14.06.13

RoboRoach: Ein lebendes Insekt über das Smartphone steuern – Wie weit darf ein Mensch gehen?

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Ein Thema führt in den letzten Tagen zu großen Kontroversen: das Kickstarter-Projekt „RoboRoach“. Dieses Projekt ermöglicht es jedem, der daran Interesse hat, einen Bausatz zu bestellen, mit dem er eine lebende Kakerlake zu einem Schaben-Cyborg umfunktionieren kann. Darf ein Mensch so weit gehen?

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Die RoboRoach-Idee ist nicht neu. Schon 1997 experimentierten japanische Wissenschaftler sogar unter dem gleichen Projektnamen mit Küchenschaben und verdrahteten sie, um sie durch Impulse steuern zu können. Der Plan war damals, Schaben mit Technik versehen zu können, um sie als „Wanzen“ einsetzen zu können, damit sie Räume überwachen.

In den USA fanden in den letzten zehn Jahren ebenfalls zahlreiche Experiente dazu statt. Man setzte Fauchschaben ebenfalls diesen Computerruckssack auf, um sie zu steuern. Diesmal war der Grund, dass man sie in Katastrophengebieten einsetzen wolle, damit sie Verschüttete ausfindig machen können oder Sprengstoff aufspüren.

„RoboRoach“ auf Kickstarter ist das erste kommerziell vermarktete Produkt, das es Menschen ohne wissenschaftlichen Hintergrund ermöglicht, eigene Kakerlaken zu verdrahten und dann mit dem iPhone durch die Gegend laufen zu lassen. Die Macher betonen hier immer wieder den wissenschaftlichen Nutzen dieser Experimente und dass es alles im Namen der Forschung geschehe, aber ist das wirklich der Fall, oder wird diese Begründung vorgeschoben, um unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen?

 

Die Verkabelung und Verdrahtung einer Küchenschabe ist kein einfaches Unterfangen und die meisten Menschen dürften hier bereits schon scheitern. Eine Schabe besitzt kein zentrales Gehirn wie man es von Wirbeltieren kennt. Gehirnfunktionen sind an mehreren Knotenpunkten im ganzen Körper verteilt. Alle diese Knotenpunkte können unabhängig voneinander agieren und reagieren. Da Schaben kein zentrales Gehirn besitzen, wird ihnen häufig die Fähigkeit abgesprochen, Schmerz empfinden zu können. Schaben zeigen jedoch sehr deutliche Reaktionen auf Reize. Ob sie wirklich Schmerz empfinden, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Es wird aber vermutet, dass es nicht vergleichbar mit dem Schmerzgefühl ist, das wir kennen, aber ausgeprägt genug, um in der Schabe einen Fluchtreflex auszulösen.

Abgeschnittene Fühler und ein durchbohrter Rückenpanzer

Um die Schabe verdrahten zu können, wird ihr mit Sekundenkleber der Steckeranschluss auf den Halspanzer geklebt. Da Schaben von Natur aus mit einer dünnen Fettschicht überzogen sind, wird der Panzer mit Sandpapier aufgeraut. Der Anschluss besitzt drei Drähte. Zwei für die Fühler und eines für den Rücken. Um die Drähte in den Fühlern anzubringen, werden diese abgeschnitten. In den Fühlern befinden sich Nerven und man steckt die Drähte mit einem Tropfen Sekundenkleber direkt in die Fühler hinein. Der dritte Draht wird in die wichtigste Ansammlung von Nervenknotenpunkten in den Rücken gesteckt. Dazu wird der Panzer des Tieres aufgestochen und der Draht in den Körper gesteckt und das Loch daraufhin ebenfalls mit Sekundenkleber verklebt.

Die freiliegenden Drähte am Kopf der Schabe werden abschließend mit einem Tropfen Kleber aus einer Heißklebepistole fixiert. Genauso wird die Platine mit den Modulen an den Flügeln der Schabe befestigt. So trägt sie das schwerste Teil der Installation nicht nur auf dem Rücken, sondern wird durch den Kleber auch noch daran gehindert, wegfliegen zu können. Bei Fauchschaben kürzt man nicht nur die vorderen, sondern auch die hinteren Antennen und verdrahtet diese mit Sekundenkleber.

Nervenstimulationen "steuern" die Schabe

Mit einer Schnittstelle, die sich mit dem Smartphone verbindet, kann man dann die einzelnen Regionen der Nerven stimulieren, um die Schabe daran zu hindern in eine Richtung zu gehen. Möchte man also, dass sie nach rechts geht, stimuliert man den linken Fühler, damit sie denkt, sie sei gegen einen Gegenstand gelaufen. Schaben orientieren sich kaum über ihre Augen, sondern hauptsächlich über ihre Fühler und über feine Haare an ihren Beinen, mit denen sie auch die leichtesten Veränderungen von Luftbewegungen feststellen können.

Die Stimulierung über diese Verkabelung funktioniert nur wenige Minuten, da die Schabe sehr schnell eine Resistenz gegen falsche Reize entwickeln kann. Die Schabe ist danach für die Experimente unbrauchbar.

Nach dem Experiment nur noch wenige Tage zu leben

Was passiert mit den Schaben nach dem Experiment? Die Macher des Kickstarter-Projekts versichern, dass die Schaben nach den Experimenten normal weiterleben und 2-3 Jahre alt werden und einem „normalen Schabenleben“ nachgehen können. Das ist nicht die ganze Wahrheit. Ich habe mich mit einer erfahrenen Schabenhalterin unterhalten und sie erklärte mir, dass die Antennen, also die Fühler der Schabe ihr wichtigstes Sinnesorgan sind. Die Antennen der Schabe sind ihre Nase und ein Kommunikationswerkzeug. Eine Schabe ohne Antennen ist nicht mehr in der Lage Futter aufzuspüren und zu fressen und wird deswegen innerhalb kürzester Zeit verhungern. Natürlich kann sie insgesamt trotzdem 2-3 Jahre leben, aber auch nur, wenn sie zum Zeitpunkt des Experiments schon so alt war.

Rechtliche Grauzone

Schaben haben in unseren Breitengraden im Verständnis vieler den Stand eines Schädlings. Legitim sind Experimente dieser Art deswegen noch lange nicht: Auch Schaben unterstehen in Deutschland dem Tierschutzgesetz. Zwar sind sie als Wirbellose nicht so umfassend geschützt wie Wirbeltiere, doch es gibt in Deutschland genaue Bestimmungen, wann Tierversuche an Tieren und vor allem zu welchem Zweck durchgeführt werden dürfen (TierSchG §9).

Wer Tierversuche durchführt, und nach dem betonten wissenschaftlichen Ursprung dieses Produkts würde der Einsatz als Tierversuch gelten, muss entsprechende Fachkenntnisse nachweisen können. Zudem ist es in Deutschland untersagt, einem Tier Schaden zuzufügen, solange es nicht einen wichtigen Grund hierfür gibt. Tiere, die in ihrem Leben nach den Experimenten eingeschränkt sind, müssen nach dem Experiment umgehend, schnell und schmerzlos getötet werden.

Ich sehe in dem Projekt „RoboRoach“ weder einen wichtigen wissenschaftlichen Hintergrund, der sich nicht auch nachlesen lassen könnte und der nicht schon seit Jahrzehnten bekannt und bewiesen ist, noch sehe ich überhaupt einen Sinn darin, wieso man Tierexperimente für den Heimgebrauch gesellschaftsfähig machen möchte.

RoboRoach ist also nicht einfach nur ein abgekupfertes Projekt, an dem seit Jahrzehnten in verschiedenen Universitäten gearbeitet wurde, sondern es würde sich in Deutschland in einer rechtlichen Grauzone befinden. Ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz wäre RoboRoach, jedoch würde er von den Behörden mit großer Wahrscheinlichkeit nicht verfolgt werden.

Vom Wert eines Tierlebens zu Unterhaltungszwecken

Und der ethische Standpunkt? Ein lebendes Tier zur eigenen Belustigung verstümmeln und mit dem Smartphone steuern? Es gibt im Internet natürlich zahlreiche Argumentationsstränge, dass es nur Kakerlaken seien, dass es davon ja genug geben würde und dass andere Tiere ja auch getötet werden. Diese Argumentationskette ist aber sehr schwach, denn der Wert eines Tieres wird nicht an seiner Populationsdichte gemessen und der Wert am Tod eines Tieres nicht an der Anzahl der Tode anderer Tiere. Was man sich in diesem Fall fragen muss ist, welchen Grund der Tod hat und ob er nötig und unvermeidbar wäre. In Zeiten, in denen die Wissenschaft sogar in wichtigen Forschungsgebieten wie der Medizin nach Alternativen zu Tierversuchen sucht, sollten wir nicht anfangen, sie im Heimgebrauch und zur Unterhaltung einzusetzen.

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