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21.02.13

Windows 8 im Praxistest: Revolution ohne die letzte Konsequenz

Mit Windows 8, der Kachel-Oberfläche und dem völlig neuen Bedienkonzept hat Microsoft nichts weniger als die Revolution gewagt. Ging das zu weit? In unserem Test auf einem Lenovo Ultrabook zeigt sich: Eigentlich nicht. Das Problem ist vielmehr das Gegenteil: Microsofts Revolution geht nicht weit genug.

Kaum etwas polarisiert in der IT-Welt derzeit so sehr, wie Windows 8. Microsoft ist weit gegangen und wollte Dinge radikal verändern, an die wir uns jahrelang gewöhnt hatten. Und in Redmond hat man im Zuge dessen tatsächlich vieles gemacht, was nicht jedem schmeckt. Bei uns im Praxistest mit dem Lenovo IdeaPad 13 musste ich allerdings selbst ein wenig staunen: Das Problem ist nicht die neue Kacheloberfläche (wie immer sie aktuell heißt, sie wurde einmal Metro UI und dann Modern UI genannt). Das Problem ist ein unsäglicher Kompromiss aus der Kachel- und dem Relikt der klassichen Oberfläche.

Unser Testgerät, das Lenovo IdeaPad 13 mit Windows 8, ist ein Ultrabook mit Touchscreen. (Wen ein genauer Testbericht des IdeaPad interessiert: den reichen wir in Kürze nach.) Der Bildschirm lässt sich beliebig um bis zu 360 Grad auf die Rückseite drehen, das Gerät sich auch als Tablet benutzen. Denn Windows 8 ist ein Betriebssystem für alle: Laptops, Tablets und Mischungen aus solchen. Mit einem Tablet will ich Spaß haben, mit einem Ultrabook will ich arbeiten können. Ich wollte also wissen, ob ich damit beides kann. Und ob es mich mehr Zeit kostet, mit Windows 8 zu arbeiten.

 

 

Gesten erstaunlich leicht erlernbar

Ein Ultrabook mit Touchscreen macht Sinn, gerade eines mit Windows 8, wo neuartige Gesten Teil des Konzepts sind. Mit einem Wisch von links nach rechts etwa kann ich zwischen geöffneten Apps hin und herschalten. Ich kann Windows 8 aber auch so einstellen, dass sich bei gleicher Geste links eine Leiste der aktiven Apps öffnet - der Nachfahre der Taskleiste. Ein Wisch von rechts öffnet die Einstellungen, ein durchgehender Zug von oben nach unten schließt eine App.

An diese Gesten und das neue Arbeiten muss man sich gewöhnen. Und das ist eine der größten Herausforderungen für neue Nutzer, die für viele vielleicht schon etwas zu weit geht. Der Sinn dieser Gesten erschließt sich dem Anwender erst nach einigen Tagen Arbeit damit. Gerade, wenn man weiterhin eine Maus zum Arbeiten verwenden möchte (für mich nach wie vor eine Zeitersparnis), muss man einige der Gesten erst erlernen. Es lässt sich nach wie vor alles mit einer Maus erledigen. Die Appleiste etwa öffnet man, indem man die Maus an den äußersten Bildschirmrand link wandern lässt (egal ob oben oder unten) und den Mauszeiger danach sofort links in die Mitte bewegt. Offene Browser-Tabs im Internet Explorer 10 öffnet man mit einem Rechtsklick der Maus. Alles möglich.

Java funktioniert im IE nur auf dem Desktop

Ich wollte den Schritt machen und den alten Desktop ganz hinter mich lassen; nur noch mit den Kacheln arbeiten. Aber man ließ mich nicht. Ich wollte, vielmehr musste, für die Elster-Website im Internet Explorer ein Java-Plugin installieren. Der IE 10, den ich in der Kacheloberfläche startete, verweigerte allerdings die Installation des Plugins und die Arbeit damit. Der Download immerhin war möglich und leitete mich zum klassischen Desktop um. Nun die Überraschung: Hier funktioniert der IE 10 mit Java - in der Kacheloberfläche nicht. Ich konnte und musste also mit dem Browser im klassischen Desktop weiter arbeiten. Zwei Welten auf einem System.

Lag es am IE 10 und sollte ich vielleicht einfach einen anderen Browser installieren, wie Microsoft über die eigene Kachel-App "Browserwahl" empfiehlt? Auch hier wieder ein Jein: Chrome, Firefox und Co. stehen nicht als App für die Kachel-Oberfläche zur Verfügung, man kann sie aber im klassischen Desktop installieren. Gut, also dann doch weg von der Kacheloberfläche und zurück zum klassischen Desktop? Geht nicht, wenn man einige Apps der Metro-Oberfläche braucht. Denn die lassen sich im Desktop-Modus nicht ausführen. Man muss eine App wie Evernote, die es für die Kacheloberfläche gibt, noch in einer anderen Version ein zweites Mal installieren, um sie auf der Desktop-Oberfläche zu nutzen.

Von Welt zu Welt

Müßig zu erwähnen, dass man im klassischen Desktop bereits installierte Anwendungen nicht mal eben so auf den Desktop oder die Taskleiste ziehen kann. Das Startmenü hat Microsoft ja abgeschafft. Man muss hier wieder den Umweg über die Kacheloberfläche und hier das schwer überschaubare, weil sehr kleinteilige App-Verzeichnis gehen. Mit einem Rechtsklick kann man hier für den klassischen Desktop verfügbare Apps an den Desktop und die Taskleiste schicken. Ja, man kann die Kachel-Apps mit einem Trick in ein eigenes Verzeichnis auf den klassischen Desktop packen (öffnen lassen sie sich trotzdem nur als Kachel, nicht als Fenster), und ja, man kann auch das Startmenü mit diversen Tools nachrüsten. Ganz ohne ein Hin- und Herwechseln zwischen beiden Oberflächen wird es aber nicht gehen. Und das ist der Knackpunkt.

Ich mochte Windows 7 und den klassischen Desktop, der nun auch in Windows 8 enthalten ist. Ich mag auch die Kachel-Oberfläche und kann nach einiger Zeit relativ gut damit arbeiten. Ich hätte auch kein Problem damit, wenn ich mich für eine der beiden Welten entscheiden und dort bleiben könnte. Was ich nicht mag, ist das notwendige Hin- und Herspringen zwischen diesen beiden Oberflächen. Es kostet Zeit, es nervt, es wirkt einfach so, als hätte man das Bedienkonzept nicht zu Ende gedacht. Es ist ein fadenscheiniger Kompromiss, der auf den Rücken der Nutzer ausgetragen wird und das schlechtere aus beiden Welten vereint. Es ist kein "Entweder...oder", es ist ein "Ja, Amen". Wer Windows 8 benutzen will, muss längere Laufwege und Kompromisse eingehen. Das ist kein Ausschlusskriterium, aber es ist ein gravierender Nachteil.

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