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28.10.13

GameStick im Test: Was taugt die Android-Minikonsole für 100 Euro?

Eine schicke, unscheinbare Kiste. (Foto: Sven Wernicke)

Es hat den Anschein, dass bereits unzählige Hersteller versuchen, Android-basierte, stationäre Spielkonsolen auf den Markt zu werfen. Dabei ist mit der Ouya erst ein einziges solches Gerät erhältlich. Mit dem GameStick folgt am 29. Oktober ein Mitbewerber, der in unserem Praxistest schon einen guten Eindruck hinterlässt.

Eine schicke, unscheinbare Kiste. (Foto: Sven Wernicke)

Der eine oder andere mag sich noch erinnern: Im Fahrwasser des Hypes um die Ouya versuchte sich auch das Unternehmen PlayJam an einer Kickstarter-Kampagne. Anfang des Jahres wollte die kleine Firma via Crowdfunding 100.000 US-Dollar für die Realisierung des GameSticks einsammeln. Es wurden fast 650.000 US-Dollar. Jetzt, rund neun Monate später, wird die Spielkonsole für 99,99 Euro ab dem 29. Oktober 2013 verkauft. Inwieweit diese auch hierzulande angeboten wird, ist noch nicht 100-prozentig klar - Bestellungen aus Großbritannien oder USA sind jedoch kein Problem. PlayJam sei bemüht, das Gerät auch in hiesigen Gefilden an den Mann bzw. die Frau zu bringen.

Alles schön und gut, nur was wird überhaupt zu diesem Preis geboten?

Ausgepackt

Das muss man den Verantwortlichen lassen: Die Verpackung macht schon einiges her. Ein schickes Design, im Innern samtweiche Flächen und ein dezentes Dankeschön an die Kickstarter-Backer deuten an, dass Leidenschaft im GameStick steckt. Ebenfalls machen die sehr elastischen Kabel, die dem Gerät beiliegen, einen ungewohnt hochwertigen Eindruck. Gleiches gilt für den auf den ersten Blick sehr klobigen, fast nostalgisch anmutenden Controller und die eigentliche Spielkonsole. Die sieht so aus wie ein regulärer, etwas größerer USB-Stick. Nur wird der an einen freien HDMI-Port des HDTVs gesteckt.

Genau das ist die kleine, große Besonderheit des GameSticks: Das Herz der Konsole ist so klein, es kann sogar im Controller selbst verstaut werden - für den Transport zum Beispiel. PlayJam greift hier auf die Idee der HDMI-Sticks zurück, von denen es mittlerweile unzählige Versionen gibt. Letztlich ist das nichts anderes als reguläre Smartphone-Technik, die hier verbaut wird. Durch das angepasste Android-Betriebssystem und freilich das Gamepad soll aber eine Konsolenatmosphäre entstehen, ohne dass man sich mit Android-Versionen oder dem Anpassen von Apps herumärgern muss. Einen Touchscreen erhalten Käufer ebenfalls nicht, die Steuerung erfolgt ausschließlich mit dem Controller.

Es geht los!

Die Theorie erklärt auch der mehrsprachige Beipackzettel, dieser verrät ebenfalls die zu erledigenden Schritte. Die erste Überraschung ist sicherlich, dass der HDMI-Stick nicht den Strom über den HDMI-Port bezieht, sondern über ein separates USB-Netzteil, das am microUSB-Anschluss mit der „Konsole“ verbunden wird. Durch einen speziellen Y-Adapter darf man gleichzeitig den Controller anschließen und die integrierten Akkus aufladen, ohne dass eine zweite Steckdose nötig ist. Das ist zugegeben eine etwas ungewöhnliche Kabelei, jedoch kein großes Problem - auch nicht für Anfänger. Dass der Controller zu Beginn über ein USB-Kabel mit der Konsole gekoppelt werden muss, um ihm die schnurlose Bluetooth-Verbindung beizubringen, ist auch nicht tragisch. Gleiches gilt für das Einstellen der nötigen WLAN-Internetverbindung und das Erstellen eines Nutzeraccounts. Das erfolgt übrigens am Rechner oder Tablet im Browser. Dazu muss ein Code auf der Webseite des Herstellers angegeben werden. Dort definiert man ferner Filter der darzustellenden Inhalte unter Berücksichtigung der Altersfreigaben, erstellt einen individuellen Nutzeraccount und gibt die Kreditkartendaten an. Letzgenanntes ist zwar kein Zwang, aber nur so können Spiele aus dem digitalen Store des GameSticks gekauft werden. Die Alternative sind Voucher-Codes, die zwar unterstützt werden, aber derzeit noch nicht anderweitig verkauft werden.

Man findest sich schnell zurecht. (Foto: Sven Wernicke)

Endlich spielen!

Vermutlich dürfte das Lesen bis an diese Stelle genauso lang wie die Installation des GameSticks gedauert haben. Insgesamt geht das alles recht flott und ist gar nicht mal so technisiert oder anstrengend wie ursprünglich bei der Ouya. PlayJam richtet sich offensichtlich an eine weniger versierte Zielgruppe, an Familien und Gelegenheitsspieler. Das bemerkt man auch beim Spieleangebot. Derzeit, also kurz vor dem offiziellen Verkaufsstart, findet man in dem übersichtlich gestalteten und intuitiv bedienbaren Shop etwas über zehn Spiele, die darauf warten, erst einmal gekauft zu werden. Ernüchternd: Nur ein einziger Shooter (Shadowgun) ist gratis verfügbar, alle anderen Titel sollen erworben werden. Demos, F2P-Spiele und dergleichen sucht man vergebens. Das ist dahingehend suboptimal, weil gleich nach dem Kauf der Konsole sofort zur Kasse gebeten wird. In Anbetracht der Tatsache, dass die Games preislich zwischen 2 und 5 Euro liegen, sollte das aber hinnehmbar sein.

Was nach meinen Tests einiger Spiele auffiel: PlayJam hat darauf geachtet, dass die Apps optimal auf den GameStick mit seinem Controller zugeschnitten sind. Das Spielen fühlt sich in der Tat wie auf einer richtigen Konsole an - und nicht so, als hätte man sich hier mit einem Smartphone und einem Controller selbst etwas zusammengeschustert oder eine lieblose Konvertierung vor sich. Das Konzept der Briten gefällt: simpler Einstieg, simple Navigation, simple Steuerung der favorisierten Spiele. Man sollte sich jedoch bewusst sein, dass fast alle der bisher angebotenen Titel längst für iOS und Android erhältlich sind, teils auch für weniger Geld. Da der GameStick quasi ein autonomes System ist, kann man nicht auf sein eigenes Google-Konto und somit auf die bereits gekauften Android-Apps zugreifen, um diese an der Konsole zu verwenden. Trotz Android-Basis gibt es hier keine für Nutzer relevanten Gemeinsamkeiten mehr. Das war bei der Ouya auch schon so.

Kritik

Das Hauptproblem des GameSticks sollte man wirklich nicht bei den kleinen Fehlern sehen. Ja, das eine oder andere Menü wurde noch nicht ins Deutsche übersetzt und beim Aufrufen der Optionen verstellte sich kurioserweise ein Mal die Bildauflösung (maximal 1.080p, wird automatisch eingestellt). Doch das sind Bugs, die vielleicht in Form eines Firmware-Updates schon zum Release behoben werden. Weniger erfreulich ist vermutlich die verbaute Hardware. Bei besagtem Shadowgun kommt der Cortex-A9-Singlecore-Prozessor mit seiner MALI-400-GPU ins Schwitzen, für visuell aufwendige Spiele ist der GameStick nicht ausgelegt. Die würden auf den 8 GB Flash-Speicher wohl eh zu viel Platz verbrauchen. Immerhin verfügt das Gerät über Bluetooth 4.0, einen microSD-Speicherkartenslot (maximal 32 GB) und Wi-Fi 802.11 b/g/n - das Übliche eben. Man muss sich also bewusst darüber sein, dass die Spielkonsole in erster Linie für einfachere, kleinere Spiele gedacht ist, auch wenn die Technik bei einigen Apps durchaus zeigt, was mit diesen betagten Komponenten möglich ist - siehe Getaway oder Riptide GP mit ihren hübschen, detailreichen (3D-) Grafiken. Das ist jedoch alles kein Vergleich zu aktuellen Konsolen-Blockbustern oder gar visuellen Perlen, die beispielsweise für Quadcore-Tablets ausgelegt sind.

Spätestens hier wird ersichtlich, dass der GameStick gar nicht mit den großen Konkurrenten mithalten kann und dies nicht das Ziel der Erfinder war. Für Wenigspieler, die gelegentlich puzzlen, hüpfen und Action erleben wollen, ist der GameStick gedacht. Und die freuen sich vielleicht auch über den sehr robusten Controller. Ja, der ist trotz  Klavierlack-Fassade nicht hübsch, aber er fühlt sich wertig an, besitzt ausreichend Buttons (zwei Analogsticks, Schultertasten, Steuerkreuz, Funktionstasten, A, B, X, Y) und eignet sich aufgrund des „richtigen“ Gewichts ebenfalls für Kinder. Wenn die den mal auf den Boden fliegen lassen, ist das nicht gleich eine Katastrophe.

Nicht ganz auf der Höhe der Zeit. (Foto: gamestick.tv)

Ebenfalls der Hardware geschuldet sind weitere Schwierigkeiten: Das Beenden eines Spiels durch das Drücken eines großen Play-Buttons auf dem Gamepad dauert verhältnismäßig lange. Auch die einmalige Installation der Spiele wird zur Geduldsprobe. Das Aufspielen von Shadowgun nervte zwei Minuten lang. Und wieso es Ewigkeiten dauert, bis man sich Vorschauvideos zu kaufbaren Spielen anschauen darf, ist ein Rätsel. Schön dagegen sind die kostenlosen, verfügbaren Mediaplayer. Der eine stammt von PlayJam und ist in erster Linie für Videos und Fotos gedacht, die man von einer separaten microSD-Speicherkarte angucken will. Der andere sogenannte ToFu-Player ist eine Umsetzung des beliebten XBMC, das zahlreiche legale Streaming-Dienste für TV-Sendungen, Podcasts und Fotos mitbringt. Möchte man gerade mal nichts spielen, kann man sich hier ohne weiteres die Zeit vertreiben. Eine gute Sache, zumal diese App gut und schnell funktioniert.

Ob der GameStick später „gerootet“ werden kann ist bislang unklar und erscheint unwahrscheinlich. In jedem Fall sind derzeit auch keine Emulatoren oder dergleichen vorgesehen, PlayJam ist es wichtig, selbst die Kontrolle zu behalten und damit die Qualität sicherzustellen. Für meinen Eindruck sind die GameStick-Spiele viel besser optimiert als die unzähligen Ouya-Titel. Klasse statt Masse eben. Ich hoffe sehr, dass ich mich nicht täusche und die Verantwortlichen konsequent auf die Qualität achten.

Fazit: Mindestens im Auge behalten!

Veraltete Technik, ein aktuell geringes Spieleangebot, ein klobiger Controller - und trotzdem gefällt mir der GameStick. Mich hat nicht nur die attraktive Packung geblendet, sondern auch das Konzept der Mini-Konsole. Statt mit „alles kostenlos“ wie bei der Ouya zu werben, macht PlayJam kein Geheimnis daraus, dass Spiele gekauft werden sollen. Sicher, einige Demos oder kostenlose Games wären praktisch für Einsteiger, aber das wird schon noch kommen, schätze ich. Überhaupt bin ich positiv überrascht und glaube daran, dass der GameStick eine Chance hat, eine gewisse Menge an Käufern zu erreichen. Das unkomplizierte System, das familienfreundliche Konzept und das Achten auf eine gewisse Qualität bzw. Verarbeitung der Komponenten zeigt, dass sich die Verantwortlichen viele Gedanken gemacht haben.

Vielleicht ist es aktuell noch etwas zu früh, sofort zum GameStick zu greifen. Viel Mehrwert bietet die Konsole noch nicht. Aber sobald es mehr Spiele gibt und ein paar marginale Kinderkrankheiten behoben wurden, kann man die Spielemaschine empfehlen. Zum Beispiel Familien oder eben Leuten, die ab und an mal ein Spielchen wagen wollen und eine Steuerung am Touchscreen nicht mögen. Ob dann der Preis für das Gebotene bzw. die angestaubte Technik angemessen ist? Das muss am Schluss jeder für sich selbst entscheiden. Ich persönlich tendiere zu einem "Ja". Alles in allem überzeugt mich der GameStick deutlich mehr als die Ouya, die im Nachhinein kaum mehr ist als eine lieblos dahingeklatschte Konsole mit einem miserablen Interface, einem furchtbaren Controller und fehlender Kontrolle über das Software-Angebot ist...

Der GameStick ist ab dem 29. Oktober 2013 u.a. über gamestick.tv erhältlich. Zubehör wie weitere Controller (maximal vier für Mehrspieler-Games) kosten knapp 40 Euro, eine Dockingsstation mit Ethernet-Port und zwei USB-Anschlüssen rund 50 Euro.

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