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18.01.13

Gadget-Klassiker: Warum der Internet-Kühlschrank auf ewig kurz vor dem Durchbruch steht

Kühlschrank mit Apps und Internetzugang von Samsung

Ein neues Gadget namens Samsung T9000 kommt mit einem 10-Zoll-Display, Wi-Fi sowie Evernote vorinstalliert. Was mag es wohl sein? Ein neues Tablet? Das ab sofort größte Smartphone der Welt? Nein, nein: ein Kühlschrank. Der Samsung T9000 ist das neueste Beispiel in einer langen Reihe von Versuchen, den "Internet-Kühlschrank" unters Volk zu bringen.

"Telephonierende Kühltruhen, sprechende Kühlschränke und Heizungen mit Anschluß zum Internet - schon bald sollen Computer auch im Haushalt das Kommando übernehmen. Erste Produkte sind bereits auf der diesjährigen Elektronikschau Cebit zu sehen." Das schreibt die Wochenzeitung "Die Zeit" und zunächst fällt einem daran nicht unbedingt etwas auf – bis man auf das Datum des fraglichen Artikels schaut: 19. März 1998. 15 Jahre sind inzwischen vergangenen und die Relativität des Begriffs "bald" wird plötzlich sehr offensichtlich.

Ja, es stimmt: Wir haben nun inzwischen zahlreiche Gadgets aus diesem Bereich, wie den Thermostat Nest und viele andere Projekte rund ums "Internet der Dinge". Und man kann sich auf jeden Fall darauf einigen: "Bald" ist das für uns Alltag. Und wahrscheinlich wird dieses "bald" nicht noch einmal 15 Jahre dauern. Falls doch, werde ich mit einem gewissen Grinsen im Gesicht 2028 auf diesen Post hier verweisen...

Keine Killer-Applikation in Sicht

Ein Evergreen unter diesen Geräten, die schon seit etlichen Jahren kurz vor dem Durchbruch stehen, ist der Internet-Kühlschrank. Dabei klingt die Idee doch wirklich gar nicht so schlecht. Man lese nur diese Meldung der Computerwoche von 1998. Demnach sorgt ein "Künstliche Intelligenz Kühlschrank" künftig dafür, dass die Zeiten verschimmelter Lebensmittel vorbei sind, denn er erkennt die Haltbarkeitsdaten. Und im Zweifel bestellt er sogar direkt im Internet nach. Wann es soweit sein wird? Natürlich: bald.

Zwei Jahre später gab es gar einen Feldversuch in Dänemärk mit 50 Haushalten, die einen "voll funktionsfähigen Internet-Kühlschrank" bekamen. "Über den Touchscreen steuert der Besitzer nahezu alle Geräte im Haus, bis zum Türöffner oder dem Rollladen." schreibt Chip. Und das Beste: "Natürlich kann man mit dem Kühlschrank auch einfach nur Fernsehen." Was sollte man auch sonst mit einem Kühlschrank machen wollen? Lebensmittel kühlen vielleicht? Also bitte...

Letztes Beispiel, weitere zwei Jahre später: der "Multimedia-Kühlschrank" von LG. "Beim Frühstück schon E-Mails lesen, während des Mittagessens fernsehen und das Abendbrot per Webcam ins Internet stellen", das sind laut Meldung von heise.de einige der atemberaubenden Anwendungsfelder. Wer wollte nicht schon immer beim Frühstücken vor dem Kühlschrank stehen, um auf dessen Display E-Mails zu lesen? Unerklärlich, dass dieses Gerät kein Hit wurde, dabei kostete es doch sage und schreibe nur 8.000 US-Dollar. (Man denke sich an dieser Stelle bitte selbsttätig die Ironie-Tags hinzu.) Der Feldversuch in Dänemark scheint derweil wenig ermutigend verlaufen zu sein, wie wir aus derselben Meldung erfahren. Ein Sprecher des Herstellers Electrolux wird von heise mit den Worten zitiert: "Die Killer-Applikation haben wir bisher noch nicht entdeckt, für die ein Kunde bereit wäre, deutlich mehr Geld auszugeben als für einen gewöhnlichen Kühlschrank."

Tablets geben dem Internet-Kühlschrank den Todesstoß

Und irgendwie habe ich persönlich das Gefühl, dass sich das auch elf Jahre später noch nicht geändert hat. Man schaue sich dazu beispielhaft den gerade auf der Technikmesse CES vorgestellten T9000 von Samsung an. In seiner Tür ist ein 10-Zoll-Display eingebaut, per W-Fi verbindet er sich mit dem Internet. Als Betriebssystem kommt Android zum Einsatz, eigene Apps kann man aber nicht installieren. Einige Programme wie beispielsweise Evernote (Notizen, Fotos etc.), Epicurious (Rezepte), AP (Nachrichten) sowie eine App für die Wettervorhersage sind vorinstalliert. Einen Twitter-Client gibt es auch, aber der kann nur lesen, nicht posten.

Internet-Kühlschränke wie dieser haben inzwischen ein großes Problem: Tablets. Zum Zeitpunkt der obigen Berichte waren Computer in den Haushalten in der Regel Desktop-Kästen, die unter dem Schreibtisch standen. Heute aber kann man mit einem Tablet oder auch einem Smartphone tatsächlich problemlos beim Frühstücken E-Mails lesen, wenn es denn unbedingt sein muss. Oder man nutzt ein Tablet in der Küche als multimediales Kochbuch – entsprechende Halterungen und Schutzhüllen sind problemlos zu bekommen. Einschränkungen in der Funktionalität wie beim Samsung T9000 gibt es dann ebenfalls keine.

So bleibt als einzige sinnvolle Anwendung eines computerisierten Kühlschranks tatsächlich, dass er erkennt, wenn Lebensmittel abzulaufen drohen. Nur dazu bräuchte es entsprechende Etiketten, denn wohl niemand wird das wirklich per Hand eingeben wollen. Und wenn doch, bräuchte er dazu keinen "intelligenten" Kühlschrank.

Insofern scheint mir eines sicher: Internet-Kühlschränke stehen auch in den nächsten Jahren weiterhin "kurz vor dem Durchbruch" – bis auch der letzte Hersteller es aufgegeben hat.

P.S.: Warum es vielleicht sogar ganz gut ist, wenn der Kühlschrank nicht smarter als der Besitzer ist, wird in diesem Comic von Joy of Tech sehr schön gezeigt.

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