24.09.07

Digitalradio DAB - Der iPod der Rundfunktechnik

DAB-Rockantenne-Headset-Frank-Staengle-Armand-Presser-wdroth

Fünfkanal-Surround-Sound in Dolby Digital, Standbilder oder gar Handy-TV wären mit dem DAB-Digitalradio-Standard möglich. Die Zukunftstechnik aus der Vergangenheit hat einiges zu bieten.

Teil I: Wer dem Zukunftsradio auf der Leitung stand

DAB-Rockantenne-Headset-Frank-Staengle-Armand-Presser-wdroth

Seit 12 Jahren digital "hart auf Sendung": Die Rockantenne aus Bayern, hier mit Armand Presser und Frank Stängle in "Headset" (Bild: W.D.Roth)

Momentan gibt es in jedem deutschen Bundesland ein landesweites DAB-Programmpaketmit sieben bis acht Programmen, zum größeren Teil öffentlich-rechtlich. Hinzu kommen einzelne Stadtpakete. In der Schweiz bringt ein Programmpaket der SRG alle öffentlich-rechtlichen Programme. Kommerzielle Sender sind in der Schweiz nicht auf DAB vertreten. In Österreich gibt es bislang nur ein Pilotprojekt im Raum Wien und Tirol.

Aber die Technik bietet einen Haufen weiterer Möglichkeiten und Anwendungen - jetzt, wo die politischen Probleme teilweise überwunden scheinen.

Über ein Jahrzehnt wurden der digitalen Radiotechnik von verschiedenen Seiten Steine in den Weg gelegt. Abhilfe brachte erst die Weltwellenkonferenz RRC 2006, die auf allen bisherigen Band-III-Fernsehkanälen neben DVB-T, dem digitalen Fernsehen über Antenne, auch DAB zuließ.

Hinzu kam eine bislang kaum bekannte Entscheidung der ARD

Die ist mit ihren DVB-T-Frequenzen auf VHF (Band III) nämlich mittlerweile gegenüber den anderen Stationen mit Sendefrequenzen auf UHF (Band IV und V) im Nachteil: Nur für das "Erste" will niemand mehr eine zusätzliche Antenne anschaffen, wenn es mit dem digitalen TV-Empfang nicht klappen will.

Im Tausch für UHF-Frequenzen würde die ARD deshalb "ihre" VHF-TV-Frequenzen für DAB freigeben, das damit auf einen Schlag sieben ehemalige TV-Kanäle zur Verfügung hätte statt bislang nur einen, und damit auch die Militärprobleme los wäre: Nun 10 kW Sendeleistung reichen im Band III völlig aus, um mit den von öffentlich-rechtlichen Sendern auf UKW gebräuchlichen 100 kW vergleichbare Ergebnisse zu erzielen.

Kommerzielle Sender haben dagegen auf UKW selbst für die Versorgung von Großstädten nur geringe Sendeleistungen wie beispielsweise 300 W für München vom Olympiaturm. Für sie wären schon 1 kW DAB im Kanal 12 des Band III ein großer Fortschritt.

Kompression spart Kanäle statt Speicher-Megabyte

In heutiger DAB-Technik mit MPEG 1 Layer 2 als technischer Grundlage ist bei sieben Kanälen bereits Platz für mindestens 49 Programme - deutlich mehr, als heute in akzeptabler Qualität mit normalen Antennen auf UKW zu empfangen sind. Mit dem aktuelleren Codec MPEG 4 AAC stiege die Kanalzahl schon bei sechs realisierten Programmpaketen auf 60 bis 180 Radioprogramme, da so zehn bis 30 Programme in ein Paket passen statt heute sieben bis acht.

Den ja noch nicht allzu zahlreichen DAB-Altgerätebesitzern könnte ein "Upgrade"-Angebot weiterhelfen, neuere Geräte sind ohnehin in der Firmware updatefähg auf den mittlerweile DAB+ getauften Standard mit MPEG 4 AAC statt MPEG 1 Level 2.

Mit "Visual Radio", Radio mit Standbildern, sind 42 bis 90 Programme möglich und selbst "Handy-TV" im DMB-Standard (Digital Mutimedia Broadcast), einer Erweiterung von DAB auf Fernsehübertragungen, böte noch die Möglichkeit für 18 bis 24 Programme. DMB wird man aber voraussichtlich in den vom Radio aufgegebenen L-Band-Kanälen abwickeln, bei denen die kleinen Antennen der Handys ohnehin besser funktionieren.

Die Handy-Fernseher können dann natürlich auch die reinen Radioprogramme empfangen, für diese reicht die Leistung der kurzen Antennen. Mit einer derartig hohen Kanalzahl hätten auch terrestrisch abgestrahlte Spartenprogramme eine Chance, die bislang auf Satellit und Internet ausweichen müssen.

Da jeder Fernsehkanal vier DAB-Kanäle enthält, wäre auch der sogenannte "Overspill", der bislang übliche Empfang von UKW-Sendern auch im Nachbar-Bundesland, weiter realisierbar. Allerdings wird dies nicht dazu führen, dass die ARD nun alle 60 Radiokanäle bundesweit abstrahlt: die bisherige 50:50-Regelung zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Radiosendern entfällt bei dieser Kanalanzahl im Digitalradio, auch wenn die öffentlich-rechtlichen Sender noch neue Programme aufbauen wollen. So der saarländische Rundfunk eine Art "Arte Radio", nämlich das in Zusammenarbeit mit Radio France International, Südwestrundfunk und dem Fernsehkanal Phoenix erstellte Inforadio "Antenne Saar" zur Abstrahlung über DAB und Mittelwelle.

Subventionierte DAB-Empfänger gibt es längst nicht mehr. 97% der Neuwagen enthalten heute zwar ab Werk ein Radio, doch DAB-Geräte sind kaum dabei. BMW und Audi bieten sie zumindest in der Oberklasse, beispielsweise für 420 Euro Aufpreis in einem A6, der allerdings 40.000 Euro kostet - etwas viel nur für besseren Radioempfang.

Wer einen Kleinwagen fährt, muss dagegen ein Fremdradio einbauen. Das ist gar nicht so einfach, weil die Autohersteller teils absichtlich in kleinen, doch durchschlagenden Details wie der Pinbelegung der Stecker zum Anschluss der Betriebsspannung von der Norm abweichen. Bei BMW laufen gar Bordinformationen von Außentemperatur bis Uhrzeit über das Autoradio: Bei Umbauten kann die Autoelektronik durcheinander geraten, im Extremfall drohen nicht mehr bedienbare Fenster und Türen. Maximal lässt sich ein Fremdradio zusätzlich einbauen und dann dem BMW-Radio anstelle eines CD-Spielers als reine Tonquelle unterschieben.

Fürs Auto noch immer ideal

Technisch hat DAB im Auto jedoch einiges zu bieten, wenn es um die Datenübertragung geht: Da das System bereits digital ist, kann die Kapazität hier voll ausgenutzt werden, beispielsweise für Verkehrsleitsysteme, während bisherige Lösungen wie RDS-TMC technisch als ziemliche Krücken zu betrachten sind und gerade ein Hundertstel der bei DAB möglichen Datenrate bieten. Informationsdienste, die über Digitalradio die neuesten Nachrichten aufs Auto-Cockpit liefern sollen, wurden bereits auf Messen im Testbetrieb gezeigt. Damit der Fahrer dabei nicht verkehrsgefährdend lesen muss, sollen diese Geräte Sprachsynthese bieten.

Auch Fünfkanal-Surroundsound in Dolby Digital ist über DAB inzwischen kein Problem mehr. Ebenso dient es teils schon seit Jahren zur Versorgung von elektronischen Infobildschirmen in öffentlichen Verkehrsmitteln, beispielsweise der U-Bahn in Berlin, der Straßenbahn in Bonn und Amsterdam und den Regionalzügen der Deutschen Bundesbahn. Obwohl diese Infotafeln durchaus auch als Werbebelästigung empfunden werden, hat der Vandalismus in solchen Zügen um 80% nachgelassen, weil sich die Fahrgäste offensichtlich weniger langweilen.

Ein weiteres Nischenprodukt ist Truckradio, ein Sender für Berufskraftfahrer, der zusätzliche Verkehrsinfos über DAB liefern will und auch darauf angewiesen ist, dass der Sender am besten in ganz Europa, zumindest aber in Deutschland, durchgängig empfangbar ist. UKW kann dies nicht bieten, neben DAB und Mittelwelle analog und digital (DRM) springen hier auch andere Empfangssysteme inklusive DVB-S, also digitalem Satellitenempfang, in die Bresche. Letzteres ist für Busse und Wohnmobile gedacht, für einen normalen LKW wäre eine sich während der Fahrt ständig neu ausrichtende Satellitenantenne doch etwas aufwändig.

Zwei Mio. Berufskraftfahrer mit vier Mio. LKWs plus 3,5 Mio. Transitfahrern, die Deutsch verstehen, hofft der Sender als Zielgruppe zu gewinnen. Diese hängen dann mit laut Truckradio 932 Minuten durchschnittlicher Hördauer (hoffentlich nicht täglich und ohne Ruhepause!) deutlich länger am Radio als der Normalbürger mit 205 Minuten.

Die Folge: die Musikrotation muss ein deutlich größeres Repertoire umfassen als im heutigen auf nur 20 Minuten Hördauer ausgelegten Dudelfunk, sonst kommt nach kurzer Zeit Unmut auf. Deshalb rechnet sich der Sender sogar bei Hörern zuhause Erfolgschancen aus, wenn die mit dem Musikformat von Truckradio (Country) prinzipiell etwas anfangen können.

Schlagworte zu diesem Artikel

Jetzt gratis anmelden und wir unterstützen Sie mit Informationen und aktuellen Lernangeboten!