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21.09.07

Der selbstzerstörende Wunder-TV

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Viel Wirbel macht seit der Funkausstellung 2006 ein neuartiges TV-Flachdisplay, das dreidimensionale Darstellungen ohne 3D-Brillen ermöglichen soll. Es gilt als PR-Hype - nicht ganz zu Unrecht. Doch das Gerät existiert durchaus. Neuerdings.com konnte in München einen Blick darauf werfen. Aber keinen in das Gerät hinein: Ein Öffnen des Gehäuses aktiviert die Selbstzerstörung.

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Ausgeschaltet unscheinbare graue Luxus-Maus: "Dreidimensionaler" Plasma-Bildschirm von Charisma-TV (Bild: W.D.Roth)

Als der vor mir "eingeteilte" Kollege eines Modemagazins den Vorführraum verlassen hat, muss ich noch einige Minuten warten, bis ich eintreten darf. Doch auch danach sind noch verräterische Flecken auf dem weißen Tischtuch und dem weißen Stuhlüberzug zu sehen, und ich werde gebeten, doch lieber auf der anderen, unbefleckten Seite des Tisches Platz zu nehmen.

Sicherheitshalber stelle ich das gereichte Glas tiefgrünen Kiwisafts ab, als der DVD-Spieler mit dem Film "Apocalypto" von Mel Gibson anläuft, und so passiert kein weiteres Malheur, als nach dem verdächtig lange ruhigen Verharren der Musik ein Tapir aus dem Urwald in Großaufnahme in meine Richtung springt. Zehn Zentimeter zucke jedoch an dieser Stelle jeder Zuschauer mindestens zurück, versichert mir Ralf Lohmann, Geschäftsführer von Charisma TV - aber selbstverständlich nur, wenn der Film auf dem Charisma-Fernseher angesehen wird.

 

Charisma TV hat sich hohe Ziele gesetzt: "Mit eigenen Erkenntnissen bezüglich der Bildwahrnehmung will man nach 11 Jahren Forschung das 70 Jahre alte Fernsehsystem revolutionieren und dreidimensionale Bilder ohne Brille sichtbar werden lassen". Prompt schrieben erste Zeitschriften auch bereits vom gaaanz tollen 3D-Bild, das interessanterweise besonders intensiv von Leuten gesehen werde, die von Geburt an nicht stereoskopisch, also mit zwei Augen, sehen können. Und rätseln, wie das System es nur schafft, aus gewöhnlichen Fernsehsignalen 3D-Bilder zu errechnen.

Ich sehe dagegen ein sehr gutes Bild, das von einer normalen PAL-DVD auch beim Herantreten an das 50-Zoll-Full-HD-Plasma keine übermäßigen Artefakte zeigt, wie bei so manchem "Bildverschlimmbesserungs"-System namhafter Hersteller. Aber kein 3D. Wirklich nicht.

Da wiegelt Charisma-Geschäftsführer Lohmann ab: "3D, na das ist ja auch, wenn einem plötzlich etwas Unscharfes aus dem Gerät entgegenspringt. Das stresst. Aber bei uns ist ja alles scharf!".

 

Elektronikbox des kleineren 43-Zoll-Charisma-TV-Modells (Bild: Charisma TV)

Ok, also es ist kein 3D, man hat es nur "dreidimensional" genannt, weil das Buzzword als nächster Schritt nach HDTV besonders große Aufmerksamkeit erzielt Bild so lebensecht ist, als ob die Tapire oder Tiger auf dem Schirm gleich aus diesem springen könnten. Es soll auch den Spielen der diversen Konsolen zu mehr Pep verhelfen und auch im Sporttraining und der Medizin Vorteile zeigen. Und obwohl das Gerät auch echte HD-Signale verarbeiten kann, ist es hierauf nicht angewiesen, um zu beeindrucken.

Das Charisma-Bild stresst also nicht die Augen, aber bei entsprechenden Filmen schon mal die Nerven. Und zugegeben, ein normales PAL-Signal wirkt auf dem Charisma-Bildschirm fast schon wie HD, weshalb das Oldenburger Unternehmen sein System beziehungsweise die Technik dahinter auch "HD executive" nennt - und damit ein zweites Mal Begriffsverwirrung stiftet.

Das klingt zunächst einmal unseriös, ist aber durchaus branchenüblich: Neben den offiziell definierten HD-Begriffen wie "HD ready" für ein Gerät, das zumindest den "kleineren" HDTV-Standard mit 1280 x 720 Zeilen darstellen kann, gibt es auch noch beispielsweise "HD evolution" bei Grundig als Bezeichnung für ein Gerät, das HDTV empfangen und darstellen kann - doch erst nach Anstecken eines zusätzlichen Tuners. Und ebenso gibt es bei Hitachi "3D-Kammfilter" und "3D Color Management" , doch die dritte Dimension ist hier nicht die Tiefe, sondern - die Zeit?

 

Wie funktioniert "HD executive"? Dies hält Charisma so geheim wie Coca Cola die Zutatenliste seiner braunen Brause: Wer auch nur versucht, das Gerät zu öffnen, löst einen unwiderruflichen Selbstzerstörungsmechanismus aus. Dabei steigt zwar nicht wie im Film Rauch auf, aber die Flash-Speicher und programmierbaren Logikbausteine des Geräts werden in Sekundenbruchteilen gelöscht.

Anschließend zeigt der Edelbildschirm nicht einmal mehr ein schnödes PAL-Signal, sondern ist Elektronikschrott: Die Wiederherstellung eines infolge zu großer Neugier seines Besitzers selbstzerstörten Geräts lässt sich Charisma teuer bezahlen. Zu groß ist die Angst des Herstellers, dass findige asiatische Ingenieure trotz Patentschutz sein System analysieren und nachbauen.

Die drei zugrundeliegenden Patente sind wiederum über einen Treuhänder eingereicht und vermeiden den Begriff "Fernsehen", damit auch ein Besuch beim Patentamt keinen Aufschluss über die verwendete Technik bringen kann.

Alle acht Wochen dürfen sich ein bis zwei Wissenschaftler daran versuchen, einem Charisma-Fernseher sein Geheimnis zu entreißen, ohne dabei die "Alarmanlage" und Selbstzerstörung auszulösen, so Geschäftsführer Ralf Lohmann. Bislang hatte dabei keiner Erfolg - oder bekam genug gezahlt, um nicht zu reden. Das eigentliche Entwicklerteam bestand dagegen nur aus vier Personen; insgesamt hat Charisma aktuell 31 Mitarbeiter, die 50 Geräte am Tag zusammenbauen. Innerhalb der nächsten drei Monate soll sich dies um 50% steigern.

 

Lässt sich nicht in die Steckkarten gucken: Charisma-TV Geschäftsführer Ralf Lohmann mit seinem Wundergerät (Bild: Charisma-TV)

Alles sehr geheimnisvoll, doch im Gegensatz zu Toshibas Wundertechnik SED, die extra angereiste Journalisten dann doch nicht zu sehen bekamen und mit deren kostentauglichen Realisierung es bis heute hapert, existiert Charisma und bietet auch nach Abzug aller Marketing-Geheimnistuerei ein edles, qualitativ gutes Bild. Empfänger für Kabel und DVB-T sind Standard; auf Wunsch kann auch Satellitenempfang vorgesehen werden.

Mit Preisen von 11500 Euro für das 43-Zoll-Modell und 15800 Euro für das 50-Zoll-Modell liegt der Patent-Fernseher ohne Zweifel im High-End-Bereich, aus dem Geschäftsführer Ralf Lohmann auch stammt: zuvor hatte er unter dem Namen "Klang-Kultur" in Rastede bei Oldenburg High-End-Lautsprecher vertrieben. Er konkurriert also wenn überhaupt, dann mit dem oberen Segment der heutigen Fernseher, Marken wie Pioneer, Loewe, Sharp, Metz oder Bang & Olufsen.

Es handelt sich folglich um kein Techno-Geek- sondern ein Image-Geek-Teil, um ein exklusives Gerät für eine betuchte Klientel, das seinen Platz in Luxus-Hotels im nahen Osten oder auf Superjachten findet, dagegen nicht im "Billig-Markt" in einer Monitorwand mit anderen Fernsehern verschwinden, sondern bei ausgewählten Händlern in einen Vorführraum mit gediegenen Möbeln und einer ebenso hochwertigen Mehrkanal-Audio-Anlage präsentiert werden soll.

 

Vorführraum von Charisma-TV in Oldenburg: Am liebsten sollen die Kunden ihren Wagen Fernseher direkt im Werk abholen (Bild: Charisma-TV

Einen eingebauten Lautsprecher hat der Charisma-Bildschirm denn auch gar nicht, nur einen Kopfhöreranschluss, einen Verstärker für zwei Lautsprecher und einen Subwoofer. Das Display ist ein reiner Monitor - der ernsthafte Heimkinofan ist schließlich gar nicht interessiert daran, ein hochqualitatives Bild über eingebaute Lautsprecher nur notdürftig vertonen zu lassen. Als Zubehör sind allerdings selbstverständlich auch optisch adäquate Wand- oder Standlautsprecher lieferbar, um die Kunden nicht zu enttäuschen, die sich keine eigene Audio-Anlage aufstellen wollen.

Bislang können die Charisma-Fernseher wegen der geringen Stückzahlen nur direkt beim Hersteller erstanden werden, der sie dann auch vor Ort aufstellt, doch sollen später auch Händler Charisma in ihr Programm nehmen, die den hohen Ansprüchen des Herstellers genügen. Der Luxus-Fernseher ist "Made in Germany" - neben der Endmontage in Oldenburg wird in Hamburg, Emden und Osnabrück gefertigt - und hat dafür bereits einen "Innovationspreis" eingeheimst

 

Preisverleihung des Innovationspreises "Deutschland - Land der Ideen" gegen 1500 andere Bewerber. (Bild: Charisma-TV)

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