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11.11.13

Firefox OS im Test: Jahre hinter Android zurück und stolz darauf

Rötlich leuchtet der Fuchs: Firefox OS auf dem Alcatel One Touch Fire.

Für wen ist dieses Firefox OS eigentlich? Trotz einiger guter Ansätze kann es in puncto Leistungsumfang und Komfort nicht annähernd mit Android mithalten. Ist das der Preis, den wir für Freiheit zahlen müssen? Wir haben den Test gemacht.

Rötlich leuchtet der Fuchs: Firefox OS auf dem Alcatel One Touch Fire.

Neugierig war ich schon, auch wenn ich im Prinzip wusste, worauf ich mich da einlasse. Als der Mobilfunkprovider Congstar das erste kommerzielle Firefox-Handy in sein Programm aufnahm, zögerte ich nicht lange. 90 Euro kostet das Einstiegsgerät Alcatel OneTouch Fire. Meine Neugierde schlug den Geiz: Ich wollte das einfach einmal ausprobieren.

Das OneTouch Fire ist ein Einstiegsgerät, das stark an Nokias Asha-Serie erinnert. Nichts an den technischen Eigenschaften kann mit modernen Smartphones mithalten. Aber uns geht es ja auch eher um das System: Wie schlägt sich Firefox OS im Vergleich zu Android und Co.?

Einfache Bedienung

Fangen wir vielleicht einmal mit dem Positiven an: Ich hatte schon lange kein Smartphone mehr in der Hand, dessen Akku mehrere Tage durchhält. Hier ist die Kombination aus Hardware und OS eher genügsam, was die Stromzufuhr angeht. Das System selbst ist leicht zu bedienen und erinnert an frühere Android- und iOS-Versionen: Es gibt mehrere Startbildschirme mit jeweils Platz für 16 Apps, meist runde Icons, und eine Schnellstartleiste. Physische Tasten, mit denen man das System steuert, sind die Home-Taste und der Ein-Aus-Schalter oben. Eine Zurück-Taste gibt es nicht. Das Einstellungsmenü ist ähnlich aufgeräumt und selbsterklärend wie bei Windows Phone.

Gute Spiele, Kunstfilter, leichtes Setup

Kunstfilter in der Galerie-App

Bleiben wir bei den Vorteilen: Die Systemschrift, die man etwa in den Einstellungen findet, ist schön augenfreundlich. Die gesamte Typografie wirkt aufeinander abgestimmt. Im Marktplatz sind die meisten Apps kostenlos, die sich ohne Anmeldungen mit einem Klick installieren lassen. Die Apps basieren auf HTML5 und sind in der Regel nicht groß. Und die Technik erlaubt recht ordentliche Spiele. In der Galerie findet man - etwas versteckt - Instagram-artige Fotofilter. Praktisch auch: Kontakte lassen sich aus anderen Quellen wie Google oder Facebook importieren. Das Setup ist schnell beendet.

Apps lassen sich auch zehnmal installieren

Schnell allerdings stößt man auf die unübersehbaren Nachteile. So erkennt der Marktplatz etwa nicht, welche Apps schon installiert sind und welche nicht. Hat man das vergessen, kann es passieren, dass man eine App ein zweites Mal herunterlädt und installiert. Das kann für einige Nutzer gar ein Vorteil sein: Wenn man etwa zwei Twitter-Accounts verwalten will, installiert man sich die App einfach zweimal. Darunter leidet allerdings auch die Übersicht. App-Updates haben sich übrigens während meiner Nutzung nicht angekündigt, das ist auch nicht nötig: Web-Apps werden stets neu geladen und mitgelieferte Apps wie die Telefon- oder Taschenrechner-Funktion erhalten Updates zusammen mit Systemaktualisierungen.

Zurück-Taste verzweifelt gesucht

Was man als Nutzer anderer Systeme schnell vermisst: Copy & Paste. Dafür verfügt die virtuelle Tastatur über eine erstaunlich gute Auto-Eingabe: Mögliche Wörter werden gleich bei der Eingabe vorgeschlagen. Das Navigieren fällt einem Nutzer anderer Systeme dafür schwer: Es gibt keine physische Zurück-Taste. Man hat entweder die Möglichkeit, mit der Home-Taste zurück ins Menü zu springen oder innerhalb der App auf eine Zurück-Schaltfläche zu tippen, die sich unpraktischerweise am oberen Bildschirmrand befindet und dazu oft noch sehr schmal ist. Diese Anordnung erschwert das Navigieren - auch im Vergleich zu anderen Systemen ohne physische Zurück-Taste wie iOS und Blackberry 10.

Vergebene Chancen

Beim Entsperren des Geräts wird ein wenig Potenzial verschenkt, indem man den Bildschirm nach oben schiebt und den Homescreen dann erst mit Druck auf die Kamera- oder die Schloss-Taste öffnet. Ein unnötiger Schritt zu viel.

Seltsam mutet auch das Benachrichtigungs-Fenster an: Hier zeigte mir das System nur aufgenommene Bilder, Screenshots oder die Meldung an, dass keine Systemupdates vorlägen. Neu eintreffende E-Mails oder Statusupdates tauchen hier nicht auf, und ich habe auch keine Möglichkeit, die Benachrichtigungen in den Einstellungen für diese Apps zu aktivieren. Schön immerhin, dass Firefox OS wie Android und iOS eine solche Benachrichtigungs-Lade hat. Mit kommenden Updates werden die Funktionen hier sicher noch erweitert.

Ordentliche Mail- und Kalender-Apps

Bei den mitgelieferten Apps wechseln - im wahrsten Sinne des Wortes - Licht und Schatten. Die Taschenrechner-App hat ein derart düsteres Layout bekommen, dass man die Tasten kaum trifft. Telefon- und Mail-App hingegen machten mir ebenso Spaß wie die Kalender-App, in die man auch Google-, Yahoo- oder CalDav-Kalender importieren kann. Die integrierte Foto-App allerdings lässt jegliche Einstellungen vermissen. Belichtung, Bildqualität, Weißabgleich etc. können allesamt nicht eingestellt werden. Friss oder stirb. Man hat dafür nach der Aufnahme die Möglichkeit, das Bild in der Galerie-App nachträglich aufzuhellen, zuzuschneiden oder mit einem Kunstfilter zu versehen.

Apps: Maue Auswahl und kaum Komfort

Marketplace

Es gibt Apps wie Twitter und Facebook, bei denen es sich um reine Web-Apps handelt. Das System speichert die Login-Daten und den letzten Speicherpunkt und lädt ansonsten alles neu. Vom Komfort der Apps für iOS oder Android ist hier nichts zu spüren. Im Marketplace selbst finden sich außer bekannten Apps wie YouTube, AccuWeather, Nokia Here, Cut the Rope oder Box immerhin einige bekannte Apps. Schmerzlich vermisst man dafür etwa WhatsApp oder das Spiel Angry Birds, das doch sonst eigentlich für jedes System diesseits der Antarktis verfügbar ist.

Immerhin 256 MB Arbeitsspeicher hat das OneTouch Fire. Insofern wundert es mich, dass das Multitasking in seiner Vorschau immer nur meine zuletzt geöffnete App anzeigt. Auch hier allerdings: Im Prinzip schön, dass Firefox diese Funktion wie alle großen Vorbilder Android, Windows Phone, Blackberry und iOS 7 überhaupt mitbringt.

Starke Suche

Adaptive Search: Tolle Suchergebnisse - oft zu Lasten der Übersicht.

Und die mit vielen Vorschusslorbeeren ausgestattete Suche? Adaptive Search ist im Prinzip wirklich ein Highlight, das sich andere Systeme abschauen sollten: Gesucht wird quer durch Websites und Apps, die man sich danach direkt installieren kann. Das Hintergrundbild passt sich schon während der Suche dem Suchbegriff an, fördert die Übersichtlichkeit aber nicht unbedingt, nervt sogar eher. Sucht man etwa nach Evernote, erscheint das Elefanten-Logo des Dienstes im Hintergrund, oder der Eiffelturm, der gesuchte Sportwagen. Hier stören dann allerdings wieder die App-Logos im Vordergrund.

Das One Touch Fire in der Praxis: zu klein

In der Praxis präsentierte sich das 3,5-Zoll-Display des OneTouch Fire als viel zu klein und zu träge. Oft öffnet man Apps aus Versehen, während man nur zwischen Bildschirmen hin- und herwechseln wollte. Auf der eingeblendeten Tastatur vertippt man sich eigentlich immer. Die Buchstaben kleben zu sehr aneinander. Manchmal benötigt das System mehrere Sekunden, um selbst kleinere Apps zu laden. Der Komfort des Geräts ist also begrenzt. Interessant wäre es, das System einmal auf einem schnelleren, größeren Gerät mit LTE-Verbindung auszuprobieren. Hier würde man vermutlich einen ganz anderen Eindruck von Firefox OS bekommen.

Zusammenfassung

Apps, die praktisch keinen Komfort bieten, wenig Auswahl, keine Widgets, kein Copy & Paste. Dafür aber wenigstens im Prinzip schon so wichtige Elemente wie ein Benachrichtigungs-Fenster. Eine clevere Suche, eine teils sehr hübsche Typografie und eine Bedienung, die recht idiotensicher wäre, gäbe es da nicht die fummeligen Zurück- und Beenden-Tasten. Spaß ist etwas anderes. Zu diesem Zeitpunkt liegt Firefox OS hunderte Kilometer hinter den neuesten Android-Versionen zurück.

Allerdings zeigt Firefox OS jetzt in Ansätzen schon das, was andere Systeme auch können. Ein paar Updates noch und zumindest die Grundfunktionen würden denen anderer Systeme nicht mehr hinterherlaufen. Eine gute Hardware im Hintergrund könnte den Spaßfaktor noch erhöhen. Es dürfte allerdings Jahre dauern, bis die HTML5-basierten Apps reihenweise so aufgehübscht werden, dass sie mit nativen iOS-Apps mithalten können. Vielleicht wird das nie passieren.

Sinnfrage

Die Frage ist nun: Warum sollte man? Warum sollte man auf ein System umsteigen, mit dem man sich selbst um Jahre zurück versetzt, weniger Komfort erlebt und nicht einmal viel Geld spart? 90 Euro kostet das Alcatel OneTouch Fire bei Congstar. Das beste Einstiegs-Windows Phone Lumia 520 ist online schon für 50 Euro mehr zu bekommen, ebenso wie LGs Unterer-Mittelklasse-Androide Optimus L5 II. Das Einsteigermodell LG Optimus L3 II ist technisch vergleichbar mit dem Alcatel OneTouch Fire, ähnlich teuer, aber immerhin mit Android 4.1 bestückt. Oder um bei Alcatel zu bleiben: Das vergleichbar ausgestattete One Touch M Pop mit Android 4.1 ist im Netz ab gut 100 Euro zu haben. Preislich sticht das Alcatel OneTouch Fire also nicht sonderlich hervor.

Interessant für Schwellenländer wären vielleicht die lange Akkulaufzeit und der geringe Datenverbrauch. Diese beiden Punkte sind von anderen Systemen mit Ausnahme von Nokias Asha-Serie noch nicht zufriedenstellend gelöst worden.

Google-frei

Die Hauptgründe für Firefox OS in reichen Ländern könnten lauten: offen, halbwegs anonym, Google-frei. Letzteres ist durchaus nicht zu verachten, zumal Google Android immer mehr unter seine Kontrolle bringt. Firefox OS hat außerdem das Potenzial, dass daraus technisch ohne viel Zusatzaufwand noch etwas Höherwertiges werden kann, wenn man erstmal ein paar Updates weiter ist. Die Basis stimmt schon jetzt.

App-Bildschirm

Da man nicht an einen App-Store oder native Apps gebunden ist, hat Firefox OS sogar die Möglichkeit, zur dauerhaften Nummer 4 oder 5 auf dem Markt zu werden, je nachdem, wie lange Blackberry noch durchhält.

Fazit: Abwarten!

Bislang ist Firefox OS noch nichts, was mit anderen Systemen mithalten könnte. Das Fundament stimmt. Einige Updates wird man aber schon noch abwarten müssen, um die Suche, die Benachrichtigungen und auch die Stabilität der Apps auf dem Stand heutiger Systeme vorzufinden. Und dann greife man am besten zu einer stärkeren Hardware als der des schwachbrüstigen One Touch Fire. Firefox OS richtet sich an Schwellenmärkte; in Industrienationen spricht allerdings nichts dagegen, das System auf halbwegs konkurrenzfähige Smartphones zu flashen.

Wer den Komfort von Android will und trotzdem lieber auf Googles Dienste verzichtet, der ist mit einem Custom-ROM wie Cyanogen Mod in meinen Augen immer noch besser bedient als mit Firefox OS. Das System ist noch nicht so weit. Je mehr Datenschutzskandale aber offenbar werden, desto attraktiver wird die kleine Alternative.

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