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08.10.12

Kometenhafter Aufstieg des Tablets: Der PC ist die neue Druckmaschine

Einst belächelt, schickt sich das Tablet an, den PC als primäres Zugangsgerät zur digitalen Welt aus den Haushalten zu verdrängen. Nur regelmäßige, ernsthafte Contentproduzenten benötigen noch einen herkömmlichen Computer. Dieser avanciert damit zur neuen Druckmaschine.

Jüngst entschloss ich mich dazu, mir für mein iPad eine externe Tastatur zuzulegen. Ursprünglich hielt ich eine derartige physische Erweiterung von Tablets für kontraproduktiv, sah jedoch irgendwann ein, dass ich selbst nach zwei Jahren iPad-Besitz noch immer nicht gelernt hatte, schnell und gleichzeitig fehlerfrei lange Texte durch Tippen auf dem Touchdisplay zu verfassen. Dank meines neuen Bluetooth-Keyboards bin ich nun in der Lage, auch längere Mails, Kommentare oder gar Artikelentwürfe auf dem Appel-Tablet zu schreiben, ohne dass mir dabei aufgrund von Vertippern laufend stille Flüche über die Lippen gehen.

Auch mit der Erweiterung um eine Tastatur eignen sich heutigen Tablets für mich als Blogger und Redakteur noch nicht als ausschließliches Arbeitsgerät. Besonders die Möglichkeit zum parallelen Bedienen mehrerer Anwendungen würde ich bei den Tablet-Betriebssystemen auf Dauer vermissen. Während des Verfassens dieses Textes etwa tauchen immer wieder Tweets aus TweetDeck am unteren rechten Rand meines Bildschirms auf, nebenbei chatte ich per Skype, zudem bewege ich mich flink zwischen mehreren Browser-Tabs und verwende eine spezielle Blogsoftware, um diesen Artikel noch vor dem Upload zu formatieren. All das sind Dinge, die bei der alleinigen Nutzung von Tablets für meinen Arbeitsalltag je nach OS unmöglich oder umständlicher wären. Auch stößt man nach wie vor auf Websites, die nicht für mobile Browser optimiert sind und kann keine die Produktivität erhöhende Browser-Erweiterung verwenden.

Doch wäre ich nicht regelmäßiger Produzent von redaktionellen Inhalten - ich würde ernsthaft darüber nachdenken, PCs ganz aus meinem Alltag zu verbannen. Deutet man Verkaufsstatistiken von Tablets, wird genau dies in naher Zukunft in Millionen Haushalten geschehen.

Tablets verdrängen Laptops und Desktops

Erstmals seit den 80ern unterschritt der Anteil der ausgelieferten DRAM-Kapazität, die in PCs verbaut wurde, in diesem Jahr die Marke von 50 Prozent. Ein klares Zeichen, dass alternative Hardware-Lösungen wie Smartphones und Tablets immer stärker an der Dominanz des PCs knabbern. Nach einer aktuellen Schätzung könnten 2012 bis zu 126,6, Millionen Tablet-Computer verkauft werden. Nachdem das iPad lange konkurrenzloser Marktführer war, haben Konsumenten mittlerweile die Qual der Wahl - dem Google Nexus 7-Tablet ebenso sei Dank wie dem Amazon Kindle Fire (in den USA). In wenigen Wochen lanciert Microsoft sein neues Betriebssystem Windows 8, das mit einer eigenen Tablet-Fassung (Windows RT) aufwarten kann und das Tablet-Angebot weiter anschwellen lassen wird. Auch ein Indiz für die rasant wachsende Bedeutung von Tablets im digitalen Alltag: In den USA hat keine andere Technologie innerhalb von so kurzer Zeit eine zehnprozentige Marktpenetration erzielt. Marktforscher rechnen damit , dass im Jahr 2016 erstmals mehr Tablets über die Ladentische gehen werden als PCs.

Es bestehen somit gute Gründe für die Annahme, dass Tablets innerhalb weniger Jahre ihren Weg in viele hundert Millionen Haushalte finden werden. Ich bin davon überzeugt, dass diese in der Mehrzahl der Fälle heimische Desktop-PCs und Notebooks sukzessive ablösen. Schon heute würde ich Durchschnittsnutzern, die ihre private Hardware erneuern möchten, zu einem Tablet anstatt einem Notebook raten - mit oder ohne einem zusätzlichen physischen Keyboard. Es sei denn, sie betätigen sich als regelmäßige Contentproduzenten oder arbeiten mit Multimediaprojekten, die entsprechende Software sowie Rechenpower benötigen. Tun sie dies nicht, sind Tablets Notebooks in fast allen für den Privatanwender entscheidenden Belangen überlegen - und dazu deutlich günstiger als qualitative tragbare PCs.

Laptops für die ein Prozent

PCs - egal ob Desktop oder Laptops - entwickeln sich damit zur neuen Druckmaschine. Tablets nehmen die Rolle des PCs der breiten Masse ein, die primär als Konsument von Onlineinhalten auftritt und deren Partizipation mit User Generated Content nicht über das Betätigen des Like-Buttons, Foto-Uploads, Restaurantbewertungen oder Mini-Blogposts hinausgeht. Die 99 Prozent der User, die gemäß der von Kollege Jan Rothenberger jüngst erläuterten 90-9-1-Regel entweder nur konsumieren oder lediglich sporadisch als Contentproduzenten auftreten, finden mit jeder neuen Tablet-Generation weniger Argumente, die noch für die Anschaffung eines herkömmlichen PCs sprechen.

Nur das eine Prozent der Anwender, das für die Masse der nutzergenerierten Inhalte verantwortlich ist, wird vorläufig noch um einen Laptop und dessen bessere Voraussetzungen für die produktive und effiziente Contenterstellung und -bearbeitung nicht herumkommen. So wie im Printzeitalter die Druckmaschine das Instrument derjenigen war, die regelmäßig und in professionellem Umfang Informationen unters Volk bringen wollten, so ist es künftig das Notebook, das diese Rolle einnimmt. Wer vorrangig konsumiert, dem reicht ein Tablet. Wer regelmäßig produziert und davon seinen Lebensunterhalt bestreitet, der nutzt dafür das heutige Äquivalent zur Druckmaschine: den PC.

In zehn Jahren werden Menschen es kaum für möglich halten, dass sich in den Anfangstagen des Informationszeitalters Millionen Menschen wuchtige Desktop-PCs oder hässliche, mehrere Zentimeter dicke Laptops auf ihre Schreibtische stellten und dann viele Stunden in gekrümmter Haltung davorsaßen - nur um Videos zu schauen, E-Mails zu verschicken, Bankgeschäfte zu erledigen und bei sozialen Netzwerken Zeit zu verbringen.

Es ist schon erstaunlich, wie sehr Steve Jobs den Nagel auf den Kopf traf, als er im Sommer 2010 die Post-PC-Ära ausrief - und wie daneben Microsoft-Chef Steve Ballmer damals lag.

Hinweis: Der Artikel klammert Enterprise-IT aus, in der noch andere Regeln gelten.

(Foto: Flickr/Marion Doss, CC BY-SA 2.0)

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