12.02.14

Erzählkamera Narrative Clip im Test: Das Leben ist nicht spannend

Nicht spannend: das Leben

Geht es nach dem schwedischen Hersteller Narrative, dann soll eine Kamera uns künftig auf Schritt und Tritt begleiten und alle 30 Sekunden automatisch ein Foto schießen. In der Praxis gibt es da aber zwei Probleme: Die Mitmenschen lassen sich nur ungern fotografieren und der Rest des Alltags ist erschreckend wenig fotogen.

 

Mein Leben ist langweilig. Was ich insgeheim schon lange geahnt habe, hat mir eine Tagebuchkamera nun bestätigt, die ich für eine knappe Woche getestet habe: die Narrative Clip. Die etwa streichholzschachtelgroße Ansteckkamera nimmt automatisch alle 30 Sekunden ein Foto auf, es sei denn, man hindert sie daran.

Sie sollte mein Begleiter auf Schritt und Tritt werden, aber schon die ersten Mitmenschen, die ich auf die Kamera hinweise, reagieren reserviert. Und mit dieser Ablehnung machen sich bei mir selbst Bedenken breit. Darf ich einfach alles und jeden fotografieren, oft sogar, wenn die Menschen in meiner Umgebung noch nicht einmal etwas davon wissen?

 

Entspanntes Tragen kaum möglich

Gleich der erste Freund, dem ich mit der Narrative Clip am Hemd gegenübertrete, winkt ab und möchte sich nicht dauerfotografieren lassen. Ich habe ihn vorher auf die Narrative hingewiesen und ihm erklärt, was der Test soll, doch er lehnt ab und ich respektiere seinen Wunsch natürlich. Ein Bekannter in meinem Tischtennisverein ist zwar einverstanden, dass ich die Kamera trage, während ich mit ihm spiele, aber nur, "solange die Bilder dann nachher nicht im Internet auftauchen", was ich ihm natürlich verspreche.

Die Kamera nimmt mich fortan zu Hause bei der Arbeit auf. Ich trage sie auf dem Weg in die Stadt, bei einem Umzug, an dem ich am Samstag half, und sie sollte mich eigentlich auch auf eine Party am Samstagabend begleiten. Doch mir kommen noch vorher Bedenken: Wie soll das funktionieren? Ich müsste theoretisch jeden einzelnen der hundert Gäste darauf hinweisen, mit dem sicheren Wissen, dass nicht alle dafür sind. Unverkrampfte Fotos für das eigene Album lassen sich so kaum schießen. Außerdem will ich entspannt mit meinen Freunden zusammen feiern. Ich entscheide mich dagegen, die Kamera einzusetzen.

Lässt sich nicht verstecken

Laut Hersteller Narrative ist die Kamera gut dazu geeignet, das eigene Leben zu dokumentieren oder auch dafür, um zu beobachten wie Licht und Umgebung sich binnen eines Tages verändern. Die vielen Facetten eines Sonnenuntergangs von Anfang bis Ende etwa ließen sich gut mit der Narrative Clip dokumentieren. Und auch privat kann man etwas über sich lernen, wenn man die Kamera einen Arbeitstag lang vor sich aufstellt. Ein Aha-Erlebnis allerdings blieb bei mir aus. Kein einziges der Fotos, die ich aufnahm, hat mich besonders beeindruckt, keins der Motive hätte mich von sich aus gereizt.

 

Und noch etwas anderes stellte ich fest: Die Kamera mag klein und ihr dunkles Gehäuse auf dunkler Kleidung unscheinbar sein. Doch auch, wenn mich nicht alle Menschen, neben denen ich saß oder mit denen ich sprach, darauf ansprachen: Die Kamera fällt ihnen auf, das konnte ich in ihren Blicken lesen. Und ich fühlte mich schlecht dabei, sie in der Straßenbahn zu tragen und meine Mitmenschen damit aufzunehmen und sei es nur für mein eigenes Fotoalbum.

Gut verarbeitet

Geht man alleine von der Technik aus, ist die Narrative Clip interessant. Das Gehäuse ist gut verarbeitet, wenn allerdings auch etwas anfällig für Kratzer und Macken. Die meisten Fotos, die ich während des Sports schoss, sind verwackelt. Als Action-Cam eignet sie sich also nur bedingt. Die Qualität seht ihr an den Bildern, die ich hier eingefügt habe: Die Auflösung ist bewusst gering gehalten, damit die 120 Bilder pro Stunde auf den 8 GB internen Speicher Platz finden. Die Bildqualität ist deswegen leider auch nicht so gut. Die Kamera muss täglich synchronisiert und die Bilder via USB-Stecker auf einen Rechner heruntergeladen werden, was gut und gerne eine Stunde dauern kann. Gleichzeitig lädt sich der Akku - was auch notwendig ist, da er viel länger als einen Tag kaum durchhält.

 

Das eigene Leben als Daumenkino

Elegant wird es dann, wenn man die aufgezeichneten Bilder später auf einem iPhone oder Android-Telefon als eine Art Spielfilm oder Daumenkino abrufen kann. Die App erkennt veränderte Grundmotive und kategorisiert die Bilder entsprechend. Man kann die Kamera außerdem nahezu in einem beliebigen Winkel an der Kleidung anbringen: die App dreht sie später von sich aus in die Horizontale. Die Bilder werden in der Cloud gespeichert und auf die App gestreamt. Trotz des hohen Datenverbrauchs klappt das in einem gut versorgten WLAN ziemlich gut. Die App macht Spaß, selbst wenn die Motive weniger spannend sind.

Für wen aber ist eine solche Kamera nun geeignet? Für extrovertierte Menschen vielleicht, die von wenig kamerascheuen Menschen umgeben sind. Für die Kunstfotografie eignet sich das auch: Stop-Motion vielleicht, wenn Narrative es dem Benutzer irgendwann erlaubt, die 30-Sekunden-Barriere feiner einzustellen. Als Festinstallation vielleicht für Orte, an denen Menschen ohnehin wissen, dass sie fotografiert werden. Für Wanderer, die an exotische Orte reisen.

Ihrer Zeit für immer voraus?

Doch selbst dann sind eigentlich Menschen doch immer noch das attraktivste Fotomotiv. Und die haben ein Recht darauf zu wissen, wann sie fotografiert werden, sollen es auf Wunsch auch ablehnen können. Was Träger der Narrative Clip hingegen machen, erscheint nicht viel charmanter, als einen Paparazzi zu spielen - mit dem Unterschied, dass man Letzteren wenigstens sehen kann.

 

Die Narrative Clip ist deswegen ihrer Zeit in meinen Augen ein wenig zu weit voraus, falls die Zeit für sie überhaupt jemals reif sein wird. Denn auch wenn wir im Netz immer mehr von uns preisgeben, so tut die große Mehrheit das doch am liebsten bewusst und nicht, wann anderen danach ist. Für die Kunstszene oder besondere Experimente kann sich die Kamera eignen, doch dafür erscheint sie mir mit einem Anschaffungspreis von gut 250 Euro ziemlich teuer.

Bin ich zu hart in meinem Urteil? Habe ich einen möglichen Killeraspekt der Kamera übersehen? Sagt es mir bitte in den Kommentaren!

Die Narrative Clip gibt es inklusive Versand für umgerechnet 255 Euro im Shop des Anbieters zu kaufen.

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