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18.10.13

Fehlende Nachhaltigkeit: Unser Konsum auf dem Rücken der anderen

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Bei allen neuen Gadgets und Geräten, die uns tagtäglich vorgestellt werden, wissen wir insgeheim im Hinterkopf, dass diese unter teils unerträglichen Bedingungen hergestellt werden. Wir kaufen sie trotzdem und unterstützen dadurch dieses Konzept. Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit darüber nachzudenken.

60 Kilo Kupfererz trägt dieser Mann auf seinen Schultern

Wenn wir ein Elektronikprodukt kaufen - nehmen wir hier als Beispiel einmal das Smartphone, da es sich bei uns zu einem Alltagsgegenstand entwickelt hat - dann muss dieses ja irgendwo herkommen. So genau machen wir uns da meist keine Gedanken. Wir kaufen es und freuen uns, wenn es hochwertig verarbeitet wurde und es unsere Erwartungen erfüllt. Nach durchschnittlich nur 18 Monaten ersetzen wir es mit einem neuen Gerät.

Für unsere Smartphones arbeiten allerdings Menschen unter unmenschlichen Bedingungen. In Minen in Afrika werden Rohstoffe abgebaut, mit denen zum Teil Bürgerkriege finanziert werden und beim Zusammenbau treiben die Bedingungen so manchen Arbeiter in den Selbstmord und die mental stärkeren in lange und schlechte bezahlte Arbeitstage ohne Sozialversicherung. Am Ende kommt dabei ein Smartphone heraus, das wir als Luxusgut in unserem Alltag einsetzen.

Nun wäre es einfach, dem Kunden die Schuld zu geben. Zu sagen, er solle dann eben auf ein Smartphone verzichten, wenn er mit den Produktionsbedingungen nicht einverstanden ist. Die wenigsten Menschen werden aber wirklich verzichten wollen und so übt die Gruppe derer, die verzichten, keinen wirklichen Druck auf die Hersteller aus. Wer aus Protest nicht wählt, überlässt die Wahl nur denen, für die Arbeitsbedingungen und Umwelt keine Rolle spielen.

Alternativen setzen Hersteller unter Druck

Es braucht Alternativen, die Kunden in Betracht ziehen können und mit denen sie auf die restlichen Hersteller Druck ausüben können, um ihre Produktionszweige noch einmal zu überdenken. Aber diese Alternativen sind rar gesät. Es gibt das Fairphone. Hier hat man sich die Mühe gegeben, bei jedem Produktionsschritt eine faire Methode für alle Beteiligten zu finden. Dass das nicht immer einfach war, konnte man während des Finanzierungsprozesses bei Kickstarter miterleben und mitlesen. Vor allem die faire Beschaffung der Rohmaterialien in Afrika erwies sich als schwierig. Dennoch ist es geglückt und überraschenderweise ist das Fairphone nicht teurer als die gleichwertige Konkurrenz.

Auf der einen Seite ist es gut, dass es das Fairphone gibt. Auf der anderen Seite ist es traurig, dass es etwas wie das Fairphone geben muss und dass es nicht der normale Anspruch eines jeden Herstellers ist, ein Produkt zu schaffen, das unter menschlicheren Bedingungen gebaut wird.

Nur die Hersteller haben es in der Hand und sind nicht kooperativ

Ich gebe die Schuld dabei nicht den Kunden. Zwar gibt es Möglichkeiten sich zu informieren, jedoch tun Hersteller alles, um ihre Produkte als Lifestyle zu verkaufen. Werbung ist darauf ausgelegt, dass die Produkte möglichst perfekt, freundlich und hochwertig erscheinen. Verkaufsräume, fast wie sakrale Gebäude aufgebaut, beeinflussen die Wahrnehmung des Kunden zusätzlich. In Werbespots sehen wir glückliche Familien, lachende Kinder. Das sind einfache Marketing-Tricks und sie funktionieren. Man zieht die Kunden in seinen Bann, verkauft ihnen ein Stück Lebensqualität, das sie vermutlich nie freiwillig in Frage stellen würden, weil sie sich darüber identifizieren.

Was kann man tun? Mit Nachhaltigkeit und menschlichen Arbeitsbedingungen verkauft man in Deutschland keine Produkte. Diese Begriffe werden von der Öffentlichkeit all zu oft als "Gutmenschentum" abgetan. Wenn man Menschen etwas verkaufen möchte, dann muss man sie von dem Produkt überzeugen. Es muss besser sein als der Rest. Die faire Herstellung ist dann nur noch der letzte Kniff, der die Kaufentscheidung beeinflusst. Genau hier sehe ich aber ein Problem: Die großen Firmen haben einfach zu viel Geld im Rücken und können so mehr Smartphones auf den Markt bringen und ihn sättigen. Firmen mit kleinem Budget oder gar Crowdfunding-Projekte kommen niemals auf solche Stückzahlen wie die großen Hersteller.

Große Hersteller wiederum können gar nicht so einfach ein eigenes Fairphone herausbringen. Das wäre schließlich aus Marketingsicht ein Desaster: Wenn man die Vorteile eines fair produzierten Modells hervorhebt, müsste man sich gleichzeitig eingestehen, dass man diese Vorteile bei allen anderen Produkten nicht hat. Und über solche Dinge redet man am liebsten gar nicht erst.

Nachhaltigkeit funktioniert nur, wenn sie sich rechnet

Wir müssen wohl abwarten, bis Nachhaltigkeit (ich weiß, ein inflationär genutztes Wort, aber hier passt es besser als alle anderen) zum Trend wird und Firmen es als Marketingstrategie erkennen. Und dann müssen wir hoffen, dass sie dieses Konzept nicht nur oberflächlich verfolgen.

So müssen wir damit leben, dass unser Luxus auf dem Rücken anderer Menschen finanziert wird. Wenn Alternativen kommen, sollten wir zuschlagen, um ein Zeichen zu setzen. Der wirkliche Ruck kann aber nur von den Herstellern kommen und solang sie keine finanziellen Vorteile sehen, wird dieser Ruck ausbleiben. Das ist die traurige Wahrheit unserer Smartphones und unserer Elektronikartikel. Ich würde gerne eine Lösung vorschlagen, aber ich wüsste keine, die nicht mit mindestens zehn "aber" auszuhebeln wäre. Und auch ich weiß, dass meine Gadgets alles andere als fair hergestellt wurden. Ich denke nicht immer darüber nach, manchmal kommt mir der Gedanke aber schon und es macht mich traurig, dass zu vielem die Alternative nur der Nichtkonsum ist.

Die Fotos im Artikel stammen von der Firma Fairphone und wurden während eines Kongo-Besuchs aufgenommen. Sie stehen unter der Creative Commons Lizenz: Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-NC-SA 2.0) 

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