22.06.13

Ubuntu als Erstsystem: Erfahrungen einer Fast-Umsteigerin

tux

Ubuntu ist nicht wie andere Linuxdistributionen. Durch die Popularität und umstrittene Entscheidungen von Sponsor Canonical wird das System von vielen Linuxanhängern verschmäht. Dafür ist es beliebt bei vielen, die sich das erste Mal an Linux trauen. Ein kleiner Erfahrungsbericht.

tux Linux Maskottchen "Tux"

Canonical-Chef Mark Shuttleworth musste im März viel Kritik nur für seinen geäußerten Wunsch einstecken, er wolle Ubuntu auf die Höhe kommerzieller Mainstream-Systeme bringen. Schon das zeigt, dass man sich nicht unbedingt Freunde in der Linux-Gemeinde macht, wenn man Ubuntu verwendet. Wer allerdings von Mac oder Windows in die Linux-Welt wechseln will, für den bietet das System einen einfachen Einstieg.

Nachdem Ubuntu auch auf Tablets und Smartphones verfügbar wird, habe ich mich an das Abenteuer gewagt und das System im Selbsttest ohne Vorkenntnisse zur produktiven Arbeit eingesetzt.

Die Installation verlief problemlos. Ubuntu lässt sich als Dual Boot neben Windows installieren und läuft danach völlig unabhängig. Wer aber keinen Dual Boot einrichten will, kann Ubuntu auch in einer virtuellen Maschine einrichten oder natürlich an Stelle von Windows installieren.

Wieso ich Ubuntu nur neben Windows installiert habe? Ich bin Gamerin und auch wenn es in den letzten 12 Monaten vor allem durch Steam große Fortschritte gab, was die Popularität von Computerspielen unter Linux betrifft, dürfen wir uns nichts vormachen. Es gibt zwar viele Indiegames und einige populäre Spiele, die unter Ubuntu lauffähig sind, aber es ist nicht die Regel. Von meinen 42 Steam-Spielen gibt es gerade einmal 9 auch für Linux. Von allen Spielen, die ich regelmäßig spiele, ist keins für Ubuntu oder irgend eine andere Distribution erhältlich.

Dementsprechend kam ein kompletter Umstieg für mich nicht in Frage. Es gibt für diese Fälle die Möglichkeit, einen Dual-Boot einzurichten - also Windows und Linux auf einem Rechner zu installieren und das war auch die Lösung, für die ich mich entschied.

Ubuntu lässt sich ohne Installation testen

Meine Ausflüge zu ChromeOS und auch OSX hatten mich schon darauf vorbereitet, mich bei meiner Arbeit nicht allzusehr von Desktop-Programmen abhängig zu machen. Zwar machen kleine Tools die Arbeit unter einem System einfacher, aber wechselt man dieses, dann verzweifelt man bei der Suche nach Alternativen.

Ubuntus Benutzeroberfläche ist intuitiv gestaltet und orientiert sich an Windows, aber auch an OSX. Umsteiger beider Systeme können sich in der Unity-Umgebung von Ubuntu gut zurechtfinden.

Ubuntu profitiert von einer großen Nutzergemeinschaft und damit auch vom Support im Netz. Zu vielen Problemen finden sich Forenthreads, in denen erfahrene User Hilfestellung gehen, sodass man bei Problemen mit dem System eine Anlaufstelle hat.

Die tägliche Arbeit unter Ubuntu ist angenehm. Das System ist schnell, sieht ansprechend aus und nach einiger Zeit habe ich sogar vergessen, dass ich gar nicht mehr unter Windows arbeite, weil die Arbeitsschritte wie von selbst funktionierten. Das ist für mich immer ein gutes Zeichen, denn ich will mir bei meiner Arbeit keine Sorgen um das System machen müssen.

Nicht für alles gibt es Ersatz

Aber nicht alles ist rosarote Linuxwelt. Nicht alles lässt sich ersetzen, vor allem wenn man unter Windows starke und kostenpflichtige Programme für verschiedene Dinge einsetzt. So habe ich bislang keinen Twitterclient gefunden, der mir gefiel. Ich habe mich zwar durch die verschiedenen Möglichkeiten getestet, aber keiner kommt nur ansatzweise an den Komfort meines Windows-Tools Metrotwit ran. Da Twitter für meinen Job aber trotzdem wichtig ist, nutze ich die Webvariante. Das ist zwar nicht bequem, aber immerhin nutzbar.

Auch einige Webdienste funktionieren leider nicht unter Ubuntu. Grund hierfür sind allerdings vor allem DRM-Medien. So sind Streaming-Dienste wie Watchever und Lovefilm entweder gar nicht oder nur mit ein wenig Bastelei nutzbar. Gerade da es sich hierbei um Bezahl-Dienste handelt, muss unbedingt nachgebessert werden.

Wenn man Watchever unter Ubuntu aufrufen möchte

Ich habe zudem auch die Erfahrung gemacht, dass man sich nicht unbedingt beliebt macht, wenn man sich außerhalb der Ubuntuforen als Ubuntu-Nutzer "outet". Ich kenne diese Art von Verhalten zwar schon zwischen Android- und iOS-Nutzern, jedoch ist es unter den verschiedenen Linuxdistributionen subjektiv wahrgenommen extremer. Vor allem aber deswegen, weil es unzählige Distributionen gibt und viele davon überzeugt sind, die einzig richtige zu nutzen. Nutzern wird außerdem vielfach vorgehalten, Canonicals umstrittene Firmenpolitik und das Angebot kostenpflichtiger Software über den eigenen Store zu unterstützen.

Ich halte es aber bei einem Betriebssystem für den Rechner, wie für das Smartphone. Jeder soll das System verwenden, mit dem er zurecht kommt. Linux-Nutzer sollten sich zudem freuen, dass Ubuntu den Einstieg für Leute ohne Kenntnisse so einfach gemacht hat. Wer sich danach weiter für Linux interessiert, wird sicher freiwillig auch die anderen Distributionen testen. Man darf nur nicht die Augen davor verschließen, dass Canonical lediglich einen Markt bedient.

Ubuntu ist nur eine von vielen Distributionen

Aus den Augen einer Fast-Umsteigerin kann ich aber bestätigen, dass Ubuntu einen leichten Einstieg für Leute ohne Vorkenntnisse bietet und an das Thema Linux vorsichtig heranführt, indem man auf bekannte UI-Elemente aufbaut. Für die Linux-Community kann das ein Gewinn sein, weil so das Bewusstsein für alternative Systeme wächst. Ich bin froh, meine Arbeit auf Ubuntu ausgelagert zu haben und wechsle abends fast schon widerwillig zu Windows, um meine Spiele zu spielen.

Wer selbst einmal Ubuntu testen möchte kann dies auch ganz ohne Installation. Aktuelle Ubuntu-Installationen lassen sich auch als Live-System starten, ohne dass etwas installiert werden müsste. Diese Live-Systeme sind dann zwar nicht produktiv nutzbar, aber zum Ausprobieren reicht es. Neben Ubuntu gibt es natürlich noch zahlreiche andere Linux-Distributionen wie OpenSuse, Debian oder Fedora. Wer etwas tiefer in die Materie einsteigen möchte, dem sei eins dieser Angebote ans Herz gelegt. Eine kleine (und längst nicht vollständige) Auflistung gibt es etwa auf Linux.de.

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