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07.03.13

Mobile Systeme: Das merkwürdige Buhlen um die begehrtesten Apps

Blackberry World: Gespickt mit portierten Android-Apps

Schon das Fehlen einer App kann Nutzer vom Wechsel auf ein anderes Betriebssystem abhalten. Die App-Auswahl ist mittlerweile eines der wichtigsten Argumente für ein mobiles OS geworden, macht Entwicklungen zu einem Politikum - und verleitet die Anbieter manchmal zu sonderbaren Handlungen.

Zu meinem Beruf gehört es, neue Smartphones auszuprobieren. Um sie möglichst genau zu testen, ziehe ich für gewöhnlich ein bis zwei Wochen komplett auf das Testgerät um. Nach dem Test des Lumia 620 wäre jetzt eigentlich ein Blackberry Z10 dran. Um damit im Alltag arbeiten zu können, fehlt mir dort allerdings ein nativer WhatsApp-Client. Den brauche ich praktisch täglich: Weil fast jeder meiner Freunde inzwischen dort präsent ist und einige nur noch darüber kommunizieren, würde das Fehlen von WhatsApp mein Privatleben ein gutes Stück weit beeinträchtigen.

Eine native App soll noch im März für Blackberry 10 folgen. Außerdem soll es die Möglichkeit geben, sich die Android-App für WhatsApp für Blackberry 10 zu portieren (was bei mir im ersten Anlauf misslang). Mittelfristig wird es dort eine Lösung geben. Das Beispiel zeigt aber, wie notwendig es für die Hersteller heute ist, die wichtigsten Apps auf jeden Fall mit an Bord zu haben. Das Z10 mag das Lumia 620 zwar bei allen technischen Eigenschaften und auch beim Gesamteindruck des Betriebssystems schlagen, und trotzdem benutze ich heute das technisch schwächere Phone - aufgrund nur einer App.

 

 

Die Anbieter mobiler Systeme wissen um die Wichtigkeit von Apps und sie wissen, dass Entwickler-Ressourcen heute knapp sind. So mutet es heute als Hiobsbotschaft an, wenn das US-Techblog All Things D eine Quelle auftut, die berichten kann, dass die Foto-App Instagram in nächster Zeit nicht für Blackberry 10 kommen werde, vielleicht sogar nie. Dass man das eigene mobiles System ohne Apps wie Facebook praktisch vergessen kann, wusste und weiß auch Microsoft. Ebenso, wie die Facebook-App für BB10 von Blackberry stammt, so hat Microsoft die Facebook-App für Windows Phone selbst erstellt. Die ist in ihrem Funktionsumfang stark limitiert und erhält entsprechend schlechte Rezensionen im Windows Phone Store. Die Apps für Facebook und Twitter in der Blackberry World haben eine durchschnittliche Bewertung von 2 von 5 Sternen. Die Nutzer sind zwar nicht zufrieden - die Plattformanbieter wissen aber genau, dass eine schlechte App noch deutlich besser ist als gar keine App.

Facebook-App selbst programmiert

Gegen das Dilemma können Microsoft und Co. nicht viel mehr unternehmen, als selber Apps zu schmieden, Entwickler zu entlohnen oder kreativ zu werden. Wenn Anbieter wie Instagram und Netflix allerdings nicht mitspielen, können Microsoft, Blackberry und auch andere wie Mozilla und Jolla nicht viel machen. Entwickler sind heute begehrter und teurer denn je. Und sie stehen unter Druck: Um eine App für 90 Prozent der aktiven Geräte herauszubringen, müssten sie 331 verschiedene Geräte unterstützen, fand Webanalyst Flurry heraus. Die nicht endende Fragmentierung von Android und die inflationär gestiegene Zahl an Betriebssystemen für mobile Geräte erhöht diesen Druck nur noch. Würde man nur 50 Prozent des Marktes abdecken wollen, reichen 18 Geräte. Kein Wunder also, dass Entwickler sich da zunächst um die wenigen Apple-Modelle kümmern, dann aufgrund des Marktanteils die Ressourcen in die hohen Anforderungen stecken, die die Android-Fragmentierung erfordert - und für die restlichen Systeme nur noch ein kümmerlicher Rest übrig bleibt.

Enttäuschende Android-Apps für Blackberry 10

Joshua Topolsky, Chef des US-Techblogs TheVerge, stieß kürzlich auf eine Merkwürdigkeit bei Blackberry 10: Entwickler können Apps einfach von Android portieren. Einige Systeme wie auch Jolla werben mit der Möglichkeit, die allerdings im Falle von BB10 mit einem gravierenden Nachteil erkauft ist: Die Apps laufen nicht rund, können nicht auf das Kernsystem zugreifen (und damit etwa keine Kontakte nutzen) und sehen eben auch so aus wie von einem anderen System. Vor einem Download aus der Blackberry World ließen sich diese Apps laut Topolsky nicht von nativen Apps unterscheiden. Die eigentlich wohl klingende Zahl von 70.000 Apps zum Start von Blackberry 10 könnte also schöngefärbt sein.

Und auf die Apps kommt es an. Der Mobile World Congress in diesem Jahr brachte kein Gerät hervor, das die Branche noch überrascht hätte oder sie zu Jubelarien anstimmen ließ. Für ein wenig Aufmerksamkeit sorgte im Vorfeld allenfalls das HTC One - weil es den Megapixelwahn nicht mitging und mit dem Blink Feed und der eigenen Kamera-App HTC Zoe ein besonderes Software-Feature der eigenen Oberfläche vorstellte. Ähnlich macht es Nokia. Für fehlende Apps auf Windows Phone schafft man eben eigene Alternativen wie "Here" (Maps und Navigation) oder aktuell in dieser Woche gleich zwei Instagram-Alternativen. Die wieder veröffentlichte App SophieLens ist nun kostenlos und soll Fotos mit Kunstfiltern aufhübschen. Mit der zweiten App #2InstaWithLove richtet sich Nokia direkt an Instagram. Es solle der beliebten Foto-Community zeigen, wie kreativ Windows-Phone-Nutzer sein können, heißt es in der Beschreibung der App. Man wolle die Stimme erheben, um Instagram auf Windows Phone aufmerksam zu machen.

Wenn es nun schon so weit ist, dass ein milliardenschwerer Geräte-Hersteller sich bei einem App-Anbieter einschmeicheln muss, dann ist die Zeitenwende erreicht: Es wird zunehmend egal, welche Hardware und welches Betriebssystem. Es kommt auf die Apps an. Mehr denn je.

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