
Der Weg in die Selbstständigkeit
Wie kalkuliere ich meinen Tagessatz?
"Ich mache mich selbständig": das ist so leicht entschieden, aber das bedeutet nun auch, dass Sie 'selbst' und 'ständig' arbeiten müssen. Diese Belastung soll sich natürlich im Verdienst widerspiegeln.
Ein Beitrag von Petra Nöhring
Normalerweise verhandelt man im Dienstleistungsbereich über Tagessätze.
Der Tagessatz muss beinhalten:
- den 'Lohn',
- die Fixkosten (Miete für Büro etc.),
- die Kosten für Krankenversicherung,
- die Kosten für die Alterssicherung,
- das Risiko von Verdienstausfällen bei Krankheit,
- das Risiko von Leerlaufzeiten, weil Sie keine Aufträge haben.
Wenn Sie keine direkten Vergleichswerte von Kollegen haben, können Sie Ihren Tagessatz auch selber berechnen. (Vorsicht bei Vergleichswerten: wenn Sie selbständig sind, gibt es keine Kollegen mehr, sondern nur noch Konkurrenten, die sich hüten werden, Sie mit echten Zahlen zu versorgen.)
Berechnung des Tagessatzes
1. Nehmen Sie Ihr letztes Arbeitnehmerjahresbruttoeinkommen.
2. Berechnen Sie den Arbeitgeberanteil an den Sozialversicherungskosten an Ihrem Arbeitnehmerjahresbruttoeinkommen =
Arbeitnehmerjahresbruttoeinkommen * 27,5 %
3. Addieren Sie 1. und 2.: das Ergebnis ist das Arbeitgeberbruttoeinkommen (AGB) und Sie wissen nun, wie viel Ihr Arbeitgeber jährlich für Sie ausgegeben. Dieser Betrag stellt das Minimum dessen dar, was Sie als Selbstständiger verdienen möchten.
4. Durchschnittlich gibt es 220 Arbeitstage für jeden Arbeitnehmer (darin sind Urlaubstage und Feiertage schon berücksichtigt): teilen Sie nun das AGB durch 220.
5. Das Ergebnis ist Ihr Tagessatz ohne Risikoaufschlag für Krankheit und Leerzeiten.
6. Als Faustregel gilt: teilen Sie das AGB durch 200, damit die Risiken als Selbständiger pekuniär im Tagessatz enthalten sind.
7. Dieser Tagessatz ist Ihr Netto-Tagessatz.
8. Ihrem neuen Auftraggeber müssen Sie jedoch den Bruttotagessatz anbieten: wenn Ihre Arbeitsleistung umsatzsteuerpflichtig ist, müssen Sie zu Ihrem Netto-Tagessatz 19 Prozent Umsatzsteuer berechnen.
Tipp: Gewöhnen Sie sich an, nur den Bruttotagessatz zu nennen. Das ist natürlich schwierig, weil Sie zur Berechnung Ihres Einkommens nur der Nettotagessatz interessiert, denn die Umsatzsteuer muss an das Finanzamt abgeführt werden. Aber es ist dennoch wichtig, denn leider passiert es allzu schnell, dass Sie in einer Verhandlung spontan den Nettotagessatz nennen und den Zusatz: 'zuzüglich MwSt.' vergessen. Das kann bei 19 Prozent leider teuer werden.
9. Dieser errechnete Tagessatz ist nun Ihr Ergebnis.
Tipp: Wenn Ihr Auftraggeber Ihren Tagesatz ohne Verhandlung direkt akzeptiert, war er zu niedrig!
Dieser Tagessatz ist das Minimum, dass Sie bei Ihren Verhandlungen erzielen müssen. Läge Ihr verhandelter Tagessatz darunter, dann läge das ganze Risiko auf Ihrer Seite und Sie stellten sich schlechter als ein Arbeitnehmer.
Ein Rechenbeispiel
Ein angestellter IT-Mitarbeiter verdiene im Durchschnitt 48.000 EUR Arbeitnehmerettoeinkommen.
Der Arbeitgeberanteil zu den Sozialkosten beträgt: 27,5% * 48.000 Euro = 13.200 Euro. Der Arbeitgeber zahlt also für den IT-Mitarbeiter ein Arbeitgeberbruttoeinkommen von 61.200 EEuro im Jahr.
Geteilt durch 220 Arbeitstage ergäbe dies einen Tagessatz von 278 Euro netto.
Der Tagessatz inclusive Risikozuschläge beträgt: 61.200 Euro : 200 Arbeitstage = 306 Euro netto.
Diese 306 Euro sind das Minimum, dass der IT-Mitarbeiter als Tagessatz verhandeln müßte, damit er sich im Vergleich zu seiner angestellten Tätigkeit nicht schlechter stellt.
Rechnen Sie den Tagessatz genau aus, bevor Sie mit Ihrem potentiellen Auftraggeber verhandeln. Denn von diesem Tagessatz hängt Ihr Unternehmenserfolg ab.
Über den Autor
Die Unternehmensberaterin und Coach Petra Nöhring (Geschäftsführerin obidos GmbH: Unternehmensberatung zwischen Ethik und Betriebswirtschaft) trainiert und berät Frauen, die sich beruflich neu positionieren möchten. Besonderer Schwerpunkt ihrer Business-Genderberatung ist die Auseinandersetzung mit den geschlechtsspezifischen Eigenschaften und deren positivem Nutzen im Geschäftsleben. Frauen lernen warum Männer im Schnitt nur 9 Minuten zuhören und Männer verstehen, warum Frauen so viel reden.
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