11.05.11

Nokia E7 im Test (3/3): Mehr Multimedia als Business

Nokia E7

Das Nokia E7 liefert ein zweispältiges Bild, einerseits liegen Verarbeitung und Robustheit der Hardware auf höchstem Niveau, andererseits tut sich Symbian schwer, den gestiegenen Anforderungen nachzukommen. Im Letzten Test-Teil rehabilitiert sich Nokia mit ein paar Überraschungen.

In dieser hektischen Zeit ist es gut einen Ruhepol zu haben, der Browser ist ein solcher: URL eintippen, eine halbe Minute Zen-Meditation, Inhalt lesen. Das neue Webkit beschleunigt die Surfgeschwindigkeit im Vergleich zu früheren Versionen enorm, keine Frage - die Konkurrenz zieht trotzdem um Längen davon. Das verbesserte Speichermanagement verhindert die lästigen Abstürze, doch weil der Browser erst bedienbar wird, nachdem ein Großteil der Seite geladen wurde, merkt man den Unterschied nur bei einer schnellen Verbindung und deaktiviertem Flash. Von Opera 11 muss ich leider noch abraten, da es immer mal wieder unvorhersehbar abstürzt, doch keine Bange, Opera Mini besitzt den gleichen Funktionsumfang, inklusive Zwei-Finger-Zoom, und läßt keine Wünsche offen. Zudem läßt sich Opera vollständig per Tastatur bedienen, einfach die Zifferntasten mal durchprobieren.

Mit sozialen Netzwerken, genauer gesagt, mit Facebook und Twitter, geht das E7 gekonnt um, vor allem das Widget für den Homescreen überzeugt. Alle zwei Sekunden wechselt die Anzeige und zeigt eine neue Meldung der Kontakte oder des eigenen Kalenders, und nach der Aufnahme von Videos oder Fotos lassen sich die Bilder direkt hochladen. Ein Statusupdate erscheint wahlweise auch global auf allen verknüpften Konten. Ähnlich komfortabel geht es auch bei Skype zu, bis auf Videokonferenzen erlaubt die Applikation sowohl (Sprach-)Chats als auch Dateitransfers. Wer auf das immer noch aktuelle IRC-Netzwerk nicht verzichten will, sollte sich mirggi herunterladen.

EDoF gibt Zoff

EDoF bedeutet erweiterte Tiefenschärfe ("Extended Depth of Field") und erscheint auf den ersten Blick wie eine Fixfokus-Kamera, Damian Dinning von Nokia pocht allerdings darauf, dass die beiden nur wenig gemein haben.

Denn obwohl beide eine Fokussierung aller Bildelemente erlauben, stecken hinter EDoF ausgefeilte Algorithmen und ein kompliziertes Produktionsverfahren mit ganz speziellen Linsen dahinter - um es kurz zu machen, am Ende kommen akzeptable Bilder heraus, die ein Objekt ab ca. 50cm Entfernung scharf abbilden und im Bereich von 1-3 Meter die besten Resultate liefern. Die 8-Megapixel-Bilder ergeben eine durchschnittlich 2MB große Datei mit Exif-Daten und Geotag. Die Beispielbilder wurden nur zugeschnitten, Qualität und Pixeldichte beibehalten. Wenn man das mit der Konkurrenz vergleicht, erhält man ganz ordentliche Fotos, wer mehr will, soll sich bitte nicht beschweren, sondern eine echte Kamera kaufen.

Als Kunde merkt man mit einem Aha-Moment sehr schnell, ob man eine EDoF-Kamera besitzt: Durch den fehlenden Autofokus gibt es kein leichtes Drücken zum Scharfstellen: ein Knopfdruck, ein Bild - rasante Momente verpasst man damit nie mehr. Auf Unschärfen-Effekte dagegen muss man verzichten.

Erst bei Videos läßt EDoF die Muskeln spielen und brilliert mit durchgängiger Schärfe. Egal ob man den Hintergrund oder die Person direkt vor der Kamera betrachtet, das Video ist über die gesamte Tiefe der Szene scharfgestellt, nervöse Nachführungen des Fokus sind damit passé. Die enorm hohe Bitrate von 12Mbit/s (H264-Codec) gepaart mit den 128kbit/s (AAC, Stereo, 48kHz) ergeben ein detailreiches Video, das nur darauf wartet, auf einem HD-Fernseher angesehen zu werden.

Wie im Beispielvideo jedoch zu erkennen, benötigt die Kamera ein-zwei Sekunden um den Digitalzoom zu aktivieren und scharfzustellen, solange sieht man nur verpixelte Menschen. Außerdem verwackelt man schnell, weil die Lautstärke-Taste zum Zoomen als Schieber und nicht als Tastenwippe ausgeführt ist. Damian Dinning führt dagegen ins Feld, dass professionelle Kinofilme in nur sehr seltenen Fällen während eines Takes zoomen, man solle sich stattdessen vorher Gedanken über die Szenerie machen. Wir werden es uns vor der nächsten Nokia-E7-Hollywood-Produktion merken.

Neben den bekannten Einstellungen, wie Szenenprogrammen, Weißabgleich oder Selbstauslöser liefert Nokia auch gleich noch einen Foto- und Videoeditor mit. Die ersetzen natürlich nicht Photoshop oder Premiere, für Facebook und YouTube sind sie allemal ausreichend. Vor allem das Storyboard für die 720p Videos mit fantastischen 12MBit/s überzeugt mich sehr: In Windeseile schneidet man die Videos zurecht, fügt Übergangseffekte ein, untermalt das Ganze mit einer MP3-Datei, schreibt seinen Abspann, animiert Bilder und speichert das problemlos ab. Sehr gut gemacht Nokia, ich bin begeistert.

Saft-(ware)-Laden

Die bis dato lieblose Anhäufung von Software im Ovi Store gehört der Vergangenheit an, es wurde endlich aufgeräumt und bietet mit seinen mehr als 20'000 Titeln genug Auswahl neben den üblichen anderen Downloadquellen.

Um die Attraktivität Symbians zu steigern, subventioniert Nokia ausgewählte Spieletitel und bietet sie zum Nulltarif an. So finden 20 hochwertige Games in HD wie Assasin's Creed, Tom Clancy's Hawx, Avatar, Guitar Rock Tour 2, Monopoly, The Sims 3 oder Angry Birds kostenlos ihren Weg auf das Symbian^3 Handy. Die Grafik greift auf einen OpenGl 2.0-Chip zu die HD-Texturen in detailreichen Landschaften flüssig rendert. Wären die Tage Symbians nicht gezählt, würde uns hier noch einiges erwarten. Gesteuert wird je nach Spiel mit dem Lagesensor oder den Multitouch-Onscreen-Icons.

Für den Geschäftsmann sehr viel wichtiger sind Zugverbindungen und Nachrichten, hier bietet die Deutsche Bahn eine erstaunlich gut durchdachte und leicht zu bedienende Software an, mit der n-tv App bleibt man immer auf dem laufenden und für den Homescreen sollte man sich das Wetter-Widget von AccuWeather besorgen. Obwohl das E7 von Haus aus per Bluetooth und USB-Kabel einen Laptop ins Internet bringen kann, erleichtert JoikuSpot den Zugang indem es sich als Wlan-Hotspot einrichtet und mehrere Geräte gleichzeitig mit fließend Internet versorgt. Am Zielort angekommen klappt die Korrespondenz fehlerfrei mit den Nachschlagewerken von Duden und Pons, die meiner Meinung nach zu jedem Softwarepaket dazugehören sollten, alternativ sind die bekannten Onlineübersetzer und die Duden-Homepage zu bookmarken.

Für die makellose Präsentation des Firmenvideos gehört nicht nur, den HDMI-Adapter und das Video-Out-Kabel dabei zu haben, sondern auch die Nokia Software "BigScreen". Sie startet automatisch nach Verkabelung und erleichtert in einer MediaCenter ähnlichen Oberfläche mühelos eine ansehnliche Vorführung.

Konjuktivistische Aussichten (Fazit)

Symbian steht kurz vor dem Aus, und jetzt geht sogar den Mitarbeitern die Puste aus. Die Neuerungen sind toll und langersehnt, doch wieso müssen dafür nützliche Funktionen verschwinden? Im Nokia Beta Labs Programm sprudeln die Ideen für neue Anwendungen, aber beim eigentlichen Betriebssystem wird geschludert.

Das Nokia N8 sieht sich aufgrund der fast identischen Ausstattung dem gleichen Problem gegenüber, beide Geräte überzeugen vor allem durch die Hardware, das N8 durch die beste Kamera, die je in einem Smartphone verbaut wurde, das E7 durch den riesigen und wirklich beeindruckenden Amoled-Screen. Doch auf der Softwareseite scheinen zwei Parteien miteinander zu konkurrieren, die eine baut tagsüber eine neue Funktion ein, und nachts wird dafür eine andere entfernt. Bei einem Gerät für mehr als 400 Euro muss ich einfach mehr erwarten dürfen. Das soll mit "Anna" korrigiert werden, das sollte schon mit der Erweiterung von S60 5th Edition verbessert werden, das "sollte", "hätte", "wollte"...

Mit Nokia ist es eine Hassliebe, die Finnen stellen immer wieder unter Beweis, wieviel Kreativität und Gefühl sie für die aktuellen Trends besitzen. Wer hatte das erste Handy mit integrierter Spielkonsole? Wer hatte den ersten NFC-Chip schon vor Jahren implantiert? Hatte das SIP-Protokoll für Internet-Telefonie und Frontkamera für Videotelefonate integriert? Wer ging mit seinem Klapptastatur-Handy neue Wege? Wer verbaut als erstes einen USB-Host in einem Smartphone? Und wer steigt zuerst aus dem Rennen? So viele Superlative - und doch kein Pokal.

Kann ich das Nokia E7-00 empfehlen? Ja! Allen, die sich mit Symbian auskennen, allen, die Symbian eine Chance geben und nicht nach fünf Minuten aufgeben. Allen, die keine Zwangsbindung an eine Online-Registrierung bei Google, Windows Live oder iTunes wünschen, empfehle ich Symbian. Den Suchenden nach einer fast perfekten Tastatur und einem langlebigen Öffnungsmechanismus und auch denjenigen, die ihr Handy nicht nach zwei Jahren gegen ein neues eintauschen wollen, sei das Nokia E7 ans Herz gelegt. Das Nokia E7-00 ist ein grundsolides Smartphone, gebaut für den rauen, hektischen Alltag.

Wer allerdings die totale Integration in Social Networks sucht, wer die aufstrebende Platform von morgen, die es heute noch nicht gibt, mit einem nativen Client benutzen will, wer immer die neuste Software verlangt, der muss einen großen Bogen um den finnischen Panzer machen.

Wie entscheidest Du Dich? Gibst Du Symbian noch eine Chance oder hast Du schon lange das Lager gewechselt? Lass es uns in den Kommentaren wissen.

Das Nokia E7kostet im Moment 444 Euro und ist bei Amazon erhältlich.

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