wollen nicht einfach wieder weniger sharen - was ich verstehe. Doch damit machen sie sich vorhersagbar, was ausgenutzt werden wird. Das ist dann die Schattenseite der Technologie, mit der wir uns irgendwie anfreunden müssen.

  • Schrotie

    02.03.13 (23:37:12)

    Ich habe hier eine Antwort auf diesen Artikel gepostet: http://schrotie.de/index.php/2013/03/ich-sollte-wissen-was-twitter-weis/

  • andreas schumann

    06.03.13 (22:03:35)

    Danke für den interessanten Blogbeitrag, meine Gedanken dazu: Grundsätzlich ist der Austausch personenbezogener Daten zwischen Wirtschaft/ Staat und Verbrauchern zu begrüßen und notwendig -"Datengeiz ist keine Lösung". Ohne diesen Datenaustausch können Märkte nicht funktionieren und die Gesellschaft würde sich nicht weiterentwickeln. Das gilt Offline wie Online. Wichtig dabei ist, dass das Machtgleichgewicht zwischen den drei Parteien sichergestellt ist. So können sie auf Augenhöhe agieren und gleichberechtigt ihre Interessen vertreten. In der Praxis jedoch ist zwischen Verbrauchern und der Wirtschaft/ dem Staat bezüglich der Verwendung seiner personenezogenen Daten aktuell ein stärker werdendes Machtgefälle festzustellen. Dieses könnte ausgeglichen werden, indem Verbraucher einerseits leicht zu bedienende "Werkzeuge" bekommen, mit denen sie die Verwendung ihrer Daten selbst besser steuern können. Andererseits braucht es wirksamere Organisationsformen, über die Verbraucher ihre Interessen ggü. Wirtschaft und Staat besser durchsetzen können. An dieser Stelle setzen auch die Regelungen aus Datenschutzgesetzen an, in denen für Verbraucher, Staat und Wirtschaft angemessene Rechte zur Verwendung personenbezogener Daten festgeschrieben sind. Sofern diese Rahmenbedingungen gegeben sind, sind Verbraucher selbst aufgerufen, die Verwendung ihrer Daten selbst zu steuern und zu bestimmen. Als Organisationsform für Verbraucher kann aus unserer Sicht eine Genossenschaft in Frage kommen und entsprechend gestaltete Internetplattformen können Werkzeuge sein, über die Verbraucher die Verwendung Ihrer Daten selbst steuern können.

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