15.02.07

Der 70-Euro-Heimserver: Linksys NSLU2

Die «Nacktschnecke» ist ein kompletter Linux-Server fürs Heimnetzwerk - Hackern sei Dank.

Der Linksys NSLU2 ist offiziell ein «Network Storage Link» für USB, zu Deutsch: Ein Gerät, das am Netzwerk-Router hängt und allen Rechnern im Netzwerk den Zugriff auf bis zu zwei Festplatten mit USB-Anschluss erlaubt. Ein ziemlich einseitiges Teil für 70 Euro (das bei seiner Lancierung vor etlichen Jahren zudem wesentlich teurer war).

Das haben sich auch die Hacker gesagt, die solche Kistchen als erstes auseinandernehmen und gucken, was drin ist. Sie haben einen Intel-Prozessor, 32 MB RAM, ein Unix-Derivat als Betriebssystem und damit seeeeeehr viel mehr Potential vorgefunden.

Heute ist der «Slug» (englisch für Nacktschnecke) ein bei Bastlern und Geeks beliebter Billigst-Server, der in kleinen und grossen Netzwerken Hunderte von Aufgaben übernehmen kann.

Denn die Hacker haben die Firmware geknackt und eine ganze Reihe von Linux-Komplettsystemen so aufbereitet, dass sie an Stelle der tumben Software von Linksys auf dem Slug laufen - inklusive Tausenden von Linuxprogrammen bis hin zum Webserver Apache.

 

Auf der einschlägigen Webseite zu diesem Projekt gibts ausserdem Dutzende von detaillierten Tipps, wie man die Maschine mit dem Wegknipsen eines Widerstands von 133Mhz auf 266Mhz beschleunigt, den internen Speicher mit Chips aus alten Ram-Dimms vervielfacht oder die beiden brachliegenden zusätzlichen USB-Anschlüsse aktiviert und nutzbar macht. Und das alles läuft auf einem handtellergrossen Gerät, das praktisch keinen Strom und keine Wartung braucht. Nachdem ich das alles im Netz gelesen hatte, war klar, dass ich einen Slug haben muss. Zumal meine bisher benutzte «Netzwerk»-Festplatte von die Hacker von Beginn an eine Enttäuschung war: Sie macht die Installation spezieller Treiberprogramme auf den Windows-Rechnern im Netzwerk nötig, die auf die Platte zugreifen sollen - und dieser Treiber verträgt sich irgendwie nicht mit meiner Desktop-Konfiguration.

Jetzt habe ich einen Slug, dessen Firmware ausgetauscht ist und an dem zwei USB-Harddisks mit insgesamt 360 Gigabyte Speicher hängen. Der «Sluggy» kontrolliert mein Netzwerk-Datencenter inklusive Musiksammlung und TV-Aufnahmen, einen Webserver, einen FTP-Server für Datenzugriffe aus dem Internet, und er überprüft alle 15 Minuten, ob ich noch die gleiche Internet-Adresse habe und lenkt beim kostenlosen Dienst DynDNS eine private URL auf die neue Adresse um, wenn die IP vom Kabelinternet-Anbieter geändert wurde. Damit finde ich von unterwegs im Internet mein Netzwerk jederzeit, kann auf die Daten zugreifen (so gut verschlüsselt wie mein Fachwissen es zulässt), per Netzwerk-Ping meinen Windows-Rechner einschalten und per Remote-Control auch darauf arbeiten.

Der Slug kann noch viel, viel mehr - aber im Moment bin ich mit diesen Aufgaben mehr als bedient. Der «Umbau» der Software war eine Sache von Minuten, wobei ich mich für jenes Linux-Paket entschieden habe, das die Hackergemeinde für Anfänger bereitgestellt hat (Unslung 6.8): Es installiert sich neben die original-Firmware und ist einfach zu bedienen, dafür ist nicht so ganz die volle Linux-Freiheit gegeben. Ausserdem stehen «nur» 3000 selbstinstallierende Programmpakete zur Verfügung, während die «grossen» Linuxe für den Slug - es gibt eine komplette Debian-Distribution - eben theoretisch alles möglich machen. Die Hardware-Modifikation für das «Overclocking» habe ich mir auch zugetraut: Gehäuse öffnen (detaillierte Anleitung auf der Slug-Webseite zu finden) und den richtigen Widerstand mit einem Japanmesser wegkratzen - fertig.

Dies gesagt, soll hier aber noch folgendes bemerkt werden: Die Vorarbeit, namentlich das Einlesen ins Thema auf NSLUG-Linux hat wesentlich mehr Zeit beansprucht; ich musste meine vor Jahren beim Herumexperimentieren mit einem ausgedienten Desktop als Heimserver erworbenen Linux-Kenntnisse auffrischen; der Zugriff auf das Gerät als Administrator erfolgt über Telnet oder OpenSSH und alle Anleitungen auf der Webseite sind zwar weitgehend idiotensicher, aber eben in Englisch verfasst. Ein deutschsprachiges Forum hilft, kann aber die Detailanleitungen und Paketbeschreibungen etc der Original-Community nicht ersetzen.

Wer damit zu Rande kommt, kriegt allerdings mit dem kleinen Schleimer den Heimserver mit dem wohl besten Preis/Leistungsverhältnis, dessen Anwendung als Webserver, Proxy, Firewall, Musik- und Mediaserver, Torrent-Client, Mailserver, RAID-Controller, Backup-Dienst oder was immer nichts im Wege steht.

Und was sagt der Hersteller des Geräts, das wohl nur dank der Hackergemeinde überhaupt noch auf dem Markt ist?

«Obwohl Linksys keine der alternativen Firmware-Projekte für den NSLU2 unterstützt, freuen wir uns natürlich zu sehen, welche grosse Akzeptanz das Gerät gefunden hat. Wie eine ähnliche Gruppe, welche den [Router] WRT54G verbessert hat, beflügelt uns die Kreativität und das Fachwissen der Linksys-Kunden, unsere Produkte ständig zu verbessern.» Mike Wagner, Marketing-Direktor von Linksys

Aha. Man könnte auch sagen: Wenn Ihr unseren Schrott in brauchbare Produkte umwandelt, weshalb sollen wir die Arbeit selber machen?

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