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17.07.14Leser-Kommentare

Digitales Zeitalter: Wie das Internet unsere Identität beeinflusst und verändert

Die Gegner des ausgeprägten Trends zum Leben und Arbeiten im Internet wettern schon seit Jahren: Das Internet lenkt ab, verschlechtert unsere Konzentrationsfähigkeit, lässt unsere reale Identität verschwimmen, wenn nicht sogar verschwinden. Auf der anderen Seite stehen die Befürworter des technologischen Fortschritts und der globalen Vernetzung. Für viele Menschen sind beide Positionen fühlbar.

InternetDas Internet verändert unsere Identität und Realität und konstruiert diese gleichzeitig neu, denn ohne dieses Medium gäbe es viele alltägliche Dinge und Möglichkeiten gar nicht. Stundenlanges kostenfreies Skypen mit der besten Freundin in Neuseeland, über die Live-Cam das Wetter in Tokyo checken oder unzählige Online-Kurse besuchen, um einen Abschluss zu erlangen, ohne jemals ein Hochschulgebäude von innen gesehen zu haben (so genannte Massive Open Online Courses - MOOC). Durchschnittlich verbringen die Deutschen außerhalb ihrer Arbeitszeit 169 Minuten pro Woche im Netz .  72 Prozent der Befragten geben an , dass sie „zielgerichtet bestimmte Angebote/ Informationen suchen“ und 44 Prozent, dass sie vor allem „einfach so im Internet surfen“. Während meines Erststudiums habe ich mir mehr im Internet bereitgestellte Inhalte gewünscht. Wissenschaftliches Material und Lerninhalte sind heute sehr viel schneller, ergiebiger und kostengünstiger zugänglich. Das Internet hat mir außerdem Perspektiven eröffnet, die ich mir 1999 beim ersten Einschalten unseres neuen PCs nicht erträumt hätte. Der Internetanschluss kam erst später, inklusive 56k-Modem.

Das "Offline"-Leben in der Retrospektive

Dennoch hadere ich gleichzeitig mit meiner Online-Identität und der ständigen Erreichbarkeit auf allen Kanälen. Ich bin immer wieder hin- und hergerissen, da ich weiß, wie ein "Offline"-Leben aussieht und dieses in der Retrospektive bewusst wahrnehmen kann. Ich denke an die Zeit, als ich nicht mehrmals am Tag meine Social Media-Profile geprüft habe, um mit Neuigkeiten und Informationen mithalten zu können. Die Zeit war langsamer und konzentrierter, gehört aber der Vergangenheit an. Das Jetzt und Hier ist super spannend und die heutige Jugend kann sich nicht mehr vorstellen, wie die vorherigen Generationen ganz ohne Smartphone und Internet gelebt haben.

Für diese ständige Online-Erreichbarkeit bezahlen wir aber auch einen stolzen Preis. Sei es Spionage durch Regierungen, Facebooks Experimente mit den Gefühlen und Reaktionen ihrer Nutzer oder ganz einfach die komplette Offenlegung unserer zwischenmenschlichen Beziehungen im Netz.

Der Preis der Freiheit 

Wir zahlen den Preis der Freiheit, einer anderen Freiheit als die, die uns das Internet zunächst ermöglicht hatte. Wir haben uns oft damit abgefunden, da die Vorteile zumindest subjektiv größtenteils überwiegen und auch unsere berufliche Karriere stark vom Internet und dessen Möglichkeiten beeinflusst wird. Es ist auch der Druck, mit seinem Umfeld mitzuhalten und anerkannt zu werden, der uns dazu bringt, bestimmte Online-Services und Social Media-Plattformen zu nutzen. Wir leben von und mit dem Fortschritt und akzeptieren seine Schattenseiten zum großen Teil. Nutzerrechte von Online-Diensten werden immer eingeschränkter, mit den Nutzungsbedingungen eines Services stimmt man häufig der Weiterverwendung der eigenen Nutzerdaten für Marktforschungs- und Werbezwecke zu. Denn wie heißt es so schön: "If you’re not paying for the product, you are the product." Damit haben sich Google, Facebook und Co. den Gatekeeper-Status für all unsere Online-Aktivitäten gesichert.

Es gibt aber auch eine andere Welt, ohne permanenten Online-Zugriff und -Erreichbarkeit. Abhängig vom Alter und Bildungsgrad, aber auch vom Entwicklungsstand des eigenen Heimatlandes verbringen die Menschen mehr oder weniger Zeit ihres Lebens online. Eine Realität fernab jener, die wir kennen und als alltäglich betrachten, ist für sie normal. Ein höherer Entwicklungs- und Bildungsgrad geht wiederum mit einer erhöhten Internetnutzung und Demokratisierung von Technologien einher. Beides bedingt sich gegenseitig.

Die technologische Entwicklung werden und können wir nicht mehr aufhalten, mit allen Vor- und Nachteilen, die für uns als Nutzer damit einhergehen. Wir sollten uns dessen bewusst sein und abwägen, wo wir Maßnahmen in die Hand nehmen und gegen den Einfluss und die absolute Kontrolle anderer steuern zu können. Die Entscheidung liegt, zumindest teilweise, noch in unserer Hand.

(Foto: man in the field with computer, Shutterstock)

Kommentare

  • Robert Frunzke

    17.07.14 (12:28:37)

    Ja. Absolut. Aber ich glaube auch, dass die Internetnutzung sich bei uns allen immer mehr relativieren wird. Umso selbstverständlicher das Netz wird, umso bewusster werden wir es nutzen. Und umso weniger Zeit werden wir mit unnützen Dingen verplempern (Spiele, aber größtenteils auch Social Networks), und uns mehr den wirklich wichtigen Dingen zuwenden.

  • Marcus Jordan

    17.07.14 (14:32:03)

    ich glaube die Antwort heißt Emanzipation. Das Netz ist ein Werkzeug. Nichtgeahnten Ausmaßes und von unvorstellbarer Komplexität und Reichweite, aber ein Werkzeug. Nicht wirklich gut ohne Handwerker. ich denke viele der Probleme mit dem netz beruhen darauf, dass wir es der Konsumkultur und ihren Sprachrohren überlassen, zu beurteilen welches Werkzeug für uns wichtig ist. Aber wir sollten uns digital konsolidieren und uns auf unseren realen Bedarf besinnen und dann die digitalen Lösungsangebote erfassen und nutzen. Wo das Netz zum Selbstzweck wird, wird es auch schnell zum Heroin.

  • laurent sedano

    18.07.14 (01:38:46)

    http://kopf-stand.me/2014/06/26/digitale-kultur-fluchtige-kontakte-und-einge-andere-frische-gesichtspunkte/ eine etwas frischere Sicht der Dinge: "Für die Erwachsenen sei es immer wichtiger, mit der Zeit mitzuhalten. Ein Mithalten in der Zukunft bedinge das Mithalten heute. Dabei könne keine Stufe ausgelassen werden. Sein Publikum ruft er dazu auf, die Neugier zu behalten und wenn die Neugier bereits verloren sei, sie möglichst schnell wiederzufinden. Er betont, dass diese Veränderung des „Esprits“ wichtiger sei als das Wie und Wo der Mediennutzung." grüsse laurent

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