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20.11.07

gOS im TestDas inoffzielle Google-OS

Billige Linux-Rechner liegen im Trend: Nach dem von uns getesteten Asus EEE PC macht in den USA derzeit ein 200-Dollar-PC Furore, der von der Einzelhandelskette Walmart vertrieben wird und nach zwei Wochen schon ausverkauft war. Das Besondere daran: Der Billigst-PC läuft unter der Linux-Variante gOS. "g" wie "Green" oder ... "Google".

 

Unglaublich, was man heutzutage schon für $200 (137 Euro) bekommt: Walmart verkauft in den USA für diesen Preis einen ausgewachsenen PC, und zwar den "Everex TC2502 Green PC", der auch noch besonders energiesparend sein soll. Ein Monitor ist keiner dabei, daber der billigste 17-Zoll-LCD-Screen kostet auch nur gerade $135 (92 Euro). Der PC ist mit einem 1.5-GHz-Prozessor von VIA, 512 MB RAM und einer 80-GB-Platte recht sparsam ausgestattet, aber das Angebot richtet sich ja auch klar an preisbewusste Einsteiger.


Alles schön grün und aufgeräumt: Login zu gOS

Für Aufsehen sorgte aber weniger der günstige Preis als das installierte Betriebssystem: "gOS" ist eine abgespeckte Variante von Ubuntu Linux, die auf einem solchen Einfachst-PC einwandfrei läuft. Auf der Webseite des Projektes (www.thinkgos.com) kann man sich die Distribution auch für eine separate Installation herunterladen.

 

Der Hersteller von gOS hat nichts mit Google zu tun, scheint aber zumindest marketingmässig klar die Nähe zum Internet-Giganten zu suchen. Anders als traditionelle Linux-Distributionen stellt gOS die Online-Dienste von Google deutlich in den Vordergrund. Die Applikationsstartleiste (die vom Stil her etwas an das Dock auf Mac OS X erinnert) beinhaltet fast nur Icons für Google-Dienste: Da sind Gmail, Google Docs, Calendar, Blogger, Maps, Youtube und Product Search.

Einzige "Fremdkörper" sind Links auf Facebook, Wikipedia und den IM-Dienst Meeboo. All diese Links werden im vorinstallierten Firefox-Browser geöffnet. Letztlich ist die Applikationsauswahl also nicht viel mehr als eine glorifizierte Bookmark-Liste, denn die Internet-Dienste sind keineswegs schon weiter vorkonfiguriert. Immerhin ist aber die Google-Toolbar schon vorinstalliert, so dass wenigstens ein gewisses Gefühl von Integration entsteht.


Einfach zu verstehen und übersichtlich: Der gOS Desktop.

An lokal installierter Software gibt es einen Skype-Client, einen DVD-Player und den Musikplayer "Rhythmbox". Auch das ausgewachsene OpenOffice-Paket ist bereits vorinstalliert, aber ist seltsamerweise recht gut versteckt. Offensichtlich war den gOS-Machern die Web-Orientierung ihres Betriebssystems so wichtig, dass sie eins der stärksten Linux-Features nicht weiter hervorhoben.


Nicht ganz iTunes-Niveau, aber brauchbar: Der Musikplayer "Rhythmbox" in gOS.

Ansonsten erlebt man keine grossen Überraschungen, wenn man schon einmal mit Linux gearbeitet hat, im positiven wie auch negativen Sinn. Das System läuft auch mit geringen Ressourcen sehr flott (wir haben es in einer Virtual Machine unter Mac OS mit lächerlichen 256 MB RAM getestet) und stabil. Dafür darf man sich aber nicht wundern, wenn man hin und wieder auch mal mit den Innereien des Systems konfiguriert wird:


Sag Hallo zu obskuren Terminalkommandos. Ganz ohne Systemeingriffe geht es auch bei gOS nicht.

Ob die PC-Einsteiger die die Zielgruppe von gOS sind, solche Konfigurationsanleitungen verstehen, darf wohl klar bezweifelt werden. Das ist eben noch immer das Problem auch moderner Linux-Distributionen: Ganz ohne Spezialkenntnisse kommt man meistens nicht sehr weit.

gOS verwendet nicht wie Ubuntu Gnome als Window-Manager für den Desktop, sondern das etwas weniger bekannte Paket Enlightenment. Diese Oberfläche ist recht deutlich von Mac OS X inspiriert und sicher etwas übersichtlicher als die üblichen Linux-Desktops. Die schönen, grossen Icons werden Anfänger wohl durchaus ansprechen.

Über das Systemmenü bekommt man aber auch an den bunten Icons vorbei Zugang zu fast allen Konfigurationsmöglichkeiten. Und wer sich in die Linux-Shell vorwagt, kann natürlich wie immer bei Linux an allen Dingen manuell herumbasteln. Auch für fortgeschrittene User ist gOS also sicher flexibel genug.

Was sind nun die Vorteile von gOS gegenüber alternativen Lösungen? Im Vergleich zu anderen Unix-Distributionen besticht gOS sicher durch seine relative Einfachheit. Wer tatsächlich primär Googles Online-Dienste benutzt, bekommt mit gOS eine solide und freundliche Surf-Plattform, die auch auf alten PCs noch prima läuft. Anfänger sollten sich aber zumindest zu Beginn die Hilfe eines Linux-Hackers sichern, denn ganz so trivial ist die initiale Konfiguration nicht. Beispielsweise wird gOS zumindest in der Download-Variante ohne vorinstallierten Flash-Player geliefert, und da macht der YouTube-Link nur wenig Sinn. Die Installation solcher Zusatzsoftware ist auf Linux leider immer noch nicht so einfach wie bei der kommerziellen Konkurrenz.

Gegenüber Windows (besonders Vista) ist gOS natürlich enorm viel ressourcenschonender. Und selbstverständlich ist es, da gratis, erheblich billiger: Ein Linux-PC kostet etwa $80 weniger als eine vergleichbare Maschine mit vorinstalliertem Vista Home Basic. Und wenn man noch Texte und Tabellen verarbeiten will, kann man bei gOS gleich mit dem vorinstallierten OpenOffice loslegen, muss sich in der Windows-Welt aber für weitere $125 die kleinste Microsoft-Office-Variante dazukaufen. Natürlich bietet gOS nicht ganz den gleichen Funktionsumfang wie die neusten Microsoft-Produkte, aber für den durchschnittlichen Heimanwender dürfte es wohl reichen. Und dass man dabei total $205 (140 Euro) gegenüber dem Microsoft-Angebot sparen kann, wird sicher niemanden stören.

Insgesamt kann gOS aber dem Anspruch als ideales Einsteiger-Betriebssystem nicht ganz gerecht werden. Es hinterlässt leider in vielen Details einen recht unfertigen Eindruck. Gleich so aus der Schachtel werden totale Anfänger mit den ersten Schritten in gOS wohl ziemlich überfordert sein. Und wer Anwendungen wie iPod-Synchronisierung, Videoschnitt oder Spiele im Sinn hat, ist bei Linux sowieso nicht unbedingt an der richtigen Adresse.

Ebenso ist die implizite Nähe zu Google in gOS nur darauf beschränkt, dass die Links auf Googles Online-Dienste überall auftauchen. Komischerweise ist ausgerechnet die kürzlich erschienene Linux-Version von Google Desktop nicht Teil von gOS, und ebenso fehlen Google Earth und Picasa. gOS System ist also noch weit entfernt von der (für manche attraktiven, für andere erschreckenden) Vision eines total "googlifizierten" PCs.

gOS ist aber eine gute Lösung für einfache, billige Surfstationen. Wer einem totalen PC-Neuling eine Maschine ins Haus stellen will, die vorwiegend zum Surfen und für Webmail gebraucht wird, sollte sich gOS sicher ansehen. Billiger wird man fast garantiert nicht an ein relativ einsteigerfreundliches System herankommen. Aber etwas Geduld für die Vorkonfiguration sollte man schon mitbringen.

Die Projektwebsite von gOS

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