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21.02.14

"Pro-Tablets": Eine Idee, die nur auf dem Papier funktioniert

Mit dem Galaxy Tab Pro will Samsung einen neuen Markt erobern. Aber gibt es den überhaupt?

Tablets sind ohne Zweifel Kassenschlager, zumindest solange sie iOS oder Android als Betriebssystem haben. Aber will man sie als Laptop-Ersatz benutzen, stößt man schnell an ihre Grenzen. Manche sehen "Pro-Tablets" als logische Weiterentwicklung. Aber wer würde sie wirklich brauchen?

 

Kürzlich war mein Laptop einige Tage zur Reparatur. Also musste mein iPad mini herhalten plus externer Tastatur. Während sich auf Apples Wireless Keyboard ordentlich tippen lässt, stieß ich schnell an die Grenzen von iOS, sobald ich es als Ersatz für ein Desktop-Betriebssystem nutzen wollte. Alltägliche Handgriffe wurden umständlich oder gar unmöglich.

Das ist auch logisch: Das iPad hat den Tablet-Boom ausgelöst, eben gerade weil es so konzipiert ist, wie es konzipiert ist. In den Jahren zuvor hatte vor allem Microsoft gezeigt, wie es nicht funktioniert. Es sah (und sieht noch immer) das Tablet als einen PC in anderem Formfaktor. Das Ergebnis waren schwere, unhandliche Tablets mit teils lachhaften Akkulaufzeiten, die dazu noch teurer als ein vergleichbares Laptop waren. Hinzu kam, dass Windows damals noch weniger als heute für Tablets geeignet war, von den Windows-Applikationen ganz zu schweigen. Am Ende war die Bedienung dadurch komplizierter anstatt einfacher.

Apple setzte beim iPad auf einen radikalen Schnitt

Apple hingegen wagte beim iPad den radikalen Schnitt: Es laufen bekanntlich keine OS-X-Apps auf dem Tablet, was mancher Experte vorher durchaus für möglich und logisch gehalten hatte. Zugleich ist das iOS des iPad nicht einfach eine aufgeblasene Variante des iOS von iPhone und iPod touch. Zwar laufen deren Apps auch auf dem iPad, aber das Ziel war klar: Tablets sind aus Apples Sicht eine eigene Gerätekategorie und bekommen eigene Apps. Der Erfolg dieser riskanten Strategie war und ist beeindruckend. Android schaffte es am schnellsten, dieses Erfolgsrezept zu adaptieren und gab dem Tabletboom noch mehr Schwung.

Was solche echten Tablets mit iOS oder Android dabei angenehm vom klassischen PC oder Mac unterscheidet, ist die Tatsache, dass man jeweils eine Sache zur Zeit macht. Es gibt in der Regel keine Fenster, stattdessen ist Fullscreen angesagt. Liest man ein Buch, liest man tatsächlich nur das Buch und das Tablet wird zum Lesegerät. Ein paar Sekunden später kann es sich zum Videoplayer wandeln. Zum mobilen Spielgerät. Zum Mail-Client. Zum Browser. Auch wenn viele anfangs skeptisch waren: Es ist ein anderes Nutzungserlebnis, all diese Dinge bequem in Händen halten zu können und mit den Fingern zu bedienen. Und die Konzentration auf einen einzelnen Task dürfte zugleich ein Erfolgsfaktor fürs iPad gewesen sein. Denn deshalb nimmt man es auch dann gern zur Hand, wenn man schon den ganzen Tag am Computer gesessen hat: Man nimmt es nicht als Computer wahr.

Tablets sind keine "Flach-PCs"

 

Der logische Nachteil: Möchte man ein iPad dann doch als Computer nutzen, scheitert man sehr schnell. Apps wie die für WordPress beispielsweise haben nur einen vergleichsweise rudimentären Funktionsumfang. Oder Handgriffe wie Bilder aus dem Pressebereich einer Firmenwebsite herunterzuladen, zu bearbeiten und zu einem Artikel hochzuladen, wird plötzlich zu einem Problem. Überhaupt zwischen verschiedenen Programmen zu wechseln: Es ist möglich und mit iOS 7 auch optisch eleganter geworden, aber trotzdem nicht mit dem Komfort eines Desktop-Betriebssystems zu vergleichen: Viel zu schnell greifen Performance-Grenzen und Stromsparfunktionen ein. Android kann in der Hinsicht manches besser als iOS, aber nach meinen eigenen Erfahrungen damit glaube ich nicht, dass es einen entscheidenden Unterschied gemacht hätte. Die Grenzen sind hier weiter gesteckt, aber dennoch vorhanden. Ich glaube dennoch, dass Android für Tablets besser geeignet ist als iOS. Nur denke ich nicht, dass es als PC-Betriebssystem besser geeignet ist als OS X oder Windows. Auch wenn mir Kollege Jürgen hier wohl widersprechen würde.

Jetzt könnte man natürlich die Mobilbetriebssysteme wie iOS und Android so lange um Funktionen ergänzen, bis sie auf einer Höhe mit ihren altehrwürdigen Verwandten sind. Von "Pro-Tablets" ist seit einiger Zeit die Rede. Samsung hatte auf der CES beispielsweise zwei Modelle vorgestellt. Allerdings frage ich mich: Was wäre damit gewonnen? Damit würde man am Ende das Rad ein zweites Mal erfinden. Schließlich haben wir solche Pro-Tablets schon: Wir nennen sie Laptops.

Ein Spagat, für so schwierig wie unnötig ist

Microsoft versucht bekanntlich diesen Spagat und baut Windows so um, dass es sich sowohl mit Maus als auch mit Touch bedienen lassen soll. Ich persönlich halte nichts davon und wie es scheint, rudert Microsoft hier auch langsam wieder zurück. Die Idee, einen Oberflächen-Stil vom Smartphone bis zur Desktop-Workstation zu haben ist zwar hübsch und lässt sich gut vermarkten, ist aber nicht zwingend die beste Lösung für die Praxis.

Und die Frage bleibt: Welchen praktischen Vorteil habe ich, wenn ich mir statt eines Windows-Laptops ein Windows-Tablet anschaffe? Wenn ich produktiv arbeiten und trotzdem mit leichtem Gepäck unterwegs sein möchte, schaffe ich mir etwas aus der Ultrabook-Kategorie an. Darauf laufen dann ungezählte Programme, die schon bestens für diese Geräte optimiert sind.

Die Kollegen von The Verge haben sich unterdessen das Samsung Galaxy Note Pro angesehen und kommen zu einem vernichtenden Urteil: Es ist in vielerlei Hinsicht unpraktischer als andere Tablets und kann weniger als Laptops. Ihre Empfehlung: Wenn man ein Tablet haben möchte, sollte man sich ein anderes Tablet kaufen. Wenn man ein Laptop haben möchte, ein Laptop. Auch Microsofts "Surface"-Tablets zielen wie Samsungs "Pro"-Geräte in diesen Bereich zwischen Tablets und Laptops, den es aus meiner Sicht schlichtweg nicht gibt. Bei The Verge formuliert man es etwas vorsichtiger: Es gibt diesen Bereich zumindest heute noch nicht. Und so lange sich das nicht ändert, machen Geräte wie das Galaxy Note Pro oder das Surface nur für wenige Nutzer Sinn – wenn überhaupt.

Die Grenzen der Machbarkeit bei der Touchbedienung

Natürlich werden auch Tablets mit iOS und Android im Laufe der nächsten Monate und Jahre leistungsfähiger, allein schon weil die mobile Hardware rasant leistungsfähiger wird. Aber das gilt ebenso für Laptops. Wenn Tablets ihre Vorteile bei Gewicht und Akkulaufzeit behalten wollen, wird ein Performance-Unterschied bleiben. Wollen sie das nicht, stellt sich sofort wieder die Sinnfrage. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, sehe ich Grenzen des Machbaren bei Touchoberflächen auf so kompakten Geräten. Apples eigene Apps wie iMovie zeigen zwar, was alles möglich ist, führen aber zugleich vor, dass von einer intuitiven Bedienung ab einer gewissen Komplexität auch hier nicht mehr die Rede sein kann. Für professionelle Nutzer zählt sowieso nur, wie sie möglichst schnell und effektiv ihr Ziel erreichen. Und dazu gibt es mit Maus Tastatur bereits ein funktionierendes System, das seine ganz speziellen Stärken hat.

Insofern halte ich nichts davon, Tablets zwanghaft zu "Pro"-Geräten machen zu wollen. Sie sind deshalb so schöne Geräte, weil sie absichtlich anders sind und manches schlechter können, dafür anderes eben besser. Den oft zitierten Vergleich, dass Tablets Autos sind und PCs Laster, finde ich noch immer stichhaltig: Sie haben unterschiedliche Aufgaben. Ein Reisebus kann sehr viel mehr Menschen transportieren als ein Auto und dennoch würde niemand behaupten wollen, das eine würde das andere ersetzen. Es würde auch niemand behaupten, dass Autos umso besser würden, je mehr Passagiere hineinpassen.

Vielleicht werden wir dieses oder nächstes Jahr dennoch eine Kategorie oberhalb der heutigen Tablets sehen. Die werden dann aber wie erwähnt in Konkurrenz zu sehr leistungsfähigen und inzwischen sehr leichten Laptops stehen, die ebenfalls enorm lange Akkulaufzeiten haben können. Ich bin gespannt, ob ein Unternehmen einen Formfaktor findet oder Funktionen, die aus dieser Produktkategorie plötzlich doch noch einen Bestseller machen. Momentan ist das zumindest aus meiner Sicht nicht der Fall.

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