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13.07.08

MobileMe im Test: iPhone spielt BlackBerry

Mobileme

Wäre es nicht schön, wenn man immer seinen Kalender, seine Kontakte und seine e-Mail auf allen stationären wie mobilen Geräten auf dem gleichen Stand haben könnte? Dachte sich Apple auch und schickt sich pünktlich zum iPhone-Launch mit dem neuen Dienst "MobileMe" an, dieses Problem zu lösen. Allerdings überzeugt das Resultat noch nicht so ganz.

Wir leben in komplizierten Zeiten: Der moderne Mensch benutzt meistens mehrere Computer und mindestens ein Mobiltelefon. Berufstätige verwalten oft einen Büro-Kalender, einen getrennten privaten Kalender, dazu möglicherweise noch irgendwelche themenspezifische Kalender. Hinzu kommen die diversen Kontaktlisten und oft zahlreichen e-Mail-Accounts, die sich mit der Zeit so ansammeln. All das unter einen Hut zu bringen und synchronisiert zu halten, ist ein echtes Stück Arbeit. Und leider sind die meisten Synchronisierungslösungen, die es heute gibt, eine mittlere Katastrophe.

Apple nimmt nun einen neuen Anlauf, diese missliche Situation zu verbessern. Und da diese Firma ein gewisses Talent hat, knifflige Probleme auf einfache und elegante Art zu lösen, darf man gespannt sein.

"MobileMe" ist Apples neue Datenplattform für Kalender, Kontakte, e-Mail, Bilder und Dateien. Apple beschreibt MobileMe als "Exchange for the rest of us", also eine Universallösung all dieser Bereiche für Leute, die keine teure Infrastruktur à la Microsoft Exchange oder Lotus Notes haben. Ausserdem löst MobileMe Apples bisherigen .Mac-Dienst ab.

Eines der bemerkenswertesten Features von MobileMe ist die sehr weitreichende iPhone-Integration: E-Mails sowie Änderungen in Kontakten und Kalendern werden drahtlos zum iPhone "gepusht", erscheinen also augenblicklich auf dem mobilen Gerät. Umgekehrt werden Änderungen, die man auf dem Telefon macht, sofort auf den PC oder Mac zurückgeschrieben. Das hört sich äusserst praktisch an, denn das nervige Synchronisieren per Kabel fällt so weg. Damit tritt Apple ausserdem in sehr direkte Konkurrenz mit dem BlackBerry von RIM, denn diese Produktefamilie hat ihren Erfolg vor allem solchen Push-Funktionalitäten zu verdanken.

MobileMe ist ein kostenpflichtiger Dienst und kostet 79 Euro im Jahr (oder 119 Euro für das Familienpaket mit vier Accounts). Dafür kriegt man 20 GB Speicherplatz, den man gegen Zusatzgebühren aber auch erweitern kann. Man kann den Dienst kostenlos für 60 Tage testen und muss erst dann zahlen.

Seine Daten kann man mit MobileMe auf gleich drei Kanälen abrufen und bearbeiten: Auf dem Mac bzw. PC, auf der MobileMe-Website und auf dem iPhone.

Auf dem Mac synchronisiert MobileMe die Daten mit den üblichen mitgelieferten Apple-Programmen. Entourage-User haben allerdings Pech gehabt: Eine direkte Synchronisation gibt es komischerweise nur mit dem Notizblock-Feature von Entourage. Wenn man mehrere Macs benutzt, kann MobileMe zusätzlich auch noch verschiedenste Einstellungen zwischen den Geräten synchronisieren: Bookmarks, Passwörter, Dock-Items und sogar Dashboard-Widgets. So kann man zum Beispiel einen Büro- und einen Heim-Mac auf einem annähernd identischen Stand halten.


Mit wenigen Klicks lässt sich einstellen, was genau synchronisiert werden soll.

Auch mit Windows-PCs synchronisiert sich MobileMe: PC-User müssen lediglich die neuste iTunes-Version installieren und finden sogleich ein Mobile-Me-Kontrollfeld in den Systemeinstellungen. Sogar Bookmarks und hochgeladene Dateien lassen sich automatisch abgleichen.


Auch PC-User können sich problemlos an MobileMe anhängen.

iPhone-User benötigen die neue Firmware 2.0, die auf dem 3G-iPhone eh schon drauf ist und für ältere iPhones gratis heruntergeladen werden kann. Auch einen iPod Touch kann man mit MobileMe synchronisieren. Der Setup ist simpel, und man kann einstellen, ob man alle Dienste oder nur einige davon mit MobileMe abgleichen will.

Die Website von MobileMe (unter der leicht zu merkenden Adresse www.me.com) ist ein beeindruckendes Beispiel moderner Web-Programmierung. Apple verwendet das JavaScript-Framework Sproutcore, um im Browser eine Benutzerführung zu realisieren, die beinahe identisch mit Apples Desktop-Programmen ist. Mac-User finden sich sofort zurecht, PC-User werden sich schnell daran gewöhnen. All der User-Interface-Zauber hat aber auch seinen Preis: Gelegentlich wirkt MobileMe ziemlich langsam, vor allem im Vergleich zu Googles Webapplikationen.

 

Die Webmail-Applikation von MobileMe: Hübsch anzusehen, einfach zu bedienen, aber gelegentlich etwas träge (grössere Ansicht in der Galerie).

Die Webmail-Funktion von MobileMe kann sich durchaus sehen lassen. Sie wirkt wie eine leicht vereinfachte Version von Apple Mail. Leider waren im Test die Mailserver von Apple arg überlastet, wohl bedingt durch den weltweiten Launch des neuen iPhone. Daher war die Stabilität nicht gerade berühmt und die Performance beinahe indiskutabel. Aber es ist damit zu rechnen, dass sich das noch bessern wird.

Natürlich drängt sich ein Vergleich mit anderen Webmail-Diensten auf, insbesondere mit Gmail (oder, wie man in Deutschland ja inzwischen sagen muss, Google Mail). Und dagegen sieht MobileMe ziemlich alt aus. Nicht nur ist Gmail deutlich schneller und effizienter, es bietet auch erheblich mehr Features. Attachments lassen sich unter MobileMe beispielsweise nicht im Browser anschauen. Auch die Suchfunktion konnte nicht überzeugen, was aber mit der aktuellen Systemüberlastung zu tun haben könnte. MobileMe kann einen externen POP-Account abfragen und so eine alte E-Mailbox integrieren. Aber man ist auf einen einzigen Account beschränkt und muss den auch noch manuell per Mausklick abfragen. Wiederum kein Vergleich mit Gmails Funktionalität.

Die Kalender- und Adressbuchfunktionalitäten in der Web-Version von MobileMe setzen hingegen durchaus Massstäbe. Sie sind zwar auch keine Geschwindigkeitswunder, aber der Komfort und die Benutzerfreundlichkeit sind derzeit wohl ungeschlagen. Sehr ärgerlich ist allerdings, dass der MobileMe-Kalender im Web keine abonnierten iCal-Kalender anzeigt. Auch das Publizieren von Kalendern geht merkwürdigerweise nur über den lokalen Client.

 

Der fünffache Hogenkamp: Gelegentlich sammelt die Synchronisierungsvorrichtung die Daten etwas gar zu enthusiastisch ein, vor allem im Zusammenspiel mit der Kontaktverwaltung von Gmail.

Via einen Mac oder PC kann das MobileMe-Adressbuch auch mit Gmail, Yahoo oder Exchange synchronisiert werden. Besonders im Fall von Gmail führt das aber zu etwas Chaos, weil Gmail jede jemals verwendete E-Mail-Adresse als neuen Kontakt anlegt. So kommt man bei Leuten mit mehreren Adressen dann schnell mal zu mehrfachen Einträgen. Aber mehr ist bei Kontakten ja im Zweifelsfall besser als weniger.

Die grosse Frage für iPhone-Besitzer ist natürlich, wie gut die Push-Synchronisation mit dem iPhone funktioniert. Und dieser Aspekt konnte im Test bis auf ein paar aktuelle Performance-Probleme weitgehend überzeugen. Im gleichen Moment, in dem neue Mails auf dem Web-Interface auftauchen, klingelt auch die iPhone-Mailbox. Neue Termin- oder Kontakteinträge, die auf dem Mac erstellt wurden, sind sofort nach der automatischen Synchronisierung mit MobileMe auch auf dem iPhone präsent. Und auch der Weg zurück funktioniert reibungslos.

So weit, so gut. Ein ganz grosser Wermutstropfen ist aber die Insularität von MobileMe. Eine bestehende E-Mail-Adresse lässt sich nicht in den Dienst einbinden. Nur per automatischer Weiterleitung an die neue me.com-Adresse kann man beispielseweise seine bestehende Geschäftsadresse zum iPhone pushen (siehe dazu einen Tipp von Mac OS X Hints -- ganz runterscrollen, da steht die richtige Lösung). Derzeit ist es nicht möglich, eine bestehende Domain auf MobileMe umzubiegen, wie das Google z.B. bei Google Apps ganz problemlos möglich macht. Und ausserdem kann das iPhone auch in der neusten Version andere e-Mail-Adressen nicht per IMAP-Push ansteuern, obwohl das auf anderen Smartphones geht.

Die Push-E-Mail-Funktionalität wäre also eigentlich toll, ist aber so nur sehr eingeschränkt brauchbar. Im Ernst, Apple: Noch eine E-Mail-Adresse braucht nun wirklich kein Mensch. Auch nicht mit einem niedlichen "me.com" am Ende.

Das gleiche Elend beim Kalender: Da abonnierte iCal-Feeds nicht über MobileMe synchronsiert werden, hat Pecht gehabt, wer seine Termine beispielsweise auf Google Calendar verwaltet. Nur der Kontaktverwaltung kann man sehr gute Integrationsfähigkeiten mit den wichtigsten externen Systemen bescheinigen.

Wer MobileMe voll nutzen will, muss sich also voll und ganz darauf einlassen, alle bestehenden Daten zu migrieren und die me.com-Mailadresse zu benutzen. Das dürfte abgesehen von überzeugten Apple-Fanboys den meisten Usern schwer fallen. Gerade für Kleinunternehmen und Freelancer wären die Features von MobileMe eigentlich ideal, aber die Umsetzung bleibt da im Ansatz stecken.

Noch schnell ein Wort zu den übrigen Funktionalitäten: Mit der iDisk kann man auf sehr praktische Weise Dateien in die "Cloud" stellen. Wenn man lokale Dateien auf das iDisk-Laufwerk zieht (geht sowohl auf Mac wie auch auf einem PC), werden die Files auf Apples Server kopiert und stehen dann auf den synchronisierten Maschinen sowie im Web zum Abruf bereit. Leider hat der Web-Client aber keine Vorschaufunktion für gängige Formate. Und bedauerlich ist auch, dass man per iPhone nicht auf die iDisk zugreifen kann. Trotzdem: Für den einfachen Austausch auch grosser Dateien ist die iDisk durchaus praktisch.

Des weiteren bietet MobileMe mit "Back to my Mac" die Möglichkeit, von einem Mac auf einen anderen zuzugreifen, auch wenn der auf der anderen Seite der Welt steht. Voraussetzung ist natürlich entsprechender Internet-Zugang und die richtige MobileMe-Konfiguration auf beiden Seiten. Ausserdem kann man MobileMe auch seine persönliche Homepage (oder gar Firmenhomepage) anvertrauen und die mit iWeb editieren.

 

Die MobileMe-Fotogalerie (hier mit aufregenden Screenshots vom iPhone App Store): iPhoto-ähnlicher Bedienungskomfort im Browser.

Zuguterletzt sei noch die Fotogalerie erwähnt, mit der man seine Fotos auf den MobileMe-Servern ablegen kann. Mac-User können Bilder direkt aus iPhoto hochladen, PC-User müssen mit dem Web-Client vorlieb nehmen. Der ist aber durchaus beeindruckend gemacht und erinnert in der Bedienung stark an iPhoto 08. Jedes Album kann entweder der Öffentlichkeit oder nur einem ausgwählten Kreis von Benutzern zur Verfügung gestellt werden. So lassen sich Bilder mit Verwandten und Freunden auf einfache Weise teilen. Die MobileMe-Fotogalerie bringt im Vergleich zu anderen Foto-Sharing-Sites keine herausragenden Neuigkeiten, aber ist eine wirklich solide Lösung mit einem bemerkenswerten Userinterface.

Unser Fazit: Insgesamt hinterlässt MobileMe einen sehr durchwachsenen Eindruck. Die Grundfunktionalität der Synchroniserung von Mac/PC, Website und iPhone funktioniert erstaunlich gut. Der Webclient setzt neue Massstäbe in der Benutzerfreundlichkeit von Webapplikationen, ist aber oft nervtötend langsam. Wirklich schlecht ist die relative Geschlossenheit des Systems, die es schwer macht, bestehende Kalender und E-Mail-Adressen einzubinden. Das reduziert den Nutzen von MobileMe denn auch ganz dramatisch.

Ob einem dieses Leistungspaket 79 Euro im Jahr wert ist, wird wohl von der individuellen Situation abhängen. Wer eine elegante Synchronisierungslösung für sein iPhone sucht, sollte sich MobileMe auf jeden Fall anschauen, zumal eine vollwertige Testversion für 60 Tage gratis ist. iPhone-User, die vor allem auf die E-Mail-Push-Funktion scharf sind, werden angesichts der fehlenen Einbindbarkeit ihrer existierenden Mailadressen wohl enttäuscht sein. E-Mail-Push zum iPhone kann man übrigens mit Yahoo Mail auch gratis haben.

Insgesamt ist MobileMe ein typisches 1.0-Produkt: Viel Potential, gute Ansätze, aber noch nicht wirklich ausgereift. Und von einer soliden Businesslösung à la BlackBerry ist es noch ziemlich weit entfernt.

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