16.05.13

Google I/O: Die Show der Evolutionen und der Fluch hoher Erwartungen

Racer - ein Spiel, für das sich mehrere Android-Geräte koppeln lassen. Alle Bilder: Google

Google hat auf der Keynote der eigenen Entwicklerkonferenz I/O Verbesserungen in fast allen Geschäftsfeldern vorgestellt: Mobile, Suche, Chrome, Maps, Google+. Die Verbesserungen sind durch die Bank stark, bieten aber wenig Begeisterungspotenzial für solche Zuschauer, die völlig neue Produkte erwartet hatten. Ein Highlight war deswegen der abschließende Auftritt des lange verschollenen Mitgründers Larry Page, doch auch mit möglichen Killer-Anwendungen sparte Google keinesfalls.

Racer - ein Spiel, für das sich mehrere Android-Geräte koppeln lassen. Alle Bilder: Google Racer - ein Spiel, für das sich mehrere Android-Geräte koppeln lassen. Alle Bilder: Google

Ja, wir haben mehr erwartet, oder eigentlich eher: etwas Anderes. Ein neues Nexus-Phone vielleicht, stärkere Offline-Funktionalität für Chrome OS, vielleicht sogar endlich das Zusammenwachsen von Android und Chrome OS oder gar Android für Notebooks zu Gunsten von Chrome OS. Google hatte die Chance, die Listendarstellung der Suche komplett mit dem Knowledge Graph zu ersetzen, Maps voll und ganz zu personalisieren. Das sagenumwobene neue X-Phone wäre natürlich auch ganz nett gewesen.

All das gab es in der dreistündigen Keynote nicht. Keine neue Android-Version, obwohl die für Googles jährliche Entwicklerkonferenz fast schon usus ist, kein neues Smartphone, wenig Neues zu Chrome OS, nichts Neues zu Google Glass außer einigen Schwenks der Kamera ins Publikum, wo einige Träger der Google-Brille übellaunig dreinblickten. Nein, ein echtes Hardware-Highlight hat heute gefehlt. Google selbst hat diese Erwartungen durch die Politik der ständigen Produktverbesserungen geschürt und nun ein wenig enttäuscht - wäre da nicht der beeindruckender Auftritt von Larry Page am Schluss der Show gewesen.

Page, der sich erst in dieser Woche zu seiner schweren Stimmbanderkrankung geäußert hatte, hielt, schwer gezeichnet, mit Fistelstimme eine viertelstündige Abschlussrede und stellte sich danach noch eine geschlagene Stunde lang den Fragen des Publikums. "Wir alle sind erst bei einem Prozent von dem, was möglich ist", sagte Page. "Wir bewegen uns sehr langsam. Und einiges davon ist aufgrund von Negativität. Jede Geschichte, die ich über Google lese ist: wir gegen ein anderes Unternehmen. Das finde ich nicht interessant. Wir sollten lieber Dinge erschaffen, die noch nicht existieren."

Zumindest einige Verbesserungen werfen Fragen auf

Ein langsames Bewegen. Teilweise hatte man während der Keynote tatsächlich den Eindruck, als stellten die Produktmanager nur Dinge vor, die längst angekündigt waren oder schon existierten. Gerade die Vorstellung von Google Maps für Mobile ließ die Zuschauer rätselnd zurück. Restaurant-Empfehlungen von Freunden, der jeweils kürzeste Weg zum Ziel auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln - all das gibt es doch längst etwa für Google Maps für das iPhone. Ein Sign-in für Apps mit Hilfe des Google+-Accounts - wenn wirklich neu, dann nicht besonders originell. Ein Activity Tracker für Android-Phones - wurde schon im Samsung Galaxy S4 müde belächelt. Und ein "nacktes" Android 4.2 für das Galaxy S4 bei einigen US-Providern? Rätselhaft, worin Google hier den Vorteil sieht, angesichts von Samsungs vielen Spezialfunktionen, die Nutzern eines nackten Androids dann nicht mehr zur Verfügung stehen.

Der ganz große Wurf gelang Google auch bei der Websuche nicht. Die Sprachsteuerung wurde verbessert, persönliche Informationen wie der Kalender können mit der Websuche durchforstet werden. Es gibt neue Karten für Google Now und dazu die Möglichkeit, eigene Erinnerungen dort einzubinden (in Deutschland und vielen anderen Ländern wird man nur so schnell davon nichts sehen). Der Knowledge Graph nimmt immer mehr Raum ein; mutiger wäre es aber gewesen, die mittlerweile unsäglich dröge Listendarstellung gänzlich in den Wind zu schießen. Kommen wird das sowieso. Google hat sich hier für den gemächlicheren Weg entschieden.

Bahnbrechende, automatische Bildbearbeitung für Google+

Wonach man auf der Keynote allerdings vergeblich sucht, ist eine echte Enttäuschung. Man mag ja unzufrieden sein über das, was Google nicht gezeigt hat. Was Vic Gundotra und Co. allerdings vorstellten, waren Verbesserungen im Großen wie im Kleinen, die teilweise aufhorchen lassen, wenn auch manchmal nur auf den zweiten Blick:

  • Eine Synchronisierung über verschiedene Google-Geräte hinweg. Beeindruckend etwa, wie zwei Google-Manager gleich fünf verschieden große Android-Devices aneinander koppelten und damit zu einem großen Bildschirm umfunktionierten, auf denen sie das einfache Rennspiel "Racer" spielten.
  • Bildbearbeitung in der Cloud: Google+ ist künftig nicht nur in der Lage, aus einem Fotoalbum die besten Bilder auszuwählen. Sie lassen sich in der Cloud auch automatisch oder von Hand erheblich aufhübschen.
  • Auto-Tag: Google+ weiß, was und wer auf einem Foto zu sehen ist. Knippst man etwa den Eiffelturm, erkennt Google das Bauwerk, verschlagwortet das Foto automatisch und listet auf Wunsch andere Eiffelturm-Bilder auf. Ferner erkennt Google+, wer auf einem Foto zu sehen ist. Sind Familienmitglieder darunter, werden Bilder in einem Album höher gewichtet.
  • Google hat nun einen eigenen Musikstreaming-Dienst nach dem Vorbild von Napster und Spotify. Das ist natürlich im Jahre 2013 nichts Neues mehr, aber angesichts der Tatsache, dass Konkurrent und Digitalmusikpionier Apple noch immer nichts Vergleichbares bietet, ist Google hier ein kleiner Achtungserfolg gelungen. Der Dienst hört leider auf den wenig eingängigen Namen "Google Play Music All Access", kommt aber mit frischen Funktionen wie persönlichen Empfehlungen und einem editierbaren Radio daher - leider erst einmal nur für die USA.
  • Hangout ist nun eine zusammenfassender Groupchat für Text und Video, der als eigenständige App zur Verfügung steht. Google bietet hiermit plötzlich klammheimlich eine Alternative zu WhatsApp an.
  • Im neuen Google Maps für das Web (derzeit Invite-only) wird es personalisierte Karten geben. Die Karten können sich den Bedürfnissen des Nutzers anpassen.

Nicht zu vergessen: die zahlreichen kleinen Verbesserungen. Sei es ein direkt integrierter Marktplatz für Übersetzungsservices und bessere Metriken für App-Entwickler, sei es der neue Video-Codec VP9, sei es ein beeindruckender neuer Code-Editor namens "Android Studio", seien es plattformübergreifende Game-Services für Google Play, iOS und das Web, sei es Re-Routing in der Navi-Funktion für Google Maps, sei es Geofencing für die Maps API, sei es die Möglichkeit, Freunden über Google Wallet und GMail Geld zu mailen (!).

Zu kritisieren wären einzig die übertrieben lange Show

Enttäuschend? Doch sicher nichts von alledem. Das Problem ist vielleicht ganz einfach, dass Google das ganze Jahr über nichts anderes tut, als seine Produkte zu verbessern und ständig neue Funktionen zu veröffentlichen. Da man auf der Google I/O diesmal nichts anderes getan hat, als bestehende Dinge zu verbessern, muss das diejenigen enttäuschen, die auf neue Produkte spekuliert hatten. Die hat Google, anders als in den vergangenen Jahren, in der Tat nicht gezeigt und damit wäre einzig und allein die Dramaturgie des heutigen Abends zu kritisieren. Eine schier endlose, dreistündige Vorführung mehr oder weniger großer Verbesserungen - das ist nichts, womit man ein erwartungsfreudiges Publikum von den Stühlen reißt.

Wer aber nun enttäuscht abwinkt, der sollte einen zweiten Blick auf die Verbesserungen werfen: hohe Standards wurden hier erneut verbessert. Und wie Larry Page es sagte: maximal 1 Prozent ist bisher erreicht. Da ist noch viel Luft nach oben und Google wird seine zahlreichen Produkte immer wieder mit neuen Verbesserungen versehen. Das fällt weniger auf, verdient aber ebensolche Anerkennung wie der pompösere Start eines neuen Produkts.

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