03.04.14

Wenn ein Rückschritt ein Fortschritt ist: Microsoft gesteht das Desaster Windows 8 indirekt ein

Stärkung der Taskleiste: Auch Metro-Apps können nun angepinnt und im Desktop gestartet werden. Alle Bilder: Microsoft

Windows 8 und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Das jüngste Update der Redmonder ist eine notwendige Rückkehr zu längst etablierten Funktionen und sie ist das Eingeständnis, dass das neue System eine komplette Fehlentwicklung war.

 

Es ist bezeichnend, dass die wichtigsten Neuerungen, die Microsoft gestern für Windows 8.1 vorgestellt hat, einen Schritt zurück bedeuten: Der Boot zum alten Desktop wird Standard, das Startmenü aus Windows 7, das doch eigentlich so passé sein sollte, wird wiederbelebt. Auf der Taskleiste im Desktop kann man nun - haltet euch fest - alle Apps des Betriebssystems anpinnen und öffnen. Damit wären wir dann fast wieder bei dem, was Windows 7 auch konnte.

Und die Modern UI oder Metro UI - es weiß immer noch niemand, wie sie offiziell heißt - erhält nun Kontextmenüs, wenn man mit der rechten Maustaste auf einem App-Icon klickt. Das ist pragmatisch, aber hässlich. Und, ach ja, man kann eine App nun mit dem Klick auf das x-Symbol am oberen rechten Bildschirmrand schließen. Hat man so natürlich auch noch nirgendwo gesehen, abgesehen von allen früheren Windows-Versionen.

 

Damit wären wir also wieder bei Windows 7. Verschweigen will ich nicht, dass Windows 8 durchaus Vorteile hat wie die deutlich schnellere Boot-Zeit. Aber das Märchen von den zwei Oberflächen auf einem System ist spätestens jetzt ausgeträumt.

  • Die meisten Windows-Nutzer würden immer noch mit Maus, Tastatur und der Desktop-Oberfläche arbeiten, sagte Microsoft-Manager Joe Belfiore gestern auf Build-Keynote. Nun, wer hätte das auch ahnen können, zumal sie das vorher schon jahrzehntelang taten und eine Umerziehung notwendig gewesen wäre, nur damit man dann zwischen zwei Oberflächen hätte hin- und herspringen dürfen? Der Desktop wird also wieder Standard. Wenn Windows 8.1 notwendige Veränderungen mitbringt, was war dann Windows 8? Das geplante Konzept, mal Modern UI und mal den Desktop zu benutzen, ist gescheitert.
  • In die Einstellungen kommt man nun direkt über einen Klick auf dem Startscreen. Und auch den Ausschalter findet man dort. Er wird nicht mehr in der dritten Menü-Ebene versteckt, wie das bisher sonderbarerweise der Fall war.
  • Wenn man eine App aus der Modern-Oberfläche entfernen will, kann man das also nun mit der Maus und einem Kontextmenü tun, das optisch ungefähr so gut in die Modern-Oberfläche passt, wie die Modern UI auf einen Desktop-Computer. Man muss nicht erst gedrückt halten und dann unten in der Statusleiste "entfernen" wählen. Das geht nun direkt.
  • Microsoft hat tatsächlich erst durch die Anregung von Nutzern erkannt, dass es der größte Usability-Fail seit Windows ME war, den Anwender immer zwischen zwei Oberflächen hin- und herspringen zu lassen.

Und das ist der Knackpunkt: Microsofts Umerziehung hat nicht funktioniert. Der Konzern hat Millionen von Nutzern für ein fragwürdiges Experiment missbraucht, von dem von Anfang an gar nicht klar war, wie es eigentlich genau funktionieren soll. Mit dem Ergebnis, dass es so nicht geht, wie man sich das vorgestellt hat, dass Desktop- und Laptop-Nutzer lieber eine Desktop-Oberfläche zum Arbeiten verwenden und kein quietschebuntes Kachelsystem. Und nun, wo man das erkannt hat, rudert man zurück und schraubt das System auf ein optisch zerfetztes Windows 7 zurück.

 

Das, im Übrigen, ist das einzige, was ich Microsoft in Bezug auf Windows 8.1 positiv anrechne. Dass man nun wenigstens den Desktop wieder benutzbar macht und damit Nutzern und der PC-Industrie entgegen kommt, die an der extremen Kaufzurückhaltung leidet. Weil selbst Verkäufer und Repräsentanten von PC-Herstellern hinter vorgehaltener Hand Windows 8 kritisieren und niemand es ernsthaft empfehlen will. Weil sich Google gerade ins Fäustchen lacht, weil man erstaunlich viele enttäuschte Nutzer von Microsofts Fehlentwicklung mit einem wenig funktionalen System wie Chrome OS auf seine Seite zieht.

Mit dem Windows 8.1 Update hat Microsoft indirekt zugegeben, dass Windows 8 in der Form gescheitert ist. Nun heißt es in Remond: Scherben aufsammeln und zusehen, dass man es mit Windows 9 wieder besser hinbekommt, bevor PC-Hersteller und Nutzer das durch Windows XP und 7 mühsam zurückgewonnene Vertrauen in Microsoft endgültig verloren haben.

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