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30.06.14

Google Cardboard: Papp dir deine Oculus Rift

Google Cardboard fertig zusammengebaut.

So ist das eben manchmal: Da arbeitet Google an etlichen Fronten an Zukunftstechniken und das, was am meisten Presse bekommt ist ein Stück Pappe. Na, okay: Cardboard ist ein bisschen mehr. Es ist eine Art Billig-Version der Virtual-Reality-Brille Oculus Rift – und dabei erstaunlich gut.

Google Cardboard fertig zusammengebaut. Google Cardboard fertig zusammengebaut.

Wie zu erwarten, habe ich mir ja neulich ein bisschen Haue eingefangen, als ich wagte, Googles I/O-Keynote zu kritisieren. Wo wir doch alle wissen, dass die Rollen in der Tech-Berichterstattung klar vergeben sind: Google = toll, freundlich und innovativ, Apple = doof, zugeknöpft und auf dem absteigenden Ast. Aber auch nach einigen Tagen bleibe ich dabei: Was Google dort gezeigt hat, waren jede Menge alte Hüte, langweilig verpackt. Larry Pages Leute sollten wirklich einmal darüber nachdenken, diese Keynote auf ein Drittel der Zeit einzudampfen und dann zugleich sicherzustellen, dass die Demos tatsächlich funktionieren... Ach, Mensch, jetzt kriege ich schon wieder Haue von den Google-Fanboys. Ich Lästermaul. Wechseln wir doch schnell das Thema: Cardboard, das aus meiner Sicht Sinnvollste und Innovativste, was Google seit Langem vorgestellt hat. Und im Gegensatz zu vielen Luftschlössern wie selbstfahrenden Autos oder modularen Smartphones funktioniert es schon heute! Ach, jetzt lästere ich schon wieder über Google. Ich kann es wohl nicht lassen. Sorry, Fandroids...

Aber zurück zu Cardboard: Es ist eines jener Projekte, die einen an das frühe Google erinnern. Das Unternehmen war damals verspielt und experimentierfreudig, aber beispielsweise die Projekte in den inzwischen geschlossenen „Google Labs“ hatten in der Regel einen praktischen Nutzen. Um Menschen zu verblüffen und zu begeistern, muss man keine Milliarden investieren oder Hersteller schlauer Thermostate aufkaufen: Einfach mal wieder die Ingenieure rumspinnen lassen hilft schon.

Virtual Reality ist ja Dank Oculus Rift wieder im Kommen und diesmal könnte es auch tatsächlich gelingen. Facebook glaubt offensichtlich dran und schippte bergeweise Geld in die Oculus-Büros. Sony will ein entsprechendes Zubehör für die PlayStation herausbringen. Und Samsung macht es sicherlich wie immer und baut schnell nach, was die anderen machen – danach sieht es jedenfalls aus (sorry, Samsung-Fans, heute bekommen mehrere ihr Fett weg). Es gibt an sich nur einen Grund, Zweifel am aktuellen Virtual-Reality-Hype zu haben: Es gibt bislang kein Gerücht, dass Apple an einer eigenen Brille arbeitet. Na, die warten halt mal wieder ab, bis andere den Markt vorbereitet haben, um dann mit einem so schick designten wie überteuerten Gegenentwurf ihre Schäfchen in die Warteschlange vor dem Store zu treiben (ha, ich kann auch über Apple lästern, diese alte Hipster-Company!).

Inhalte des Cardboard-Bausatzes Inhalte des Cardboard-Bausatzes

Aber wollte ich nicht über Cardboard schreiben? Wollte ich. Also: Man nehme sein Android-Smartphone, lade die passende App herunter, bastele sich aus Pappe, Magneten, Klettverschlüssen und Plastiklinsen eine Arme-Leute-Oculus-Rift – voilà. Es gibt wohl bereits einige Demos auszuprobieren und glaubt man den ersten Berichten, funktioniert diese Billig-VR-Brille erstaunlich gut. Eine Erkenntnis: Aktuelle Smartphones bringen schon die Sensoren, Rechenleistung und zunehmend auch die Display-Auflösung für solcherlei Spielereien mit.

Ja, ganz neu ist die Idee natürlich nicht. So ehrlich müssen wir dann bleiben. So haben wir zum Beispiel über das Kickstarter-Projekt vrAse berichtet. Den Liefertermin Februar 2014 haben die Macher allerdings bereits längst gerissen und zum aktuellen Stand der Dinge ist vom Sommer die Rede.

Tech-Journalist Andy Lim hatte Googles Papp-Idee schon 2009 und zeigt im folgenden Video, wie man sich seine eigene VR-Brille bastelt:

www.youtube.com/watch

Also ist Googles Cardboard dann am Ende doch wieder ein alter Hut, aber wenigstens kann man sich dafür begeistern und das Timing ist gut – oder könnte gut sein, denn Google hat offenbar kein Interesse, die Bausätze in größerer Stückzahl herzustellen und zu vertreiben. Immerhin gibt es eine Anleitung dazu, um sich sein eigenes Google Cardboard zu bauen. Für Fragen und allgemeinen Austausch gibt es eine Google+ Community. Und andere ergreifen die Chance und so kann man sich einen Cardboard-Clone für 20 US-Dollar zum Beispiel hier bestellen.

Es würde mich nicht wundern, wenn aus diesem Spaßprojekt demnächst ein handfestes Produkt würde. Bedanken kann sich das Unternehmen bei seinen Mitarbeitern David Coz und Damien Henry, die das als ein 20-Prozent-Projekt auf die Beine gestellt haben. Denn diese Regelung gibt es glücklicherweise noch immer bei Google: Ingenieure haben die Möglichkeit, 20 Prozent ihrer Arbeitszeit auf eigene Ideen zu verwenden und bei Bedarf dafür selbst Teams zu bilden.

Und das ist genau das, was Google ursprünglich mal ausgemacht hat.

Quellen zu diesem Beitrag: Gizmodo, TechCrunch

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