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Griechenland

Kaffeesatzlesen für das Bruttosozialprodukt

Not macht erfinderisch - so lautet ein altes Sprichwort. Zumindest im Fall von Griechenland stimmt das. Im Zuge der Finanzkrise ist im südeuropäischen Land eine alte Tradition wiederbelebt worden, die die Griechen in ein Geschäftsmodell umgewandelt haben: das Kaffeesatzlesen.

Quelle: Thinkstock.com © Nadore

Für Europäer mag es ein bisschen sonderbar erscheinen, doch für die Griechen ist das Brauchtum des Kaffeesatzlesens nichts Neues. Seit vielen Generationen wird dort, genau wie in der Türkei, das Deuten des Kaffeesatzes praktiziert. Jedoch nahm die gesellschaftliche Popularität der Kaffee-Zukunftsforschung über die Jahrzehnte hinweg kontinuierlich ab - bis im Jahr 2009 die Finanzkrise in Griechenland ausbrach. In kurzer Zeit verschlechterten sich die Lebensbedingungen auf drastische Weise. Viele Griechen können infolge von Währungsabwertung, Arbeitsplatzverlust und sinkenden Löhnen ihre Grundbedürfnisse nicht mehr decken. Die Armut wächst, und mit ihr auch die psychologischen Auswirkungen der Krise auf die Gesellschaft.

Gesellschaftliches Trauma durch Finanzkrise

Dass Kriege und Hungersnöte Traumata auf breiter gesellschaftlicher Basis hinterlassen, ist in der Wissenschaft hinreichend bekannt. Doch wie sich jetzt in Griechenland beobachten lässt, hinterlassen auch wirtschaftliche Krisen ihre Spuren. Durch kollektive Zukunftsängste, die individuell ausgelebt werden, entsteht ein gesellschaftlicher Schock, der sich in den nationalen Krankheitsstatistiken widerspiegelt. Emotionale Zustände wie Resignation oder Verbitterung schlagen bei andauernder Frustration in Gewalt und Depressionen um. Wenn gleichzeitig, wie in Griechenland geschehen, der Staat die Ausgaben im Gesundheitswesen kürzt, hat das weitreichende Folgen. Die medizinische Versorgung wird schlechter und die Menschen können ihre Medikamente nicht mehr bezahlen.

In dieser Situation greift das Kaffeesatzlesen die Angstgefühle und die Zweifel der Leute auf. Seit 2010 blüht das Geschäft wieder auf. Mittlerweile gibt es Cafés, die sich speziell der Praxis des Kaffeesatzlesens widmen und in den Krisenjahren im Gegensatz zu den normalen Kaffeehäusern einen erfreulichen Umsatz erwirtschaften. Das Café Okeanos in Thessaloniki ist nur ein Betrieb von vielen, der sich vollständig der "Tasseographie" widmet. Der Besucheransturm war in den vergangenen Jahren so groß, dass Eigentümer Kostas Koukoulis sich eine kreative Idee einfallen ließ, um sein Geschäft digital zu erweitern: eine Kaffeesatzlese-App. "Kaave" ist eine App, die das Kaffeesatzlesen ortsunabhängig macht - Kaffeesatzlesen 2.0 sozusagen. Nutzer können ein Foto ihres Kaffeesatzes hochladen, das dann von Koukoulis' Kaffeesatzleserinnen analysiert wird. Das Ergebnis bekommen die Nutzer als Nachricht auf ihr Smartphone. Vom durchschlagenden Erfolg der App war sogar der Erfinder überrascht. Die Anwendung schaffte es auf Platz 1 der türkischen Unterhaltungs-Apps und wurde bisher von 10 Millionen Usern benutzt, darunter von vielen Griechen, die ins Ausland abgewandert sind. Auch in Deutschland gibt es das Kaffeesatzlesen schon digital, beispielsweise als Beratungsmethode des spirituellen Portals Viversum.

Krisenbewältigung durch Solidarität

Das Kaffeesatzlesen, so wichtig es für einen Teil der Bevölkerung geworden ist, mag sicherlich von anderen als eine Art Realitätsflucht angesehen werden. Denn der griechischen Wirtschaft geht es immer noch schlecht. Die Arbeitslosenquote, die im Jahr 2013 auf ein historisches Hoch von über 27 Prozent gestiegen ist, liegt immer noch bei 20 Prozent. Das ist der schlechteste Wert im Vergleich mit allen anderen europäischen Ländern. Diejenigen, die ihre Arbeit behalten konnten, stecken zunehmend in prekären Arbeitsverhältnissen. Hinzu kommt, dass die gesetzliche Arbeitsversicherung nur ein Jahr lang gezahlt wird. Gerade Familien rutschen nach dieser Zeit wirtschaftlich gesehen unter die Armutsgrenze. Daraus folgen aber nicht nur Angstzustände und Depressionen. Denn die Krise hat auch dazu gefährt, dass die Menschen solidarischer werden und stärker zusammenhalten. Selbsthilfezentren, Suppenküchen und Sozialstationen können die Armut in Griechenland sicherlich nicht alleine auffangen. Aber sie können sie abmildern und Hoffnung spenden, in einer Zeit, in der sie die Menschen bitter nötig haben.

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