05.06.14

Solar Roadways: Solarstraßen – so faszinierend wie zweifelhaft

So könnten die Solarstraßen nach der Vision der Macher aussehen.

Mit Solarstraßen will ein Ehepaar aus Idaho die Welt verbessern – und hat bereits knapp 45.000 Menschen zur Geldspende via Indiegogo bewegt. Fast 2 Millionen US-Dollar sind eingesammelt. Experten aber haben erhebliche Zweifel an der Machbarkeit des Projekts.

 

Scott und Julie Brusaw aus Sandpoint, Idaho, haben eine atemberaubend weitreichende Vision. Wie wahrscheinlich vielen von euch auch, ist sie mir das erste Mal in einem Social Network begegnet. Dort verbreitet sich eines der Videos über ihr „Solar Roadways“-Projekt wie verrückt. Und sicherlich ist auch das ein Grund dafür, warum es das Projekt mit den meisten Unterstützern in der Geschichte von Indiegogo ist – immerhin dem Urvater aller Crowdfunding-Websites. 45.000 Unterstützer, 2 Millionen US-Dollar: So lautet die Bilanz aktuell und das Projekt wurde gerade noch bis zum 20. Juni verlängert. Aber warum geht es eigentlich? Und warum haben manche Experten so große Zweifel an der Machbarkeit?

Die Grundidee der Solar Roadways ist es, Straßen, Fußwege, Parkplätze und anderes nicht mehr mit Asphalt oder Beton umzusetzen, sondern mit sechseckigen Bausteinen. Und die haben es wortwörtlich in sich: Unter einer speziellen Hartglas-Oberfläche finden sich hier Solarpanele, LEDs und Steuerungselektronik. Auf diese Weise erzeugen die Solarstraßen also Energie. Würde man alle Straßen in den USA auf diese Weise umbauen, würden sie mehr Energie erzeugen als das Land derzeit verbraucht – so rechnen es die Macher vor. Diesen Strom könnte sie auch Elektroautos zur Verfügung stellen, künftig per Induktion sogar während der Fahrt. Dank der LEDs kann die Solarstraße zudem anpassbare und leuchtende Straßenmarkierungen anzeigen und so beispielsweise auch vor Gefahrenstellen warnen. Nicht zuletzt lassen sich die Elemente beheizen, so dass im Winter der Einsatz von Streusalz und Räumfahrzeugen überflüssig würde.

Die neuen High-Tech-Straßen brauchen unter sich einen Kabelkanal, den man nach Vorstellung von Scott und Julie Brusaw auch für andere Leitungen nutzen könnte – auf diese Weise würde man die Strom- und Telefonmasten los, die hier in den USA noch vielerorts an der Tagesordnung sind. Auch Abwasserkanäle könnten hier ihren Platz finden. Und gebettet wird das alles auf weiterverarbeiteten Abfällen.

Die Glasoberfläche soll dabei rund 113 Tonnen Last aushalten können. Und dank einer speziell entwickelten Oberflächenstruktur soll sie ebenso viel Grip bieten wie Asphalt.

Zusammengefasst: Selbstleuchtende, beheizte Straßen, die vor Gefahren warnen und alle Probleme mit der Energieversorgung des Landes auf einen Schlag beenden. Nach den Vorstellungen der Macher sollen in jedem US-Bundesstaat Fabriken zur Herstellung der Elemente entstehen, ebenso in jedem Land der Welt, das sie einsetzen will. Jobs werden also auch noch geschaffen.

Vor allem dieses launige Video machte dabei auf Facebook & Co. die Runde:

www.youtube.com/watch

Es gibt aber auch eine unaufgeregtere Version:

www.youtube.com/watch

Eine große Vision, die vor allem viele real vorhandene Probleme anspricht. Scott Brusaw ist dabei Elektroingenieur und weiß daher zumindest für die technische Seite, worüber er spricht. Trotzdem scheint es ein enorm gewagtes Projekt für ein Ehepaar, das bislang kein Projekt in einer solchen Größenordnung umgesetzt hat. Und zudem bleiben viele Fragen nach der Machbarkeit offen. Denn funktionierende Prototypen bedeuten noch nicht, dass sich das Produkt auch massenhaft produzieren lässt. Zudem stellt sich noch die Frage, wie viel Wartung diese mit Technik vollgestopften Bauelemente brauchen. Und nicht zuletzt müssen die Geldgeber für den Straßenbau überhaupt willens sein, dieser Vision zu folgen.

Das Geld dürfte dabei ein entscheidendes Problem sein, wie u.a. Elektroingenieur David Forbes hier aufführt. Nicht nur Solarzellen sind teuer, die geplanten LEDs sind noch erheblich teurer. Hier könnte man aus meiner Sicht allerdings erwarten und erhoffen, dass sich durch die Massenproduktion noch Einsparungen ergeben. Unzweifelhaft recht hat er allerdings mit der Anmerkung, dass diese Straßen nur mit erheblichem zeitlichen und technischen Aufwand zu bauen sind und vor allem Wartungskosten erzeugen dürften – immerhin sind sie mit Elektronik vollgestopft.

Die Macher des Projekts verweisen darauf, dass ihre Solarbausteine eine längere erwartete Lebensdauer haben als eine Asphaltstraße. Zudem würden sich die immensen Anfangsinvestitionen im Verlauf von 22 Jahren durch den erzeugten Strom rechnen. Wer sich mit diesen Zahlen genauer beschäftigen will, dem sei dieser Artikel von Aaron Saenz empfohlen. Er stellt dabei auch noch in Frage, wie viel Strom die Bausteine tatsächlich erzeugen, denn das sei bislang nirgends demonstriert worden. Nicht zuletzt ist offen, wie die High-Tech-Straßen mit dem Fakt umgehen, dass Solarstrom naturgemäß ungleichmäßig erzeugt wird, zur Energieversorgung aber ein zuverlässiger Strom benötigt wird. Hier wäre eine Art Zwischenspeicher notwendig, der im Rahmen von Solar Roadways allerdings nirgends erwähnt wird.

 

Sebastian Anthony von ExtremeTech stellt zudem noch in Frage, wie widerstandsfähig die Bausteine wirklich sind. Dass sie 113 Tonnen aushalten können, sei schön und gut. Aber was ist, wenn bei einem Unfall ein Lkw auf die Platten fällt oder ein Feuer ausbricht? Und wie schnell und mit welchem Aufwand lassen sich diese Straßen eigentlich reparieren? Sein Hauptkritikpunkt am Projekt ist allerdings: Wie wollen die Macher verhindern, dass die Solarstraßen durch Verschmutzungen zunehmend an Wirksamkeit verlieren? Die Macher adressieren dieses Problem nur vage mit dem Hinweis auf selbstreinigende Materialien – die aber nach dem heutigen Stand der Technik rutschiger sind.

Die Liste der kritischen Artikel ließe sich noch fortsetzen. Beispielsweise stellt Chris Clarke meiner Meinung nach noch viele weitere berechtigte Fragen.

Alles in allem: Die Idee ist faszinierend. Ich verstehe, warum sie sich viral in Social Networks verbreitet hat. Ich verstehe, warum sich so viele Menschen davon begeistern lassen. Ich persönlich glaube allerdings, dass Scott und Julie Brusaw hier einfach zu viele Probleme auf einmal lösen wollen und dabei viele neue, bislang ungelöste Probleme erzeugen. Solarenergie könnte im großen Maßstab tatsächlich einige unserer kommenden Energieprobleme lösen. Die Frage ist, ob wir zwingend mit unseren Autos über die Solarpanele fahren müssen...

Um auf einer hoffnungsvollen Note zu enden: Vielleicht entwickeln die beiden visionären und engagierten Macher im Zuge des Projekts ja etwas, was weniger komplex ist, nur einige der Probleme löst und uns dennoch weiterhilft.

Weitere Informationen findet ihr auf der Indiegogo-Projektseite der Solar Roadways sowie der offiziellen Website .

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