23.12.13

Quietschebunt, gebogen und vor allem groß: Das Smartphone-Jahr im Rückblick

HTC One in Gold. Bilder: Hersteller, neuerdings.com

Das Smartphone-Jahr 2013 hielt die Beobachter auf Trab: Der Trend ging weg von der Masse, hin zu klaren Marken. Drei neue Betriebssysteme gingen an den Start, zwei ältere wurden komplett überarbeitet. Android hängte alle anderen ab, der Hingucker des Jahres aber kommt aus Taiwan.

HTC One in Gold. Bilder: Hersteller, neuerdings.com

Smartphones glichen sich einst wie ein Ei dem anderen. In diesem Jahr versuchten die Hersteller alles, um sich von anderen zu unterscheiden. Das vielleicht schönste Gerät des Jahres stammt deswegen von HTC. Das One mit seinem Aluminium-Gehäuse überzeugte die meisten Kritiker. Und auch LG und Sony zeigten, dass sie Samsung nicht alleine das Feld überlassen wollen.

Dazu gab es gebogene Smartphones. Mit Firefox OS, Sailfish OS und Blackberry 10 gingen gleich drei neue Systeme an den Start, während iOS ein Facelifting spendiert bekam, das nicht jedem gefällt. Und über allem thront Google mit seinem Android-System. Aus dem Zweikampf mit Apple ist mittlerweile ein "Einkampf" geworden. Hier unser Rückblick auf das Smartphone-Jahr.

Apple: Ein Kessel Buntes

Apple verpasste seinem altgedienten iOS in diesem Jahr ein neues, buntes Outfit - mit gemischten Reaktionen. Befürworter sehen in iOS 7 einen nennenswerten Schritt nach vorne, Kritiker sagen, sie fühlten sich wie "auf einem LSD-Trip". Bei den Neuverkäufen hat Android das iPhone längst abgehängt. Rund 80 Prozent fallen inzwischen auf Android, das iPhone rutschte unter 15 Prozent. Aber nach wie vor sind iPhones weit verbreitet, die jeweils neueste Version des Systems ist schnell auf der Mehrzahl aller Geräte installiert (neu: iPhone 5s und das bunte iPhone 5c ) und noch immer gibt es viele neue Apps zunächst für iOS.

iPhone 5S mit iOS 7

Apple ist hier langfristig wieder auf dem Weg in die Nische, in der man in den 90er Jahren schon einmal war: Die Masse nutzt das Mainstream-System, die kreative Szene aber bleibt bei Apple. Und sie erhält dort nach wie vor viele Vorzüge, wie eine klar aufeinander abgestimmte Typographie.

Google auf dem Weg zur Weltherrschaft

Google hat es geschafft, den Großteil der Smartphone-Welt für sich zu vereinnahmen: 80 Prozent Marktanteil bei Neuverkäufen, steigende Einnahmen des Play-Store-Universums und endlich das komfortable System, das sich Smartphone-Anwender wünschen, selbst wenn die beiden Android-Updates dieses Jahres (4.3 und 4.4) vor allem kosmetischer Natur waren und vor allem unter der Haube Dinge veränderten. Google hat sein System in Stellung gebracht für ein verheißungsvolles Android 5 und ganz nebenbei mit dem Nexus 4 , dem Nexus 5 und den beiden Mittelklasse- und Einstiegsgranaten der Tochter Motorola (Moto X und Moto G) sehr begehrte, starke und vor allem preiswerte eigene Smartphones vorgestellt. Mein Kollege Jati bezeichnete das Moto X als den "VW-Golf unter den Smartphones".

Motorola Moto G

Ein wenig Schatten muss es bei so viel Licht aber auch geben: Google bringt eine Reihe von Zwangs-Apps mit, die Registrierung bei Google-Diensten lässt sich nur noch schwer umgehen, das eigentlich vorbildliche Rechte-Management wurde in der Version 4.4.2 wieder abgeschafft. Und der Datenhunger des Unternehmens stößt angesichts des NSA-Skandals immer mehr Nutzern sauer auf. Als Alternative machte deswegen in diesem Jahr vor allem die alternative Android-Oberfläche CyanogenMod auf sich aufmerksam, mit der Android-Freunde Google weitestgehend umgehen können. Mittelfristig allerdings ist die Marschrichtung klar: An Google führt erst einmal kein Weg vorbei.

Samsung: Weniger Lob, weniger Smartphones

Für Samsung war es ein ruhiges Jahr. Das neue Spitzenmodell Galaxy S4 löste nicht die gewünschten Begeisterungen aus, die Plastikgehäuse der Koreaner werden angesichts auffälligerer Designs der Konkurrenz nicht mehr klaglos akzeptiert. Und Fürspruch erhält der Marktführer vor allem für sein Größtes: Das Smartlet Galaxy Note 3 mit seinem 5,7-Zoll-Bildschirm und jetzt mit Lederrückseite erhielt beinahe durchweg gute Kritiken. Gemischt dafür die Reaktionen auf die dazu passende Smartwatch Galaxy Gear, die im ersten Schritt nur mit wenigen Samsung-Smartphones kompatibel und ohne ein gekoppeltes Smartphone nutzlos ist.

 

Ansonsten war es ein ruhiges Jahr für Samsung mit auffällig weniger Smartphones als in den Jahren davor. Für Aufsehen sorgte allerdings noch etwas Rundes: Das Galaxy Round hat ebenso wie LGs G Flex ein gebogenes Display. Dies sollen nicht die einzigen Modelle dieser Art bleiben, versprachen beide Hersteller.

HTC, LG und Sony: Sie können's, sie können's

Sony legte seinen Ruf in diesem Jahr endgültig ab, mit seinen Smartphones im Detail immer ein wenig schlechter zu sein als die Konkurrenz: Das Jahr begann mit dem Xperia Z und einem der stärksten Smartphones auf dem Markt, zu dem sich zahlreiche Schwestermodelle gesellten. Mit weniger Geräten aber echten Hinguckern setzte HTC alles auf eine Karte. Nicht ohne Erfolg, denn das HTC One rangiert unter den drei besten und dazu hübschesten Smartphones, die wir in diesem Jahr gesehen haben. Das One Mini ist ein ausgezeichneter kleiner Bruder des neuen Stars.

 

Und auch LG trat aus dem eigenen Schatten heraus: Egal ob die beiden Nexus-Phones Nexus 4 und Nexus 5: Die Geräte machen endlich wieder Spaß, genau wie das LG G2, eins der derzeiten kraftvollsten Smartphones. Zweifelhaft sind dafür LGs Versuche, die Einstiegsklasse aufzumischen: Die L-Serie ist auffällig schlechter ausgestattet, die F-Serie wurde kaum beachtet.

Nokia: Verbessert und verkauft

Comeback dank toller Kamera-Phones: Nokia überzeugte in diesem Jahr eigentlich durchgehend mit starken Einstiegstelefonen (Lumia 520 und 620) und in der Oberklasse mit einem besonderen Fokus auf die Kamera. Egal ob optische Bildstabilisierung und Aufnahmen bei schwachem Licht (Lumia 925) und schließlich der PureView-Technik für einen detaillierten Digitalzoom (Lumia 1020): Die Geräte wussten durchweg zu überzeugen.

Lumia 1020

Die Marktanteile haben in manchen Ländern die 10-Prozent-Marke durchstoßen, auch Windows Phone hat langsam dank Nokias zahlreicher Extra-Services eine wachsende Fangemeinde aufgebaut. Und noch einen Trend setzte Nokia: Bunte Gehäuse wurden von zahlreichen Konkurrenten wie Sony und auch Apple imitiert. Unverständlich dafür: Der Verkauf des Kerngeschäfts für läppische 5,4 Milliarden Euro an Microsoft. Der Verkaufspreis dürfte wohl als eins der Schnäppchen des Jahrtausends in die Geschichte eingehen.

Die Chinesen machen auf sich aufmerksam

Die Invasion der Chinesen auf dem europäischen Markt wird bereits seit Längerem erwartet. Bislang ist es allerdings kaum mehr als eine Aufklärungsmission. Dennoch: Während ZTE in diesem Jahr kaum von sich reden machte, Xiaomi in den Startlöchern steckt und Oppo zumindest ein Gerät für den hiesigen Markt herausgebracht hat, ist Huawei inzwischen angekommen.

 

Mag das Ascend P6 auch noch keine echte Konkurrenz für die Spitzenklasse gewesen sein: Das aufwändig verarbeitete Modell der Chinesen kann gut mithalten und ist günstig zu erwerben. Auch in der Einstiegsklasse sorgte man mit Geräten wie dem Ascend Y300 für mehr Qualität. Von den Chinesen werden wir in Zukunft also wohl noch mehr hören.

Blackberry: Es kam schlimmer als befürchtet

Der Start des neuen Betriebssystems Blackberry 10 und die Umbenennung des Unternehmens von RIM in Blackberry brachte für die Kanadier nicht den gewünschten Erfolg. Vier neue Smartphones gab es zu bestaunen (Z10, Q10, Q5, Z30), die nicht jedermanns Geschmack trafen. Das neue System erhielt zu wenig Apps, die Geräte lagen trotz wohlmeinender Kritiken schwer in den Regalen.

 

Das hatte Konsequenzen: Der Chef Thorsten Heins trat zurück, einige der wichtigsten App-Hersteller stellten ihr Engagement für das neue System ein und das Unternehmen wurde zum Übernahmekandidaten. Blackberry kämpft derzeit um jeden Kunden. Das kommende Jahr könnte mit etwas Pech das letzte in der Unternehmensgeschichte sein.

Der glorreiche Rest: Firefox OS, Jolla, Tizen, Ubuntu

Neben Blackberry 10 schafften es in diesem Jahr noch zwei weitere neue Betriebssysteme auf die Bildfläche: Mozillas Firefox OS und Jollas Sailfish OS. Mozilla darf sich zwar der Unterstützung der Carrier gewiss sein. Bislang ist das mit Web-Apps arbeitende Firefox OS aber nicht annähernd auf Augenhöhe mit den drei großen Systemen und noch dazu fand man es in diesem Jahr nur auf einigen wenigen Telefonen mit schwacher Hardware.

 

Jollas Sailfish OS, eine Ausgründung von Nokias eingestellten MeeGo-Projekt, will mit einer intuitiven Bedienung und der Unterstützung von Android-Apps punkten. Immerhin das erste Smartphone hat es Ende des Jahres auf den finnischen Markt geschafft. Ubuntu gab sein Linux-System für Telefone immerhin schon einmal an Entwickler heraus. Der Versuch allerdings scheiterte kläglich, via Crowdfunding mehr als 30 Millionen US-Dollar zu sammeln, um mit der besten Hardware, die die Welt je gesehen hat, das erste Ubuntu-Smartphone "Edge" zu bauen.

 

Samsungs eigenes System Tizen wird dafür immer mehr zum Running Gag. Im Laufe des Jahres stellten die Koreaner gar noch die Versionen 2.0 und 3.0 des Systems vor, aber auf einem tauglichen Smartphone ist es immer noch nicht erschienen. Gut möglich, dass es das auch niemals wird und Samsung es vielleicht für andere Geräte wie Kameras einsetzt. Mittlerweile mehren sich die Stimmen, die sich fragen, wozu es denn überhaupt noch ein weiteres mobiles OS braucht.

Fazit und Ausblick: In der Nische wird gekämpft

Android bleibt das Maß aller Dinge und der Vorsprung dürfte sich im kommenden Jahr noch ausweiten. Google kann sich hier nur selbst gefährlich werden, wenn man beliebte Funktionen zu Gunsten der eigenen Kontrolle streicht, zu viele Daten der Nutzer absaugt oder seinen Fortschrittsgeist für Android eines Tages an den Nagel hängt. Apple wandert zurück in die Nische, am unteren Ende führt wohl nichts mehr an Windows Phone als der neuen Nummer 3 vorbei. Und während Blackberry ums Überleben kämpfen wird, werden sich Mozilla, Jolla und Ubuntu sehr schwer tun, sich auch nur ein kleines Stück vom restlichen Kuchen abzuschneiden.

 

Der Einsatz der neuen Qualcomm-Prozessoren, vor allem des Snapdragon 800, und die Verwendung von immer leichteren Materialien, HD-Displays, Kameras mit Niedriglichtmodus und optischen Bildstabilisatoren zeigt, dass die Geräte mittlerweile nahezu zu Ende entwickelt sind. An den Systemen gibt es allerdings noch einiges zu schrauben, und die letzte Herausforderung bleibt der Smartphone-Akku. Vor allem die kleinen Hersteller Sony, LG, HTC und Huawei haben erkannt, dass Innovation die einzige Möglichkeit ist, sich über Wasser zu halten. Wie der Fall Blackberry zeigt, reicht aber selbst das in manchen Fällen nicht aus. Der Markt ist zunehmend gesättigt - in Zukunft müssen alle Hersteller deswegen beweisen, dass sie dazu in der Lage sind, sich noch klarer zu platzieren und von anderen zu unterscheiden. 2014 dürfte noch einmal ein Jahr der Vielfalt werden. Nach und nach aber dürften sich einige der Konkurrenten bald verabschieden.

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