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18.08.14

Google nimmt den Markt auseinander: Ein absichtlich verfrühter Nachruf auf alles, was nicht Android ist

Android L: Google hat den Kampf gewonnen. Alle Bilder: Anbieter

Laut jüngsten Zahlen der Marktforscher von IDC vereint Android bei den mobilen Betriebssystemen 85 Prozent Marktanteil auf sich; bis auf Apple fällt der Rest unter ferner liefen. Einige Alternativen dürften bald vom Markt verschwinden. Um ihre Innovationen ist es schade. Ein Nachruf, teilweise absichtlich verfrüht.

Android L: Google hat den Kampf gewonnen. Alle Bilder: Anbieter

Wie viele Anbieter können langfristig auf einem Markt nebeneinander existieren? Schaut man sich die Zahl der Netzbetreiber des deutschen Mobilfunksektors an, dann lautet die Antwort hier: vier, bald nur noch drei. Bei den Brauseherstellern zwei große und viele kleine. Und bei den mobilen Betriebssystemen?

Hier ist Marktführer Android laut neuesten Zahlen von IDC im 2. Quartal bei 84,7 Prozent angelangt (vor einem Jahr: 79,6 Prozent) und damit allen enteilt. Apples iOS fällt von 13 auf 11,7 Prozent. Sogar für Windows Phone geht es trotz allen Bemühungen runter von 3,4 auf 2,5 Prozent, für Blackberry von 2,5 auf 0,5 Prozent. Der Rest: 0,6 Prozent.

Wichtig ist: Es geht hierbei um Neuverkäufe, die Verteilung der aktiven Geräte stellt sich anders dar, deutlich besser etwa zu Apples Gunsten. Trotzdem messen Anbieter ihren Erfolg natürlich an Neuverkäufen und viele werden angesichts dieser Zahlen ernüchtert sein und überlegen, ihre Systeme einzustellen. Schade ist das, weil deswegen einige Innovationen bald vom Markt verschwinden dürften. Andere sind es schon.

 

Beispiel Tizen und Bada: Samsungs Android-Alternative Tizen war ohnehin lange mehr untot als lebendig, kam nur in der Smartwatch Gear 2, der Kamera NX300M, sonst aber keinem nennenswerten Smartphone zum Einsatz, präsentierte sich auf diesen alternativen Geräten aber als vielseitig. Samsung hat - gerüchteweise! - jüngst entschieden, das System auf Einsteigergeräte in Entwicklungsländern abzuschieben und anderswo ganz einzustellen. Nur noch Optimisten rechnen damit, dass Tizen auf dem Smartphone-Markt eine Rolle spielen wird.

Schade übrigens: Mit Bada hatte Samsung eigentlich bereits ein voll funktionsfähiges, durchaus beliebtes System. Die geplante Verschmelzung mit Tizen allerdings brachte das unnötige Aus, das die Koreaner sich hätten sparen können. Nun sind sie auf Gedeih und Verderb auf Android angewiesen.

Alles, aber wo zu finden? Samsungs Tizen OS

Beispiel Jolla Sailfish OS: Nach dem ersten Smartphone, das kurz vor Weihnachten 2013 auf den Markt kam, wurde es schnell wieder ruhig um die Finnen, bevor es richtig laut wurde. Letzter Ausweg für das System mit durchaus innovativer Gestensteuerung: Hongkong und Indien. Eine Erfolgsstory klingt anders.

Anders sein reicht nicht: Jolla Sailfish OS

Beispiel WebOS: Solange von einem zum anderen verschoben, Open Source gestellt und schließlich von LG adoptiert, bis kaum noch etwas davon übrig blieb. Von Smartphones und Tablets verschwunden, in letzter Instanz deutlich verändert jetzt in den Smart TVs der Koreaner im Einsatz, auf Smartphones quasi tot. Das Kartenprinzip des Systems wäre heute noch auf der Höhe der Zeit. Doch die Nutzerbasis blieb immer zu klein, es fehlten wichtige Apps und eine ernsthafte Unterstützung durch Carrier und Anbieter.

Noch immer online: HPs WebOS-Seite, obwohl das System längst verkauft bzw. Open Source gestellt wurde.

Beispiel Firefox OS: Mittlerweile in der Version 2.0 draußen, in Spanien durchaus beliebt, anderswo kaum bekannt. Geschätzt bei Anhängern für die Offenheit und Anpassbarkeit. Geräte wie von Alcatel allerdings lockten aufgrund schwacher Hardware nie einen Hund hinter dem Ofen hervor. Der spanische Pionier Geeksphone verramscht derzeit das hoffnungsvoll angekündigte Dual-OS-Smartphone Geeksphone Revolution mit Firefox und Android. Auch hier klingt es nicht gerade nach einer Erfolgsgeschichte.

Scheuer Fuchs: Firefox OS hat die Nische bisher nicht verlassen. Für immer wird Mozilla das Projekt nicht aufrecht erhalten wollen.

Beispiel Asha und Nokia X: Beide fielen jüngst Microsofts neuer Konsolidierungswelle zum Opfer. Der PC-Riese hat mit Windows Phone schon genug Rückstand aufzuholen, da waren keine Ressourcen mehr für Experimente übrig. Durchaus schade, denn Nokia X wirkte wie eine innovative Brücke aus Android und Windows Phone. Asha gab Einsteigern zumindest ein wenig Smartphone-Feeling und trumpfte mit langer Akkulaufzeit auf.

Nokia X, ein völlig anderer Ansatz, Android zu genießen.

Beispiel Ubuntu on Phones: Die beliebteste Linux-Distribution auf allen Plattformen, neben Desktop und PCs auch auf Tablets und Smartphones, das war die Vision von Canonical-Chef Mark Shuttleworth. Doch dann misslang der versuchte Crowdfunding-Rekord mit dem Ubuntu Edge. Versprochene Smartphones anderer Hersteller kamen nie auf den Markt. Offiziell existiert das Projekt noch, zwei Phones sollen zumindest in Asien in diesem Jahr noch erscheinen, doch so richtig glaubt man nicht mehr daran. Schade, denn die Möglichkeit, die gleichen Apps eines Systems auf mehreren Geräten zu nutzen, ist anderswo bis heute nicht umgesetzt.

Ubuntu on Phones, bislang auf keinem Gerät exklusiv erschienen.

Sorgenkind Windows Phone: 7,4 Millionen verkaufte Smartphones in einem Quartal sind eigentlich nicht wenig - 10 Millionen verkaufte Playstation 4 in acht Monaten gelten zum Beispiel als Erfolg. 2,5 Prozent Marktanteil und sinkende Absatzzahlen allerdings dürften keinen Marktteilnehmer freuen. Microsoft würde sich natürlich als Allerallerletzter von einem solchen Rennen verabschieden, aber irgendwann wäre auch für Redmond natürlich die Schmerzgrenze erreicht. Sollte es dauerhaft weiter bergab gehen - und danach sieht es sogar aus - würde man wohl auch dort irgendwann die Reißleine ziehen. Vermissen würde man die urige Optik und das einfache Bedienkonzept.

Lebt und kämpft: Windows Phone

Sorgenkind Blackberry 10: Bereits verabschieden mussten sich Blackberry-Fans von einem Tablet mit QNX, auf dem auch das aktuelle BB10 basiert. Der Marktanteil der Kanadier war in den vergangenen Jahren derart im Sinkflug, dass man schon mehrfach Nachrufe anstimmen wollte. Noch ist Blackberry aber nicht tot und schlimmer als 0,5 Prozent Marktanteil und 1,7 Millionen verkaufte Smartphones in einem Quartal kann es eigentlich nicht mehr werden. Hoffnung machen das vielseitigere Update BB10.3 und die baldige Integration von Android Apps über den Amazon Store. Für native Apps fand man einfach zu wenige Entwickler.

Blackberry10

Und das dürfte das Problem am besten widerspiegeln: Wer in den vergangenen Jahren etwas auf sich hielt, warf keine neue Hardware auf den Markt, sondern gleich ein neues Ökosystem. Smartwatches, Einplatinencomputer, Radiowecker, Spielkonsolen, Thermostate - allesamt mit eigenem App-Ökosystem. Die Entwickler sollten es jeweils richten - und stehen heute kurz vor dem Burn-out im Angesicht dutzender App-Plattformen, die irgendwie bedient werden wollen.

Android auf allen Geräten heißt auch: Apps für alle Systeme anpassen. Entwickler haben dann weniger Zeit, andere Systeme zu bedienen.

Auf der jüngsten Google I/O zog der Marktführer für seine Entwickler noch einmal die Zügel an. Tenor: Schön dass ihr Android-Apps für Smartphones und Tablets entwickelt habt! Jetzt macht bitte weiter und passt sie für Smartwatches, Fitnesstracker, Bordkonsolen, Fernseher und was immer uns sonst noch einfällt auch noch an!

Ähnliches ist von Apple und Microsoft zu hören. Es war klar, dass der Markt sich konsolidieren würde. Es ist nur schade, dass er es auf diese Weise tut. Statt sechs Ökosystemen verschiedener Hersteller haben wir bald sechs Android-Plattformen.

Das ist keine Kritik an Android. Das System steckt auch voller Innovationen und toller Bedienelemente. Aber es ist schade, dass bald einige einst hoffnungsvolle Mitbewerber vom Markt verschwinden dürften. Und mit ihnen ihre Innovationen.

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