17.10.11

Anatomisch angepasste Kopfhörer im Test (1/2): Beyerdynamic DTX 100

Beyerdynamic: DTX 100 mit angesetzten Ohrpassstücken (rot = rechtes Ohr, blau = linkes Ohr) (Bild: wor)

Zum Hörgeräteakustiker gehen? In meinem Alter? Oh, wie peinlich. Doch es war nicht, wie es schien: Zwar will ich besser hören, ja. Doch es geht um angepasste Ohrhörer für den iPod, nicht um Hörcomputer.

In einer Folge der englischen Science-Fiction-Serie "Doctor Who" tragen alle Bewohner einer Parallel-Erde Ohrstöpsel, über die sie direkt ins Gehirn die neuesten Nachrichten und Anweisungen als Download erhalten, bis zur Aufrüstung als im Gleichschritt marschierende Roboter. Unangenehme Vorstellung.

Auf den Strassen und in den Zügen sieht man allerdings heute schon jede Menge solcher Robotermenschen. Doch sie lesen nur ganz harmlos Zeitung oder haben die Augen geschlossen und hören ein Hörspiel. Für Pendler, die täglich Stunden im Zug verbringen, ein angenehmer Zeitvertrieb.

Die dazu verwendeten «Ohrbohrer» sind unbequem und gehören zu Billig-Taschenradios? Das gilt schon lange nicht mehr: In-Ohr-Hörer, so die moderne, (d)englische Bezeichnung, bieten heute HiFi-Qualität - und Umgebungsgeräuschunterdrückung.

Vorausgesetzt allerdings, die eigenen Ohren passen auf die Kopfhörer. Denn dann und nur dann sitzen die «Ohrbohrer» fest und bequem und liefern guten Klang. Andernfalls dagegen enttäuscht der Klang eher - und die Ohrhörer fallen auch leicht einmal heraus.

Normale Walkman-Kopfhörer sind offen, der Benutzer hört alles Wichtige («Fahrkarten - die Fahrkarten bitte» oder «Dieser Waggon wird wegen Ausfall der Klimaanlage abgehängt, bitte alles aussteigen!»), doch auch Unwichtiges («Übrigens: Unser Bordrestaurant bietet Ihnen etwas zu essen und zwar...» oder «Der Ausstieg befindet sich heute an den Türen!»). Um Ansagen, sich unterhaltende Mitfahrer und Fahrgeräusche selbst zu übertönen, muss der MP3-Spieler lauter gestellt werden und erreicht so leicht ungewollt Discothekenlautstärke. Schlecht für die Trommelfelle!

Als Abhilfe gibt es geräuschunterdrückende Kopfhörer, mit denen die Ohrenbelastung bei vernünftiger Einstellung des MP3-Spielers sogar geringer ist als ohne Kopfhörer. Sie nehmen den äusseren Schall über ein Mikrofon auf und speisen ihn gegenphasig in den Kopfhörer. Das kompensiert zumindest tiefe Frequenzen, allerdings ist eine Stromversorgung notwendig und mit der Hochfrequenzfestigkeit der Schaltungen steht es oft nicht zum Besten - das Handy des Sitznachbarn erzeugt Störgeräusche. Um höhere Töne abzuschirmen, ist schon ein geschlossener Kopfhörer notwendig - unbequem unterwegs.

Um nicht so als «ferngesteuert» aufzufallen und das Transportgewicht und -volumen zu reduzieren, bevorzugen viele Musikhörer stattdessen «Ohrstöpsel», wie sie bei den allerersten Taschenradios üblich waren. Diese schirmen Umgebungsschall auf natürlichem Weg ab und sollen - da sie direkt in den Ohrkanal strahlen - trotz ihrer Kleinheit HiFi bieten. Auch der iPod benutzt solche Ohrhörer - mangels «Stöpsel» sitzen sie allerdings in vielen Ohren nicht fest genug. Das führt dann nicht nur zu deutlichem Umgebungsschall, sondern auch zu einem dünnen Klang - von «HiFi» keine Spur, von «quäken» dafür umso mehr. Ohrhörer, auf die der eine schwört, klingen bei einem anderen völlig blechern.

Ohren dicht!

Um diesem Problem abzuhelfen, bietet der Hersteller Beyerdynamic die Option, für die Ohrhörer beim Ohrakustiker (= Hörgeräte-Fachmann) Passstücke anfertigen zu lassen. Dazu wird mit einer Knetmasse ein Ohrabdruck gemacht. Später schliesst das Passstück dann das Ohr luft- und schalldicht ab.

Dies klingt zunächst unangenehm, doch bot mir der Hersteller einen Test an. Nach Herstellung der Passstücke, die nach der Abnahme in einer Filiale des Hörgerätehändlers Kind etwa 12 Tage dauert, brauchte es zwar noch etwas Gewöhnung - an einem Ohr drückte der neue «Plug-in-Adapter» etwas. Doch der Klang überzeugt, ebenso wie die Schallabschirmung: Was zuvor «blechern» klang, bot nun Bässe und Höhen - und himmlische Stille, wenn kein Signal angeschlossen ist. Ausserdem sitzen die «Ohrbohrer» nun sicher im Gehörgang und fallen nicht mehr alle paar Minuten aus dem Ohr.

Die für die Modifikation geeigneten Ohrhörer sind die Beyerdynamic-Modelle DTX 50, 60, 80 und 100 mit Preisen von EUR 60 bis EUR 100. Nach dem Anfertigen der Passstücke für EUR 120 werden diese einfach an die Ohrhörer geklipst. Ausserdem gibt es Schallschutz-Filter zu EUR 80 mit 9, 15 oder 25 dB Dämpfung, die anstelle der Ohrhörer eingesetzt werden können. Diese sind - im Gegensatz zu Oropax und Ähnlichem - frequenzgangneutral und damit für Fälle geeignet, in denen man die Lautstärke reduzieren, doch ansprechbar bleiben will. Auch eine Lösung für zu laute Konzerte. Allerdings ist das Einsetzen der Schallschutz-Filter etwas knifflig. Alle Teile können auch direkt beim Hersteller gekauft werden.

Wie es noch etwas eleganter, allerdings auch noch teurer, möglich ist, diese anatomische Anpassung ohne die Silikon-Gummis zu erreichen, werde ich in Teil II des Tests beschreiben.

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