11.08.14

Windows Phone Revisited: Nummer Drei rockt die Nische und keiner kriegt es mit

Sieht gut aus - und fristet weiterhin ein Nischendasein. Microsofts Windows Phone, hier auf dem Nokia Lumia 930. Bilder: Microsoft, neuerdings.com

Windows Phone ist mittlerweile die unumstrittene Nummer drei unter den Smartphone-Betriebssystemen. Was Funktionsumfang und App-Auswahl angeht, hat es mächtig aufgeholt. Dass Microsofts System dennoch aus seiner Nische nicht mehr herauszukommen scheint, könnte einen ganz banalen Grund haben: Es braucht einfach niemand.

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Vor einigen Jahren begann ich, mit alternativen Betriebssystemen zu experimentieren und nach einigen soliden Vorstößen von Nokia war ein Windows Phone eine Zeit lang sogar mein Haupttelefon. Als Google dann das Nexus 4 auf den Markt brachte, fiel mir der Umstieg zurück zu Android allerdings sehr leicht: Das Bedienkonzept, die App-Auswahl sind bei Android für meinen Geschmack noch einen Tacken besser.

Aber Windows Phone hat weiter aufgeholt. Grund genug, dem System einen erneuten Besuch abzustatten und die Faszination zu ergründen, die zumindest einige treure Fans mittlerweile mit der Nummer drei verbinden. Und um herauszufinden, warum der Marktanteil jüngst gar noch weiter gefallen ist – unter 3 Prozent.

An der Hardware nichts auszusetzen

Machen wir gleich einen Sprung: Geht es um die Hardware, dann gibt es bei Windows Phones meist nicht das Geringste auszusetzen. Für meinen Besuch war Microsoft so freundlich, mir ein Nokia Lumia 930 als Testgerät zur Verfügung zu stellen, das aktuelle Spitzengerät. Das wirkt sehr gut verarbeitet, modern, mit einer tollen Kamera. Sprich: Es steht der gleich teuren Android- und iOS-Konkurrenz in nichts nach. Doch uns soll es heute hauptsächlich um das System gehen.

Von Anfang an anders, nur um anders zu sein?

Windows Phone 7 war mit dem animierten Kachel-Layout (genannt: Live Tiles), dem Endlos-Startbildschirm und der horizontalen Navigation innerhalb einer App von Anfang an anders. Mittlerweile ist man bei der Version 8.1 angelangt. Die Kacheln lassen sich auf drei Größen einstellen, es passen mittlerweile bis zu sechs nebeneinander. Start- und Sperrbildschirm können mit einem persönlich gewählten Hintergrundbild versehen werden, auf dem Sperrbildschirm werden auf Wunsch Benachrichtigungen angezeigt. Neu dabei ist auch eine Benachrichtigungsleiste, die man mit einem Wisch von oberen Bildschirmrand einfach herunterzieht und die alle neuen Ereignisse chronologisch sammelt.

Muss man nicht lieben, aber man kann es

Letzteres hatten Android und iOS schon früher. Die Möglichkeit, sechs kleine Kacheln nebeneinander anzuordnen, geht mittlerweile deutlich zu Lasten der Übersicht. Hier lässt sich mit allerhand Einstellungsmöglichkeiten gegenarbeiten - das Lumia 930 fragt den Nutzer bei der Einrichtung etwa, ob ihm nicht auch vier Spalten ausreichen. Toll ist allerdings die Möglichkeit, die Kacheln beliebig zu drapieren, zu gruppieren und auf eine gewünschte Größe zu ziehen. Das kommende erste Update seit dem Versionssprung auf Windows Phone 8.1 soll es erlauben, die Apps auf Wunsch in listenartig angeordneten Verzeichnissen zu sortieren. Mehr Übersicht für den, der im Mosaik die Übersicht verliert.

Und wieder ein paar Kacheln mehr

Bei jedem Update stellt sich Microsoft-Manager Joe Belfiore, verantwortlich für Windows Phone, auf die Bühne und präsentiert weitere, mehr oder weniger revolutionäre Neuerungen, die nicht selten schlicht die Optik betreffen. Die Faszination dafür, dass man nun ein Hintergrundbild auswählen und meistens noch ein paar Kacheln mehr auf dem Homescreen unterbringen kann, teilen nicht alle Beobachter. Sonderbar mutet etwa die Kinderecke an, die Belfiore einst zum Schwerpunkt eines neuen Updates machte: Im System lässt sich eine Art Sandkastensystem einrichten, das man direkt über den Sperrbildschirm aufruft und das statt des Homescreens nur ausgewählte Apps für Kinder anzeigt.

Eine "Revolution" namens Kinderecke

Klar, Belfiore ist selbst Familienvater und kam vermutlich aufgrund eigener Erfahrungen auf die Idee zu dieser Erweiterung, aber die Notwendigkeit dieser Kinderecke löste bei vielen Beobachtern Achselzucken aus. Wer keine Kinder hat, kann die Ecke immerhin gut dazu nutzen, sich einen zweiten Homescreen einzurichten, ähnlich wie das auf Android oder dem iPhone möglich ist. Mehr Potenzial scheint die in einem kommenden Update geplante Apps Corner zu haben: Geschäfte haben damit die Möglichkeit, ihren Kunden ausgesuchte Apps mit Sonderfunktionen aufs Handy zu beamen. Besucher eines Musikgeschäfts könnten damit zum Beispiel direkt auf ihrem Windows Phone in das neueste Album reinhören, wenn sie den Laden betreten.

Schaut her, der Kalender hat jetzt eine Wochenansicht!

Bei vielen neuen Funktionen, die Belfiore alle paar Monate für Windows Phone vorstellt, nimmt das System eine wichtige Hürde, während man sich bei anderen fragt, warum sie so spät integriert werden. Über die Einführung eines Notification Centers etwa wurde lange spekuliert, bis es dann sehr spät in der Version 8.1 endlich kam. Ähnlich verhält es sich mit der Möglichkeit, geöffnete Apps in der Multitasking-Übersicht zu beenden (seit 8.0, Update 3) oder im Kalender eine Wochenansicht zu öffnen (seit 8.1). Vorbildlich ist dafür der Einrichtungsassistent, der den Benutzer vom Start weg an die Hand nimmt und ihm auch die Möglichkeit anbietet, das System mit den Einstellungen und Daten vorzubereiten, die man auf einem früheren Gerät angelegt hatte. Windows Phone bietet darüber hinaus die Möglichkeit des Backups von SMS-Kurznachrichten.

Das Design zu verspielt, um ernst genommen zu werden?

Was mir nach all den Jahren immer noch nicht behagt, ist die Designsprache von Windows Phone. Für ein System, das ernst genommen werden will, ist das Design sehr verspielt und wirkt an manchen Stellen unausgegoren. Riesige Überschriften in den Einstellungen und den Apps selbst, oft so groß, dass sie nicht ganz auf den Bildschirm passen. Dann wiederum klitzekleine, fummelige Icons, um etwa im Mailprogramm Nachrichten abzuschicken. Im Store ist nur die erste Seite übersichtlich. Danach wird man von einem kaum überschaubaren Gewirr an Informationen erschlagen:

Gleich zwei "Wetter"-Apps von Microsoft, lästige Xbox- und Bing-Dienste

Bei den bereits vorinstallierten Apps scheinen sich Microsoft und Nokia zu duellieren und es wird oft nicht klar, welche App von wem stammt. Klar, der eine hat den anderen vor einem Jahr übernommen. Gemeinsame Apps haben sie aber deswegen noch lange nicht. "News" und "Sport" etwa sind Abgabelungen der Bing-Suche. "Video" und "Musik" führen zu einem Xbox-Dienst von Microsoft, zu dem man sich erst anmelden muss. MixRadio wiederum ist von Nokia.

Dass Microsoft sich unbedingt mit eigenen Angeboten ins Gedächtnis bringen will, hat etwa zur Folge, dass es zwei Apps mit dem Namen "Wetter" gibt. Das eine ist eine System-App, die andere ist mit der Suchmaschine Bing verbandelt und musste wohl auch noch irgendwie untergebracht werden. Fairerweise muss an dieser Stelle aber erwähnt werden, dass es auf Android und iOS mit eigenen, teils nicht löschbaren Apps der Anbieter nicht viel anders aussieht.

Auswahl und Qualität der Apps hat spürbar zugenommen

Und das ist im Hinblick auf Windows Phone beinahe eine gute Nachricht: Es gibt mittlerweile Apps für alles, sei es vom System aus oder auch im Store - was sehr lange ein Grund für viele Nutzer war, Windows Phone zu meiden. Inzwischen tummeln sich dort sehr viele Bekannte: WhatsApp, Instagram, Vine, Spotify, Wunderlist. Hier ist Foursquare noch Foursquare und nicht in zwei Apps aufgespalten. Und auch die Apps für Twitter und Facebook sind mittlerweile auf einem deutlich weiteren Stand als noch vor ein paar Jahren, als sie den Versionen auf iOS und Android abgeschlagen hinterherliefen. Es gibt immer noch nicht alles. Gerade neue Apps, die von Startups vorgestellt werden, landen doch zuerst auf den beiden "großen" Systemen. Aber Windows Phone hat deutlich aufgeholt.

Nokia der letzte echte Anbieter. Marktanteil sinkt erneut

Windows Phone ist mittlerweile fast gleichbedeutend mit der Marke Nokia. Der einstige Gegenpol HTC hat seit der Veröffentlichung der beiden Gegengewichte 8S und 8X vor zwei Jahren kein neues Modell mehr herausgebracht. Auch Samsung und Huawei haben es bei jeweils einem, ebenso alten einzigen Modell für Windows Phone 8 belassen: dem Ativ S und dem Ascend W1.

Der Markt ist für Konkurrenten von Microsoft-Nokia nicht mehr sonderlich attraktiv. Der Marktanteil von Windows Phone sank im zweiten Quartal laut den jüngsten Zahlen von Strategy Analytics sogar auf nur noch 2,7 Prozent im Vergleich zu 3,8 Prozent im Vorjahresquartal. Kantar ermittelt immerhin noch 5,9 Prozent. Android dominiert mit mittlerweile über 80 Prozent Marktanteil das Geschehen. Apple verteidigt seine 12 bis 13 Prozent mit Müh und Not. Erst dann folgt Windows Phone.

Letztes Mittel Kampfpreise?

Warum es seit Jahren derart schlecht aussieht und nicht wirklich besser wird mit Microsofts Marktanteil an der Smartphone-Welt, ist rational eigentlich nicht mehr zu erklären. Das System ist anders, verspielt, ja, aber wirklich nicht schlecht. Der größte Verfechter Nokia setzt auf starke Kameras und erstaunlich gute Apps dafür, wie etwa Creative Studio.

Jüngst gibt es aus dem Hause Microsoft-Nokia mit dem Lumia 630 und 530 sogar zwei Quadcore-Smartphones, die für unter 130 und 100 Euro zu haben sind. Die App-Auswahl zieht an, der Funktionsumfang braucht sich vor Android und iOS nicht mehr zu verstecken. Auch bei der Werbung setzt Microsoft auf Coolness und Sympathie, wie in diesem aktuellen Spot für das Lumia 630.

Großer Reformer Nadella

Der Hauptgrund für die nicht wirklich befriedigende Situation also? Sicherlich Microsofts schlechter Ruf, den man gerade durch den Wechsel von Steve Ballmer zu Satya Nadella aufzupolieren hofft. Ballmer hatte einst Apples keyboardloses iPhone verlacht; wenig später war der Erzfeind mit eben diesem iPhone meilenweit enteilt. Nadella immerhin kündigte an, sich nicht auf den Cash Cows Windows und Office ausruhen zu wollen. Der Marktanteil alle Windows-Systeme vereint betrage nur 14 Prozent, beklagte er neulich, und das gelte es zu verbessern. Seine erste neue Strategie für Windows Phone: Runter mit den Preisen! Das Lumia 530 mit einem Quadcore-Prozessor wird nicht mehr als 100 Euro kosten.

Es gibt keinen Grund zu Windows Phone zu wechseln

Vielleicht muss man die Gründe aber auch einfach bei jedem einzelnen Nutzer suchen. Würde ich mein Nexus 4 mit Android 4.4 gegen ein neues Nokia Windows Phone eintauschen? Unwahrscheinlich. Ich habe auf dem Nexus alles, was ich brauche, eine schöne, auf alle Aspekte abgestimmte Benutzeroberfläche, nahezu alle Apps, die ich brauche. Darüber hinaus scheint mir Microsoft auch nicht weniger neugierig als Google. Nokia hat starke Kameras, aber die bekomme ich bei einem LG oder HTC auch.

Es gibt keinen Grund zu Windows Phone zu wechseln, wenn man ein gutes Android-Smartphone hat, und das ist wahrscheinlich der Punkt. Zuerst war Windows Phone wegen der geringen App-Auswahl nicht attraktiv. Und jetzt, wo sich das geändert hat, ist es fast schon zu spät, weil die Wahl der Masse auf einen Androiden gefallen ist, die es in allen Formen, Farben, Größen und Preisen gibt.

Schöne Aussicht? "Eines Tages vielleicht bei zehn Prozent"

Windows Phone 8.1 jedoch ist ein System, das sich nicht zu verstecken braucht, es ist eine mittlerweile fast gleich starke Nummer drei. Es hat noch Luft nach oben und es kann eine willkommene Alternative für diejenigen sein kann, die an iPhone oder Android keine Freude mehr haben.

Fraglich ist nur, wie lange Microsoft daran noch Spaß hat, wenn die Zahlen sich einfach nicht verbessern und man wahrscheinlich schon zufrieden sein muss, wenn der Marktanteil bis 2018 bei 10 Prozent liegen könnte, wie von Gartner wohlwollend in Aussicht gestellt.

In Redmond wird man den Teufel tun, jetzt schon das Handtuch zu werfen. Aber mit einer Position in der Nische ist und war man in der eigenen Unternehmensgeschichte noch nie zufrieden. Microsoft wird weitermachen, nur irgendwann vielleicht, wie bei Bing, nicht mehr mit der gleichen Leidenschaft wie jetzt.

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