16.10.08

Nokia E71 im Langzeit-Test (2/3): Der Verbindungskünstler

Nokias E71 ist mehr als ein Mobiltelefon. (Bild neuerdings.com)

Das Nokias E71 ist ein Verbindungskünstler: Telefonie, Internet-Telefonie, UMTS-Modem-Betrieb, UKW, WLan, Bluetooth, Infrarot: Was bringen all die Kanäle?

Mobiltelefone sind noch immer vor allem eines: Geräte zur Gesprächsverbindung mit andern Menschen von unterwegs. Business-Handies wie die E-Serie von Nokia bieten darüber hinaus aber eben nicht nur Tastatur, E-Mail- und andere Office-Zusätze, sondern auch neue Gesprächskanäle wie Internet-Telefonie. Wie sich das Mehrkanal-Multitalent E71 bewährt, testen wir seit zwei Monaten.

Tastatur, E-Mail, Kalender, Routenplaner mit GPS, Musik- und Filmplayer, Radio, Kamera, Audio-Recorder, Office-Anwendungen - die nobelsten Business-Smartphones haben längst die Eigenschaften der legendären eierlegenden Wollmilchsau. Dabei brauchen die meisten Menschen ihr Handy in erster Linie noch immer für das eine:

Die Gesprächsverbindung mit andern Menschen.

Das E71 glänzt dabei mit einer Vielzahl von Optionen. Ich greife hier vor, weil ich diese Eigenheit des E71 als zentrale Funktionalität einstufe: Wer Voip, also Internet-Telefonie, mit dem SIP-Standard nutzen will, ist mit diesem Gerät bestens bedient. Und da ich die Voip-Funktionalität für die Zukunft der Business-Telefonie halte (jeder ist immer und überall unter der gleichen Nummer erreichbar, aber zugleich mit der billigsten Verbindungstechnik), ist das E71 für mich eines der Endgeräte der Zukunft.

Das Nokia E71 bietet von Haus aus die Einrichtung mehrerer solcher Internet-Telefonie-Konti nach dem SIP-Standard, die via WLan verbunden werden können. Ich werde in einem separaten Posting später meine Erfahrungen mit dieser Technologie behandeln - sie sind fast durchwegs gut: Im Wesentlichen handelt es sich um einen "mitnehmbaren" Telefon-Anschluss nach Festnetz-Konditionen im Internet, unter welchem ich überall auf der Welt, wo ich mein E71 in ein Funknetz (Wlan) einbuchen kann, erreichbar bin und umgekehrt extrem kostengünstig und immer von meinem "Festnetzanschluss" aus telefoniere.

Abgesehen von der Einrichtung der SIP-Konten, die je nach Anbieter des Telefonabos besser oder schlechter funktioniert und nicht ganz unkompliziert ist, hat sich das System bewährt. Wo immer ich mich in ein WiFi-Netz eingebucht und die Telefonverbindung aktiviert habe, merkt sich das Telefon alle Einstellungen; beim nächsten Aufenthalt am gleichen Ort schaltet es vollautomatisch alle nötigen Dienste ein. Komme ich also abends nach Hause, denn schaltet sich mein Handy selbständig auch gleich als "Festnetztelefon" auf meinem Funknetzwerk ein.

Schauen wir uns aber zunächst die Hardware an: Das Nokia E71 ist ein Mobiltelefon mit UMTS-Anbindung und einer zweiten Kamera auf der Frontseite für Videotelefonie, die ich mangels Gesprächspartner mit Videofähigem Telefon allerdings bisher nicht ausprobieren konnte. Es verfügt über einen Freisprech-Lautsprecher , der auch im Auto (grade noch) laut genug ist, dass man sich ein Bluetooth- oder Kabel-Headset zumindest für gelegentliche kurze Telefonate sparen kann.

Ich bevorzuge allerdings auch im normalen Betrieb diese Hilfsmittel, allein schon deshalb, weil ich den Mikrowellensender des Mobiltelefons nicht meine grauen Zellen kochen lassen will - Forschungsresultate über die Unbedenklichkeit der Handy-Strahlung hin oder her.

Bei der Kabel-Kopfhörer-Variante würde das E71 mit seinen hervorragenden Kopfhörern mit einem etwas klobigen Mikrofon am Kabel brillieren, wären da nicht zwei Wehrmutstropfen. Die Kopfhörer hängen leider an einem sehr weichen (verwicklungsanfälligen) Kabel, das von Stecker zu Stöpsel gute zwei Meter lang ist. Das kommt dem E71-Besitzer beim Radiohören mit dem integrierten UKW-Empfänger zugute, der dank dieser Antenne ein ausgesprochen feines "Gehör" hat und hervorragenden Empfang selbst an Orten bietet, wo alte Radiogeräte mit Teleskopantenne nur noch ein Knistern von sich geben.

Aber im Alltag ist das Kopfhörerkabel ein beständiges Ärgernis. Wer es nur aus der Tasche zieht, wenn ein Gespräch eingeht, wird dieses in den seltensten Fällen rechtzeitig entgegenehmen: Das ellenlange Kabel verheddert sich unweigerlich zu einem Schnurball mit gordischem Knoten. Eine Aufroll-Box, wie sie Sony mit ihren Hifi-Stöpseln vielfach mitlieferte, ist auch als Zubehör nicht erhältlich, und eines dieser von Zubehörhändler Seidio bekannten Selbstaufroll-Kabel ist von Nokia auch nicht verfügbar - und Seidio-Originale haben eine erbärmliche Klangqualität, wie ich beim Vergleich feststellen musste (kaum zu glauben, dass ich mit dem Ding und meinem Palm Treo lange Musik gehört und nichts bemerkt hatte).

Der zweite buchstäblich kleine Nachteil ist der Anschluss des Kabelheadsets in Form des winzigen 2.5mm-Klinkensteckers . Angesichts einer grossen Auswahl an Zubehörkabeln mit diesen mittlerweile weit verbreiteten kleineren Anschlüssen als den üblichen 3.5mm ist das allerdings verschmerzbar.

Bleibt - zumindest für Gespräche - das Bluetooth -Kopfhörerset als Alternative. Hier habe ich mit einem Plantronics-Billigheadset sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Paarung war eine Sache von einer Minute (wenn man mal rausgefunden hat, dass man mit dem Mehrweg-Auswahlschalter des E71 im Bluetooth-Menu nach rechts klicken muss, um in die Geräte-Paarungseinstellungen zu kommen - mehr zur Software im dritten Teil des Tests). Danach verrichtete der Blauzahn seine Dienste weitgehend tadellos, jedenfalls bei normalen Handygesprächen.

Besonders in Telefonkonferenzen via Internet-Telefonie übers WLan allerdings wurde ich von meinen Blogwerk-Kollegen bald gebeten, ein Kabelheadset zu benutzen: Ganz offensichtlich ist nämlich etwas dran an der von mir jahrelang als strategische Schutzbehauptung von Palm interpertierten Aussage, Bluetooth und WLan im gleichen Gerät verträgen sich nicht.

Sie tun es zwar, aber im gleichzeitigen Betrieb tatsächlich mit Abstrichen. Beide funken im gleichen Band; bei stabiler WLan-Verbindung knackst es durchs Bluetooth hin und wieder, bei einer weniger guten WLan-Anbindung schiesst der Blauzahn die Internet-Verbindung des Handys auch schon mal ganz ab - mitten im Gespräch.

Ausserdem lässt sich bei den Internet-Telefonaten der Knopf des Bluetooth-Headsets weder zum Annehmen noch zum Beenden eines Anrufs nutzen, was besonders unangenehm ist, wenn man nur einen Klingelton verwendet und deshalb gar nicht realisiert, auf welcher der in meinem Fall drei Nummern auf meinem Handy ein Anruf eingeht.

Damit wären wir aber bei der Software des E71 für die Telefonie, und hier wirds schnell erfreulich. Ich unterscheide beispielsweise Mobilfunk von Voip-Anrufen durch die Namensansage, die das E71 mittels synthetischer Sprachgenerierung beherrscht: Passt eine Anrufernummer zu einem Telefonbucheintrag, dann verkündet mein E71 den Namen des Anrufers zwischen den Klingeltönen mit blecherner Stimme. Auch das funktioniert bei Voip nicht. Dort wird sehr häufig noch nicht mal die Telefonnummer einem Adresseintrag zugeordnet, weil sie nicht als blosse Nummer, sondern im Format Nummer@Telefonservice.com angezeigt wird.

Der gleiche Blechstimmenmann kommt zum Einsatz, wenn man sich einen Namen oder eine Message vorlesen lassen will - oder die Sprachtags, mit denen per Sprachwahl Anrufe getätigt werden können: Sie basieren bei Nokia nicht auf einer Stimmaufnahme des Benutzers, sondern auf den geschriebenen Namen der Adressaten, die in Sprache übersetzt werden. Das bedeutet, dass sich das Telefon der Sprechweise des Benutzers nicht wirklich anpasst, und so ist nach einem Druck auf den Sprachwahlknopf schon recht viel Glück nötig, damit sich das E71 mit dem richtigen Kontakt meldet, der nach fünf sekündiger Bedenkzeit des Benutzers unweigerlich gewählt wird.

Angesichts der konsequent und fast durch alle Anwendung hindurch integrierten Wählmöglichkeiten des E71 wird man indes nur selten auf die Sprachwahl zurückgreifen. Die S60-Software bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, eine Telefonnummer zu wählen.

Zunächst gefällt bereits, dass man auf der Startseite des Smartphones einfach lostippen kann: Sobald Buchstaben statt nur Ziffern eingegeben wurden, durchsucht das Telefon blitzschnell die Adressdatenbank nach übereinstimmungen und listet sie auf. "Pet" reicht, um alles, wo "Pet" in Vor- oder Nachname vorkommt, in einer Liste über der Anzeige zu präsentieren. Mit dem Navigatorjoystick lässt sich dann eine der Adressen auswählen und ein Untermenü öffnen, welches in einer Liste alle Verbindungsmöglichkeiten präsentiert: Telefonanruf, Internet-Anruf, Kurzmitteilung, E-Mail, SMS, etc.

Nach einigen Wochen mit einem Motorola oder auch mit einem iPhone der ersten Generation, das grade mal einen einzigen Buchstaben annahm, um dann in der Namensliste zu den entsprechenden Nachnamen zu springen, wo man weiter von Hand suchen musste, ist es beruhigend zu erfahren, dass noch irgendwo eine Firma weiterdenkt.

Auch SMS lassen sich ohne viel Nachdenken an "Kathy" adressieren: Findet das Nokia beim Druck auf den Senden-Knopf mehr als eine Dame dieses Vornamens im Adressbuch oder einen passenden Nachnamen, dann wird mit einer Liste gefragt; gibt es aber nur eine, dann geht die SMS an die entsprechende Handynummer.

Das ist noch nicht alles. Der neuere, schneller Prozessor des E71 lässt gegenüber dem E61i die Erkennung von Telefonnummern auch in Emails oder Textdokumenten, ja sogar Webseiten zu. Sie werden vom Telefon als Link dargestellt, wenn die entsprechende Option eingeschaltet ist, und das im Web gerade gefundene Restaurant auf der Ferienreise lässt sich so mit einem einzigen Klick anrufen.

Die Sprachqualität des Nokia E71 ist dabei gut, wobei die Lautstärke manchmal etwas zu gering ist. Bei Internet-Telefonaten hängt vieles von der Bandbreite des Wifi-Hotspots ab, und wenn ich in der Küche am Telefonieren bin und zugleich die Mikrowelle anwerfe, kann schon mal ein Gespräch abbrechen.

An den weiteren Verbindungsmöglichkeiten schätze ich das unkomplizierte Bluetooth, das ebenfalls aus den Anwendungen heraus - beispielsweise zum Versand einer Visitenkarte an einen neuen Bekannten - gestartet werden kann. Es funktioniert ausserordentlich zuverlässig. Die Verbindung mit meinem vier Jahre alte Sony-Notebook, an dessen Bluetooth schon so manches Gerät gescheitert ist, funktioniert auf Anhieb - Dateiaustausch, Synchronisierung, aber auch die Anbindung des Nokia E71 als Modem ("Tethering") für den Internet-Zugriff via UMTS/HSDPA/EDGE ist kein Problem.

Überhaupt: das Tethering ist ein weiterer Höhepunkt in der Leistungspalette des Nokia E71. Zwar brauchen alle meine Rechner jeweils fünf bis zehn Sekunden, um das Telefon zu erkennen, wenn es via USB angeschlossen wird. Dann steht aber sofort die umgfangreiche Nokia PC Suite zur Verfügung, die Zugriff auf alle wichtigen Funktionen, eine Synchronisation, den Versand von SMS via PC, Backup, oder eben das Tethering bietet.

Obwohl in Einzelteilen etwas zähflüssig und bisweilen nicht ganz ausgereift, überzeugt die Software dort, woie sie muss. mit ein paar Klicks ist die Anbuindung des Rechners via Handy ans Internet per UMTS eingerichtet: Die Konfigurationsdatei enthält offenbar alle Telekommunikationsanbieter der Welt, und wer sein Land und seinen Anbieter ausgewählt hat, ist drei Sekunden nach einem Mausklick mit dem Notebook im Internet.

Die Verbindungsqualität ist ok, wenn im Zug auf der Überlandstrecke mal wieder plötzlich keine Daten mehr reinkommen, ist aber vor allem viel schneller als bei den meisten UMTS-Datenmodems die Verbindung unterbrochen und sogleich wieder hergestellt.

Schon an der Länge dieses Postings wird klar, dass das E71 viel mehr bietet als Telefonie und E-Mail - es würde zu weit führen, wirklich alles zu testen, als da zum Beispiel auch noch MMS-Möglichkeiten und vor allem die Anbindung an Intranetze via Verschlüsselungstunnel (VPN) zur Verfügung stünden.

Wir wenden uns aber im dritten Teil der Software und den Zusatzfunktionen des E71 zu, wie GPS und Routenplanung, Office, Multimedia. An Optionen mangelt es dem Nokia E71 wahrlich nicht.

[postlist "Nokia E71"]

Schlagworte zu diesem Artikel

Jetzt gratis anmelden und wir unterstützen Sie mit Informationen und aktuellen Lernangeboten!