27.05.13

Xbox One: Hin- und Hergerissen zwischen Killerfunktionen und Privatsphäre

Microsofts neue Wohnzimmerkonsole Xbox One. Alle Bilder: Microsoft

Microsofts neue Spielekonsole Xbox One polarisiert nicht nur Gamer, sondern treibt auch einen Keil zwischen Datenschützer und Techies. Auf der einen Seite kann die Konsole die Zukunft des Home Entertainments einläuten und die Medienwelt mit bisher nicht für möglich gehaltenen Apps revolutionieren. Auf der anderen Seite könnte uns die totale Überwachung drohen. Warum nur sind technische Revolutionen oft mit derartigen Nachteilen verbunden?

Microsofts neue Wohnzimmerkonsole Xbox One. Alle Bilder: Microsoft Microsofts neue Wohnzimmerkonsole Xbox One. Alle Bilder: Microsoft

Wir wissen nicht, ob ein Apple-Fernseher oder eine intelligentere iTV-Box als das bisher eher spartanisch ausgestattete Apple TV jemals kommen werden. Aber wer davon geträumt hat, der findet viele seiner Wünsche in Microsofts neuer Wohnzimmerkonsole Xbox One wieder: Die Konsole verbindet Kabelbox mit Unterhaltungsmedien. In den USA werden sowohl Kabelanbieter wie auch On-Demand-Content-Provider wie Netflix, YouTube und Amazon ihre Sammlung für die Xbox One anbieten.

Für den Nutzer wird es persönliche Empfehlungen geben, natürlich die Möglichkeit, Inhalte über soziale Netzwerke zu teilen. Spielen oder Fernsehen und gleichzeitig an einem Groupchat auf Skype teilnehmen, im Netz surfen, während Filme laufen, dazu die intelligente Sprach- und Gestensteuerung. Und, ach ja, Spielkonsole ist die Xbox One natürlich auch noch, technisch sehr gut ausgestattet. Dann aber gibt es noch die andere Seite der Medaille: Die Xbox und damit wohl auch Microsoft scannen das Wohnzimmer rund um die Uhr, wissen, wer wer ist, was er gerade macht und wie er sich fühlt. Microsoft speichert diese Daten und wertet sie aus. Datenschützer sind entsetzt.

 

Peter Schaar etwa, Deutschlands oberster Datenschützer, nennt die Xbox One "ein Überwachungsgerät". Persönliche Daten würden ständig registriert und auf einem externen Server gespeichert und verarbeitet. Der Nutzer habe keinen Einfluss darauf, welche Daten man von ihm speichere und die Weitergabe an Dritte sei möglich - auch wenn Microsoft dem aktuell widersprochen hat. Was mit den Daten geschieht und ob sie jemals wieder gelöscht werden, ist unklar.

German Angst? Diesmal nicht

Es klingt auf den ersten Blick nach der berüchtigten "German Angst" vor neuen technischen Entwicklungen. Doch Besorgnis gibt es nach der Vorstellung der Xbox One auch in den USA: Kolumnist John Kass von der Chicago Tribune erwartet gar, dass die US-Regierung mit Hilfe der Konsole seine Bürger ausspähen wird. Bei CNN sieht man die Möglichkeit kritisch, dass auch Skype auf der Xbox One über die Kamera einen Einblick in die Wohnzimmer und Telefongespräche der Nutzer bekommt. Weil die Daten über die Skype-Server umgeleitet würden, könnten Vollzugsbehörden per richterlichem oder behördlichem Beschluss recht leicht darauf Zugriff erhalten. Erstaunlicherweise ist es aber gerade Peter Schaar, der keine Wohnzimmerüberwachung erwartet: "Dass Microsoft jetzt mein Wohnzimmer ausspioniert, ist bloß eine verdrehte Horrorvision."

Und doch wird bei den Nutzern wohl ein mulmiges Gefühl bleiben. Die Kinect-Sensoren in Zusammenspiel mit den vier Mikrofonen und zwei Kameras der Xbox werden bisher Ungeahntes von uns registrieren und verarbeiten können: Puls, Mimik und damit auch Gefühle, Lern- und Reaktionsgeschwindigkeit. Die Software wird technisch dazu in der Lage sein, auf Schlüsselwörter zu reagieren - was vor allem für die Werbung interessant sein dürfte. Microsoft will die Xbox One denn auch für die Marktforschung einsetzen. Ein Patentantrag läuft, wonach die Maschine Preise für Video on Demand danach berechnet, wie viele Menschen im Wohnzimmer sitzen und mitgucken.

Fantastische Möglichkeiten

Technisch ist das in meinen Augen ein Paradigmenwechsel. Die Xbox One ist das erste technische Gerät, das auf unsere Gefühle eingehen kann. Stellt euch die Möglichkeiten vor: Ihr kommt morgens ins Zimmer und die Konsole weiß direkt, wie es euch geht. "Nicht so gut drauf heute? Ich sag dem Homelink-System erstmal, dass es dir einen Kaffee kochen soll. Und hier spiele ich dazu passende Musik." Aufgrund unserer Reaktionsgeschwindigkeit oder der Anzahl der Personen im Raum kann das System uns passende Spiele vorschlagen oder Filme, die zu den Vorlieben aller anwesenden Personen passen. Wenn sie vielleicht schon einmal über einen bestimmten Film geredet haben, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der Empfehlung.

Und das Negativstszenario? Stellt euch vor, ihr werdet vor Gericht bestellt und auf die Anklagebank gesetzt: "Wie wir Ihrem Xbox-Protokoll entnehmen, waren Sie am Abend des 26. Mai mit XYZ zusammen. Das scheint ja ihr bevorzugter Besuch zu sein. Und immer, wenn XYZ anwesend ist, haben Sie sich TV-Serie Z angeschaut. Ihrem Puls nach zu urteilen, fanden Sie ja vor allem Szenen mit Schauspielerin T sehr anregend." Nein, eine solche Welt dann bitte nicht!

Ein zu lukratives Geschäft

Oder anders gesagt: Eine Konsole darf gerne sehr viel von mir wissen, gerne auch, wie ich mich fühle und was ich gerne spiele. Aber sie soll diese Daten anonymisieren und von meinen Einwahl- und Registrierungsdaten strikt trennen. Dass ich es bin, dessen Puls bei bestimmten Spielszenen höher schlägt, geht Microsoft und Dritte einen feuchten Kehricht an. Es liegt jetzt an Spielern, Journalisten und auch Datenschützern, Microsoft bei diesem Thema Druck zu machen. Wie ist das genau mit den Daten? Wo werden sie gespeichert und warum, und wo genau lässt sich das alles abschalten? Hier darf uns Redmond nicht mit schwammigen Aussagen abspeisen.

Wäre noch zu klären, warum technische Highlights oft mit diesem Rattenschwanz an Nachteilen gekoppelt werden. Facebook wäre ja hier als bekanntestes Beispiel zu nennen. Anders als Microsoft muss sich das Social Network mit Werbung und seinem größten Kapital, den Daten der Nutzer, refinanzieren. Microsoft wird alleine schon vom Verkaufspreis der Konsole und kostenpflichtigen Services darauf gut leben können. Insgesamt gesehen aber dürften die Datenbestände, die derzeit sonst niemand generieren kann, für Microsoft ein zu lukratives Zusatzgeschäft sein, um sie nicht zu nutzen. Alte Märkte wie Betriebssysteme und Office-Software werden für das Softwarehaus weniger lukrativ, neue Geldquellen müssen her. Das bedeutet: unsere Daten. Wir werden also in Zukunft bei jedem neuen technischen System ganz genau hinschauen müssen.

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