13.08.09

Test Nokia 5800 XM: Software und Käfer

5800 XM - Aufgeräumt und übersichtlich (Bild: Kai Zantke)

Der erste Teil war der Hardware gewidmet, nun werfen wir einen Blick auf die Software und ihre Tücken.

Wie wir bereits gesehen haben, trumpft das Nokia 5800 XpressMusic mit einem guten Display und kräftigen Lautsprechern, etwas mangelhaft war die Kamera und der Akku hat mit einem vollen Arbeitstag zu kämpfen.

Das 5800 XpressMusic nutzt das gleiche Symbian S60 5th Edition Betriebssystem wie Nokias Flaggschiff das N97 (wir berichteten bereits darüber). Wer einmal ein Nokia besaß wird höchstwahrscheinlich mit Symbian bereits Bekanntschaft geschlossen haben, entweder in abgespeckter Form (S40) oder bei E- und N-Serie Handys (S60 3rd Edition) in vollem Umfang.

Symbian bietet eine riesige Palette an zusätzlicher Software, angefangen bei Office-Programmen für Word&Co, Chat Programmen für ICQ, Skype und mehr, als auch Podcast-Clients und Navigationslösungen, leider sind nicht alle Applikationen auch für den neuesten Sproß S60 5th geeignet. Großer Pluspunkt ist und bleibt jedoch die Multitaskingfähigkeit- Programme können im Hintergrund weiterlaufen.

Los geht's

Das Handy bootet verglichen mit dem früheren Symbian-Handy E61i schnell, es dauert keine 35 Sekunden bis man endlich loslegen kann. Der Startbildschirm präsentiert sich gewohnt aufgeräumt, man kann sich Aufgaben und Kalendereinträge anzeigen lassen, wenn Musik oder das Radio im Hintergrund laufen wird das ebenfalls sichtbar. Wer statt der Programmleiste oben lieber 4 Kontakte dort haben will kann auch das einstellen. Dabei erfreut einen, dass die Kontakte mit einem Foto dargestellt und mit einem RSS-Feed verknüpft werden, der sich automatisch aktualisiert. Ein Druck auf das Bild zeigt die letzten Verbindungen mit der Person und ermöglicht eine schnelle Kontaktaufnahme. Die Idee ist wirklich toll, aber wieso kann man nicht Programmshortcuts und Kontakte gleichzeitig anzeigen? Rechts oben werden verschiedene Statusmeldungen gezeigt, Alarm, Bluetooth, neue Emails und USB-Verbindung. Ein Klick bringt einen sofort zum gewählten Punkt, super.

Der erste Kontakt

Die Verwaltung der Internetverbindungen wurde verbessert. So bekommen WLAN-Netz automatisch Priorität vor UMTS. Statt Gruppen anzulegen, gibt man nur noch an, wofür man die Verbindung nutzt und bei Bedarf wird die beste Verbindung ausgewählt. Doch immer wieder merkt man, dass die Umsetzung nicht konsequent durchgeführt wurde. Zum Beispiel legt man bei der Podcast-Software fest, dass man UMTS nutzen will, hat man nun WLAN-Empfang wird nicht umgeschaltet.

Ins Netz gegangen

Das Menü ist aufgeräumt, aber tückisch. Manche Ordner-Symbole tarnen sich als Programm, und so klickt man auf Internet und gelangt stattdessen eine Ordnerebene tiefer. Der Browser hat, nebenbei bemerkt, genau das gleiche Icon wie der Ordner!

Internet gehört zu den Stärken des Handys, wie erwähnt kann man sich auch Flash-Seiten darstellen lassen, fast jede Seite ist aufrufbar- nur wirklich große, fotolastige Seiten quittiert der Browser mit einem Absturz. Doch das ist kein Vergleich mit dem vorherigen 3rd Edition Browser, das war ein Krampf. Wirklich interessant wird es aber mit Podcasts, Nokia hat seinen eigenen Podcast-Client vorinstalliert und der ist ein Traum. Man kann OPML-Files importieren, die Adresse direkt eingeben oder aus einem Verzeichnis auswählen. In beliebigen Abständen sucht dann die Software nach Aktualisierungen und lädt diese automatisch herunter- für eine fest definierte Internetverbindung.

Lass mal Sehen

Die XpressMusic-Reihe ist für Videos und Musik ausgelegt, die gängigen Handyformate, MP3, MP4, AAC, WMV, WMA sind alle kein Problem, naja fast. In meinem Fall war ich nach 30 Minuten total überascht als der Ton ausblieb. Hatte sich doch tatsächlich der volle Akku an den WMA-Dateien vollständig verausgabt. Ganz offensichtlich ist die Prozessorlast sehr viel höher, als bei normalen MP3s oder Video-Dateien, sehr merkwürdig denn im MP3-Modus kommt man ein paar Stunden durch.

Die Tatsache, dass Video-Podcasts der Tagesschau und anderer Anbieter einwandfrei dargestellt werden, eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Statt abends hinterm Fernseher zu hocken, schaut man morgens im Zug, was gestern geschehen ist.

Wo soll's hingehen?

Die Navigationslösung von Navteq ist für 60 Tage kostenfrei zu testen, danach wird sie kostenpflichtig. Das Kartenmaterial ohne Sprachnavigation ist aber auch darüber hinaus nutzbar. Es gibt bessere Navigationslösungen, da die Anweisungen nicht immer eindeutig sind (jetzt rechts halten heißt hier rechts abbiegen), erschwerend kommt die schlechte Positionsbestimmung zwischen 5 und 250 Metern hinzu. Zwar kann man eigentlich sehr genau lokalisiert werden, doch auch bei freier Sicht zeigt die Software immer wieder bei Fahrt ungenaue Daten an. Nichtsdestotrotz erreicht man sein Ziel dank Navi.

Ein Käfig voller Käfer

Es wurde viel rumgedoktert an der Firmware, und bis heute ist sie nicht 100%-ig ausgereift, dabei sind wir bereits bei Version 30 angelangt- der Test wurde noch auf Version 21.0.025 durchgeführt, da bis heute kein Update verfügbar ist. Teilweise startet das Telefon unvermittelt neu, andere Male reagiert es nicht mehr auf OnScreen-Eingaben. Der schlimmste Fall war, als ich zwar noch Software starten konnte, aber das Wählpad mit den Zahlen sich nicht öffnen wollte. Und einen echten Hardreset kann man nur ausführen, wenn man die Zahlen eintippt, wegen des nicht-flüchtigen Flashspeichers nutzt auch das Entfernen des Akkus nichts. Letztlich hat nur eine externe Bluetooth-Tastatur geholfen! Hier und da hakt es, dann bekommt man das Gefühl, als würde der Prozessor absichtlich ausgebremst.

Die Email-Software ist bis auf kleine Veränderungen gleichgeblieben. Noch immer dauert es eine kleine Ewigkeit bis man eine neue Email lesen kann oder selbst eine verfassen darf. Man hat zwar die Wahl zwischen POP3- und IMAP-Abruf, bekommt sogar für die bekannten Provider die Einstellungen vordefiniert, doch warum beim IMAP-Protokoll die Emails nicht sofort vollständig heruntergeladen werden oder wieso die gesendeten Emails nicht in den serverseitigen Ordner verschoben werden bleibt ein Rätsel, Symbian wäre fähig dazu. Im laufe meines Tests ist mir die Email-Applikation abgeschmiert, danach waren sämtliche Einstellungen und Emails für immer weg.

Wirklich nervig ist auch die Ansicht im Querformat, man dürfte erwarten, dass man mehr sieht, stattdessen nehmen einem die Menütasten ein Drittel des Bildschirms weg. Dreht man nämlich das Handy, so drehen die länglichen Menüpunkte einfach mit, anstatt zu schrumpfen. Nur ein Vollbildmodus mancher Anwendungen rettet einen.

Mensch vs. Maschine

Insgesamt macht die neueste OS Version einen unausgegorenen Eindruck. Man wird das Gefühl nicht los, dass es ein aufgebohrtes S60 3rd ist. Denn richtig produktiv wird man erst, wenn man eine externe Tastatur anschließt. Immer wieder sucht man nach einer Taste, ein einfaches Beispiel: Man will zwei Emails löschen, dafür wählt man die Email mit dem Finger, drückt Optionen -> Markieren, dann wählt man die nächste Email aus, wieder Optionen -> Markieren, danach Optionen -> Löschen und jetzt muß man noch bestätigen! Mit den Tasten wäre das ein Kinderspiel. Hier zeigt sich klar, dass Symbian hervorragend an Tastaturbedienung angepasst ist, Nokia aber schnell versuchte auf den Touchscreen-Zug aufzuspringen, mit mäßigem Erfolg. Denn die Änderungen haben ganz offensichtlich Stabilitätsprobleme mit sich gebracht. Und statt eines miteinander, fühlt man sich an manchen Stellen im Kampf gegen das Handy.

Fazit - Das Ende vom Lied

Das Nokia 5800 XpressMusic ist sein Geld absolut wert, 230 € sind eine Kampfansage und dürften viele junge Kunden locken. Die satte Hardwareausstattung leidet an der ungenügend angepassten Software. Trotzdem fallen die Podcasting-Integration und das unbeschwerte Surfen im Internet positiv auf. Es gibt viele Punkte für die es in diesem kurzen Review keinen Platz mehr gab, die verschiedenen Klangmodi der tollen Lautsprecher, der RSS-Feed-Reader, das Radio mit Lautsprecher, Schnittfunktionen für Filme und Musik, der Zip-fähige Dateimanager und und und.

Aufgrund der Stabilitätsprobleme bleibt es aber ein zweischneidiges Schwert, nicht zuletzt weil der Absturz und Verlust sämtlicher Emails alles Vertrauen darin zerstört hat. Dazu kommt, dass die neuste Version von Nokias Symbian unterwegs ist, sie wird nicht abwärts kompatibel sein.

Wem empfehle ich also das 5800? All denjenigen, die eine Surfstation für unterwegs suchen, die viel Podcasts und Internetradio nutzen und Unterwegs auch mal einen Film sehen wollen ohne gleich schweres Gepäck zu tragen. Auch die Experimentierfreudigen und Gadget-Liebhaber können sich angesprochen fühlen, Symbian leistet viel und die Auswahl an Software ist immens.

Wer auf Zuverlässigkeit angewiesen ist, viele Emails schreibt und immer unter Strom steht, der keine Zeit für Ausfälle hat und sich auf das Wesentliche konzentrieren muss, sollte einen riesigen Bogen darum machen- sonst rupft er sich die Haare aus! Ich weiß wovon ich spreche..

Update: Seit Firmware-Version 50 läuft das 5800XM endlich so wie es soll. Abstürze gehören der Vergangenheit an und die Daten sind endlich sicher. Für den kleinen Geldbeutel empfehle ich weiterhin das mittlerweile betagte Nokia (200 Euro), weil es eines der besten Klangerlebnisse für Musik sowohl mit als auch ohne Kopfhörer, kostenlose Navigation und alles Notwendige bietet, das man als Durchschnittsnutzer braucht. Man sollte sich aber im Klaren sein, dass die Social Media Sachen nicht so flüssig laufen und die einschlägigen Social Networks Symbian stiefmütterlich behandeln, bzw abgeschrieben haben.

Schlagworte zu diesem Artikel

Jetzt gratis anmelden und wir unterstützen Sie mit Informationen und aktuellen Lernangeboten!