18.11.06

Test Web 2.0-Office: Wieviel PC braucht der Mensch?

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Neuerdings erstellt Text inklusive Tabelle, Fotos und Flussdiagramm - ausschliesslich mit Online-Anwendungen.

Wer braucht heute noch einen 3GhZ-Computer? Alles, was man für die übliche Büroarbeit braucht, ist in Web2.0 (also ganz einfach im Internet) als Anwendung vorhanden. das ist das Fazit eines kleinen Selbsttests, den wir heute vorgenommen haben. Demnach lässt sich mit einem "Thin-Client" (idiotischer Name für einen Computer, der fast nichts kann ausser aufs Internet zuzugreifen), einem 100-Dollar-PC oder einem ähnlichen Gerät alles bewerkstelligen, was ein Büroarbeiter braucht - kein MSOffice, kein OpenOffice mehr nötig.

Ohne irgendeine andere Anwendung ausser den Webbrowser (in diesem Falle Firefox) zu öffnen, haben wir ein Textdokument erfasst, formatiert, ein Foto des Autors bearbeitet und integriert, eine Tabelle erstellt und eingefügt, das ganze mit einem Flussdiagramm angereichert und zum Schluss nett formatiert per E-Mail verschickt. Erzählt das jemandem, der vor fünf Jahren das Internet letztmals benutzt hat!

Ein kleiner Einschub: Eine Anwendung auf dem PC hätten für all das dann doch gebraucht - irgendeine Möglichkeit, die Fotografie aus der Kamera auf die Kiste und von dort aus in die Online-Bildbearbeitung zu schieben. Nur der Vollständigkeit halber, damit klar ist, wo beim Nachvollzug der Übung in einem Internet-Café in Khao Lak oder sonstwo Probleme auftauchen könnten.)

Die benutzten Web-Dienste:

Writely

Von Google aufgekaufter Wiki-Betreiber: Textverarbeitung im Browser mit der Option, andere Internet-Surfer am Dokument mitarbeiten zu lassen. kostenlos, braucht Google-Account

Gliffy

Flash-basierter Diagramm-Editor mit einer Vielzahl an Vorlagen für Fluss-, Architektur- und andere Diagramme, inklusive online-Veröffentlichung mit detaillierter Anweisung, wie die fertige Arbeit ohne Zwischenspeicherung auf dem lokalen Rechner in Blogs und Wikis eingebaut werden kann. Kostenlos, Registrierung mit Email nötig

Snipshot

Einfache, aber schön gestaltete Bildbearbeitung für simple Bearbeitung von Fotos. Ausgewogene Ein-Klick-Bildverbesserung. Kostenlos

Der Vorgang:

Wir haben uns zuerst in Writely mit einem Google-Account angemeldet und ein neues Dokument eröffnet. Das geht leicht von der Hand und mutet nicht viel anders an, als wenn man in OpenOffice/MSOffice ein neues Dokument startet. Die Anwendung bietet alle wichtigen Gestaltungs- und Gliederungsfunktionen, hat aber gegenüber den lokal gespeicherten Anwendungen einen grossen Vorteil: Sie funktioniert als Wiki, das heisst, andere Benutzer können auf Einladung des Urhebers an dem Dokument Veränderungen vornehmen.

Solche Anpassungen werden dem ursprünglichen Autor farblich markiert angezeigt.

Abgesehen von einer beschränkten Auswahl an Schriftarten und dem Umstand, dass keine eigenen Absatzlayouts entworfen werden können (ich habe diese Funktion jedenfalls nicht gefunden), steht die Anwendung den Grundfunktionener grossen Officepakete in keiner Weise nach. Im Gegenteil: Integriert ist die Ausgabe (lokale Speicherung) der Dokumente in verschiedensten Formaten bis hin zu PDF.

Vor allem aber kann das Dokument direkt aus der Anwendung per Mail verschickt, im Internet publiziert oder auf einen Blog hochgeladen werden - wobei Writely für zahlreiche Optionen gerüstet ist.

Grossartig ist übrigens die Rechtschreibekorrektur in Writely, die sich über einen usncheinbaren Link unten rechts aktivieren und aus drei Dutzend Sprachen eine auswählen lässt: Sie markiert im ganzen Text die falsch geschrieben Wörter, ein Mausklick auf eine Markierung öffnet sogleich ein Kontext-Menu, aus dem die richige Schreibweise ausgewählt werden kann - einfacher und schneller gehts nicht. Hier könnte sich MS eine Scheibe abschneiden.

Wir erstellen aber zunächst eine einfache Tabelle im Dokument, um die benutzten Webseiten aufzulisten. Hierbei zeigt sich, dass die Tabellenfunktion über die Browser-Bedienung ein gutes Stück weniger bequem ist als in Word. Ausserdem ist der Gestaltungsumfang beschränkt, was nicht weiter erstaunt, denn schliesslich erstellen wir hier kein Word-Dokument (auch wenn es sich am Ende im Word-Format exportieren lässt), sondern eine HMTL-Datei, also eine Webseite. Und die haben nun mal relativ wenige Gestaltungsoptionen. Immerhin lassen sich die Spalten und Zeilen auch in Writely mit der Maus vergrössern und verkleinern, und auf Rechtsklick erscheint ein Kontextmenu, das Tabellenfunktionen zur Auswahl anbietet.

Als nächstes wechseln wir zu Snipshot. Diese Webseite verlangt nicht einmal eine Anmeldung mit Mailadresse - es kann gleich losgehen, und zwar entweder mit einem Bild ab lokalem Rechner (wird hochgeladen) oder mittels einem URL, einer Webadresse also, die auf ein Foto verweist. Als nächstes kriegen wir eine simple, aber intuitive Oberfläche angezeigt, in der das Bild erscheint, das sich mit der Maus beschneiden, auf einen Klick verbessern drehen, vergrössern oder verkleinern und in verschiedenen Formaten speichern lässt- unter anderem direkt in einen Flickr-Account.

Inzwischen haben wir mit Herumprobieren festgestellt, dass Writely noch keine Einbindung von Bildern aus dem Web zulässt - äusserst schade, wie wir später noch feststellen werden. Also wird das verkleinerte und beschnittene Bild als JPG lokal auf den Rechner gespeichert (als Download) und dann via Bildeinfüge-Funktion in Writely ins Dokument eingespeist.

Schliesslich kommt Gliffy zum Einsatz, mit dessen Flussdiagramm-Funktion wir den Ablauf der Übung darstellen wollen. Gliffy ist im Beta-Stadium und verlangt derzeit erst eine Mail-Registrierung, aber die Perfektion und der Funktionsumfang lässt erwarten, dass dieser Dienst nicht ewig kostenlos bleiben wird. Wir wählen aus den verschiedenen Funktionsumfängen in der Flash-Anwendung das Flussdiagramm (es gibt die Möglichkeit, Schaltpläne, Stockwerkpläne, Benutzerinterfaces für Web-Anwendungen und vieles mehr zu entwerfen) und erstellen mit wenigen Mausklicks ein schlichtes Flussdiagramm.

Jetzt bietet Gliffy die Option, das Werk direkt zu veröffentlichen, das heisst, es wird als Datei auf dem Server von Gliffy gespeichert und lässt sich in verschiedenen Grössen über eine Web-Adresse in andere Web-Dokumente und Blogs etc einbauen. Dabei hilft die ebenso übersichtliche wie intuitive Anwendung mit einem ganzen Set von Anweisugen für rund ein Dutzend Web-Anwendungen, von Wordpress über Writely bis zu Blogspot.

Weil wir wie bereits bemerkt festgestellt haben, dass die Einbindung von Online-Bildern in Writely trotz der detaillierten Anweisung in Gliffy nicht funktioniert, speichern wir das Diagramm wiederum lokal auf dem Rechner und laden es im andern Browserfenster als Bild ins Writely-Dokument.

Auch wenn klar ist, dass mit etwas mehr Einsatz bessere Resultate möglich wären - für ein Dokument, das praktisch vollständig im Browser entstanden ist, macht unser Arbeitspapier schon was her.

Bewertung

Noch erreichen die Online-Anwendungen nicht ganz die Bequemlichkeit einer Office-Suite auf dem lokalen Rechner. Aber dabei könnte es sich auch um eine Gewohnheitsfrage halten, denn immerhin sind wir die integrierte Umgebung von Office und Co nun schon seit Jahren gewohnt, während die teils sehr anders anmutenden Online-Anwendungen erst seit ein, zwei Jahren verfügbar sind.

Für die einfachsten Grundaufgaben eines Büro-Arbeiters - und das dürfte etwa 90 Prozent seiner Arbeitszeit ausmachen - sind die kostenlosen Web-Helfer absolut ausreichend. Ich persönlich weiss jedenfalls jetzt, was ich meiner 78jährigen Mutter nächstens vorführe, wenn sie mal wieder wissen will, wie sie ein Bild verkleinern kann: Mit den Funktionen von Paint Shop Pro oder auch nur Irfanview ist sie überfordert, aber Snipshot erledigt alles, was sie braucht und noch dazu viel intuitiver.

Gliffy hat meiner Meinung nach viel Potential und macht für Leute wie mich, die einmal pro Jahr ein Diagramm erstellen müssen, die Anschaffung von Microsoft Visio oder ähnlichen Monstren überflüssig. und Writely wird wohl sehr rasch zum Instrument der Wahl, wenn ich unterwegs etwas Schnelles schreiben muss, das jemand anders noch überarbeiten soll. Wozu in Word schreiben und dann Texte herummailen oder die zwar grossartige, aber von den wenigsten Leuten durchschaute Überarbeitungs-Funktion bemühen, wenn das alles in einer einfachen Wiki-Anwendung viel übersichtlicher und simpler geht? Übrigens speichert Writely meine Arbeit in regelmässigen Abständen auf Googles Servern, und die beiden andern Anwendungen lassen ebenso wie Writely eine lange Zahl von Befehlen mit der "rückgängig" -Taste aufheben.

Natürlich haben die Online-Anwendungen auch ihre Nachteile, angefangen beim Umstand, dass man zu ihrer Nutzung online sein muss, über den ungewohnten Wechsel zwischen Browser-Fenstern und dem eingeschränkten Funktionsumfang (der allerdings immer mal wieder auch als Vorteil auftritt) bis hin zum umständlichen Hoch- und Runterladen von Bildern. Viele Anwender werden mit der Eingabe von URLS zur Querverbindung von online gespeicherten Dokumenten und Bildern überfordert sein - mindestens so sehr wie mit der Eingabe von Pfaden für die lokale Harddisk. Schade ist auch, dass die Web2.0-Anwendungen allesamt auf Zusatzfunktionalitäten aufgebaut sind, welche einfache Browser (Smartphones) nicht aufweisen. Aber vorerst möchte ja auch noch niemand mit dem Handy ein Flussdiagramm auf Gliffy erstellen - was mangels Maus ziemlich mühsam wäre.

Das Fazit

Anhand dieser einfachen Anwendungen kann man schon zum Schluss kommen, dass sich die Anschaffung einer umfassenden Computerausrüstung für die Basisarbeiten nicht mehr lohnt. Wer lediglich Emails verschicken, im Web browsen, hin und wieder einen Text schreiben und vielleicht noch Fotos verwalten will, ist mit Webanwendungen bereits ausreichend bedient.

Und es dürfte nicht lange dauern, bis ein findiger Unternehmer die zwanzig Jahre alte Idee des "Thin Client" neu entdeckt und einen 100-Dollar-Laptop für die erste Welt herausgibt, der aus nicht viel mehr als einem Bildschirm, einem rudimentär-Linux mit Browser und einigen voreingestellten URLs besteht.

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