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13.11.13

Gebrauchselektronik: Der Featurewahn geht an Nutzerbedürfnissen vorbei

Traum für Profis, ein Alptraum für alle anderen... (Bild: Sebastiaan ter Burg, flickr.com. Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Neue Smartphones, Tablets, Digitalkameras und andere Gadgets haben etwas gemeinsam: Sie versuchen sich in der Regel durch mehr Funktionen von ihren Vorgängern zu unterscheiden. Der Effekt: Sie werden komplizierter, aber kaum besser. Es wird Zeit, dass ein Umdenken einsetzt.

Traum für Profis, ein Alptraum für alle anderen... (Bild: Sebastiaan ter Burg, flickr.com. Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Kommt ein neues Gadget auf den Markt, gibt es grob zwei Gruppen von Menschen, deren Reaktionen darauf kaum unterschiedlicher sein könnten. Die eine Gruppe besteht aus Tech-Enthusiasten wie mir selbst. Sie verfolgen gespannt, wie sich die Geräte weiterentwickeln, kennen diverse Produkte aus eigenen Tests und sind häufig dann am meisten enttäuscht, wenn sich zu wenig tut.

Die andere Gruppe sind die Durchschnittsnutzer und die wiederum sind meistens davon genervt, wie viel sich verändert, dass sich überhaupt etwas verändert und dass alles immer komplexer und komplizierter zu werden scheint. Diese Menschen wollen nicht zig Optionen. Sie wollen nicht konfigurieren. Sie wollen in der Hauptsache einfach telefonieren, eine Nachricht schicken, ein Foto machen. Ein Smartphone wird von ihnen vor allem gekauft, weil man in einem heutigen Handyladen praktisch gar nichts anderes mehr bekommt. Diese vielen Gadgets, die einen Technikfreund jeden Tag unverzichtbar begleiten, haben bei ihnen in etwa den Status einer Mikrowelle: Man kauft sie für einen bestimmte Zweck, nutzt sie wenn nötig und denkt ansonsten nicht weiter darüber nach.

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Smartphone: Eher kompliziert als klug

Ach, wär doch alles so leicht, wie es in der Werbung scheint...

Beispiel Smartphone: Zu mir passt ein solches Gerät prima, denn Telefonieren ist das Feature, das ich am wenigsten nutze. Schaut man aber einmal nur auf die Telefonfunktion, hatte man es früher mit Handys leichter. Soweit ich mich erinnere, gab es da z.B. so etwas Nützliches wie eine Kurzwahltaste: zwei Tasten gedrückt, schon rief man die gefragte Person an – ganz ohne Scrollen, Wischen oder Tappen. Hatte man aufgelegt und doch etwas vergessen, drückte man die Wahlwiederholung.

Ich weiß, dass das mit Smartphones auch alles geht. Aber es ist oftmals tief vergraben unter und zwischen anderen Optionen. Leute wie ich haben Spaß daran, so etwas herauszufinden. Andere haben dagegen weder Lust noch Zeit dazu. So kann ich bei Android natürlich Kontakte auf dem Homescreen ablegen, um sie schnell zu erreichen. Aber zum einen ist dieses Feature nicht gerade leicht zu entdecken und zum anderen ist eine solche Abkürzung eben deshalb notwendig, weil der standardmäßige Weg zum selben Ziel so lang geworden ist.

Früher war nicht alles schlecht

Dumm, aber zu jedem Abenteuer bereit: das klassische Handy. (Bild: preetamrai, flickr.com. Lizenz: CC BY 2.0)

Früher hatte mein mobiles Telefon sein Tastenfeld direkt ins Gerät integriert, heute brauche ich bis zu vier Schritte, bis ich dasselbe Tastenfeld zur Verfügung habe: Gerät aufwecken, Display entsperren, Telefon-App auswählen, Tastenfeld auswählen. Und man fange mir nebenbei bemerkt gar nicht erst an, über Dinge wie die Akkulaufzeit zu sprechen, die tatsächlich für alle Nutzer praxisrelevant sind...

Kurzum: Will ich z.B. hauptsächlich telefonieren, hat ein Smartphone gegenüber einem klassischen Handy kaum Vorteile, sofern ich mich mit der neuen Technik und ihren Möglichkeiten gar nicht beschäftigen will (und ich finde diese Einstellung mehr als legitim).

Ignorieren ist leider keine Option

Antike Smartphones. (Foto: Sklathill, flickr.com. Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Mich begeistert an Smartphones, wie viel sie können und wie viele Geräte sie inzwischen in einem vereinen. Und ich glaube, dass viele durchschnittliche Nutzer sich zum Beispiel ebenfalls dafür begeistern können, dass man mit diesen Geräten heutzutage vielfach schon richtig schöne Fotos schießen kann. Vor allem aber ist ein Kamera-Smartphone heute noch immer leichter zu bedienen als viele Digitalkameras (dazu komme ich gleich noch). Allerdings sehe ich hier bereits einen wachsenden Berg an Zusatz- und Spezialfunktionen, durch die sich die Hersteller von diesem Ideal immer weiter entfernen.

Jetzt könnte man sagen: Wenn du es nicht nutzen möchtest, dann lass es doch. Klingt gut, scheitert allerdings an der Realität. Denn die vielen Features und Funktionen müssen natürlich in der Benutzeroberfläche untergebracht werden, ob der Normalnutzer sie nun haben will oder nicht. Versteckt man die Funktionen zu gut, hätte man sie sich auch gleich sparen können (und verärgert die Power-User). Zeigt man sie zu offensichtlich, wird es verwirrend.

Weiterer Nachteil: Jede Option bringt die Gefahr, dass man aus Versehen etwas verstellt und gar nicht weiß, was eigentlich passiert ist. Wer der persönlich-private Supportmitarbeiter in seinem Freundes- und Bekanntenkreis ist, wird wissen, wie häufig genau das passiert. Deshalb ist es eben kein Argument, dass man überflüssige Features doch ignorieren könne. Sie sind immer irgendwann im Weg.

Tablets: Oftmals viel zu schlau

Das MemoPad von Asus (re.) kostet halb so viel wie das iPad Mini. (Foto: Jan Tißler)

Ähnlich bei Tablets. Neulich las ich diesen interessanten Beitrag darüber, dass es eigentlich zwei Gruppen von Tablets gibt. Benedict Evans setzt sich dabei mit zwei sehr widersprüchlichen Zahlen auseinander: den Tablet-Marktanteilen und den Tablet-Nutzungsraten. Während bei den Marktanteilen inzwischen Android vor dem iPad liegt, führt das iPad in Statistiken wie Webnutzung oder App-Installationen. Und obwohl Googles Nexus-Tablets sehr gute Geräte zu einem sehr guten Preis sind, können sie kaum Marktanteile gewinnen.

Benedict Evans' Einschätzung: Wir haben es mit zwei unterschiedlichen Käuferschichten zu tun. Bei allen, die viel mit ihrem Tablet anstellen wollen, führt das iPad weiterhin (ob nun berechtigt oder nicht), möglicherweise wegen der noch immer größeren App-Auswahl. Andere hingegen nutzen ihr Tablet vor allem, um Videos zu schauen, vielleicht noch ein wenig im Web zu surfen, kostenlose Spiele zu spielen und auch mal ein E-Book zu lesen. Diese zweite Nutzergruppe geht nach dem Preis und da werden auch Googles Angebote wie das Nexus 7 durch ebenfalls gute Konkurrenten wie das Asus MemoPad HD7 oder Billigst-Geräte unter 100 Euro noch weiter unterboten – und gewinnen. Die Komplexität und Offenheit von Android ist hier allerdings eigentlich vollkommen überflüssig.

Selbst Spiegelreflex müssen Kamerahandys inzwischen fürchten

Viele manuelle Einstellmöglichkeiten und Optionen sind ein Plus – aber auch nur, wenn man sie nutzen kann und will. (Foto: Fujifilm)

Letztes Beispiel: Digitalkameras. Sie bekommen u.a. im unteren Preissegment Schwierigkeiten, weil Smartphones sie in vielen (nicht allen) Situationen nicht nur qualitativ ersetzen können, sondern auch noch leichter zu bedienen sind. Ich will dabei keinesfalls behaupten, dass Digitalkameras keine Berechtigung mehr hätten. Neulich hatte ich hier ja bspw. über "Edel-Kompakte" geschrieben. Aber was ich beim Blick in den weiteren Freundes- und Bekanntenkreis feststelle: Die meisten Menschen wollen eine Kamera, "die gute Fotos macht", haben aber eigentlich überhaupt gar kein Interesse an den zahlreichen Einstellmöglichkeiten. Und so sieht man nicht selten Menschen, die ihre sündteure Digital-Spiegelreflex immer auf Automatik stehen haben. In Sachen Automatik haben günstigere Kameras allerdings oftmals sehr viel mehr drauf und gerade Smartphones haben hier ihre Stärke. Kein Wunder, dass u.a. TechCrunch dieser Tage gerade schrieb, Hersteller von DSLR sollten sich eine Scheibe bei den Smartphones abschneiden.

Ohne Frage kann man mit einer Spiegelreflex qualitativ hochwertigere Fotos schießen. Aber dazu muss man wissen, was man tut und die wenigsten interessieren sich für diesen Qualitätsunterschied. Da kommen noch die Sperrigkeit und das Gewicht der Kamera hinzu, die dann entweder in ihrer Tasche versauert oder nach wenigen Monaten wieder verkauft wird. Auch wenn es Profis weh tut: Selbst eine mittelmäßige Handykamera kann in den Augen eines Normalnutzers besser zu den eigenen Bedürfnissen passen als der neueste Vollformat-Bolide.

Wie es dazu kommt, ist klar

Warum Hersteller auf immer längere Featurelisten setzen, ist dabei glasklar: Unser gesamtes Wirtschaftssystem fußt darauf, dass wir möglichst oft etwas Neues kaufen. Und wenn eine Technik an sich kaum noch sichtbare Fortschritte macht, dann müssen entweder neue Features her oder man erfindet schlichtweg Vorteile, die entweder nicht wahrnehmbar oder auch gar nicht vorhanden sind (diese "High-End-Lüge" ist irgendwann mal einen eigenen Beitrag wert). Kurzum: Man braucht als Hersteller Argumente, um seine Produkte zu verkaufen.

Wie ich mit diesem länglichen Beitrag darlegen wollte, werden ihre Geräte dadurch aber oftmals nicht besser, sondern in den Augen eines Normalnutzers vielleicht sogar schlechter, weil schwerer zu verstehen und weniger bedienerfreundlich. Weniger ist mehr. Aber wie zeigt man das in einer Featuretabelle?

Was ich glaube: Es gibt beispielsweise einen heute kaum beackerten Markt für einfach zu verstehende Handys mit großem Touchscreen. Handys, die Funktionen wie Telefonieren, Messages und Kamera in ihrer jeweils grundlegendsten Form in den Vordergrund stellen. Für uns Technik-Enthusiasten mag das manchmal kaum vorstellbar scheinen, wie man denn ein Gerät kaufen kann, das weniger bietet als ein anderes und dabei vielleicht sogar noch teurer ist (siehe die weiterhin steigenden Verkaufszahlen des iPhone). Aber was für uns mittelmäßig ist, ist für andere ausreichend. Was für uns langweilig ist, ist für andere vertraut. Was für uns wesentlich ist, ist für andere unwesentlich – und umgekehrt.

Wann entdecken die Hersteller den "ease of use" als Verkaufsargument wieder? Und ich meine damit wirklich leicht zu bedienende Geräte und nicht nur Werbung, die selbiges verspricht...

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