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19.11.13

Endlose Geschichte: Wenn Crowdfunding nur noch nervt

Updates und noch mehr Updates, aber bislang kein Produkt. Alle Bilder: Thermodo

Kreative Crowdfunding-Projekte machen Spaß. Allerdings unterschätzen viele Anbieter den Aufwand und die Projektdauer. Wenn sich der geplante Start um Monate verzögert, dann ist der Unterstützer nur noch genervt - egal, wie transparent und hip ein Startup daher kommt. Ein Beispiel.

Updates und noch mehr Updates, aber bislang kein Produkt. Alle Bilder: Thermodo

Thermodo war das erste Kickstarter-Projekt, das ich selbst gefördert habe. Die Idee, das Smartphone mit einem Außenthermometer auszustatten, war genau das, was ich wollte. Den Preis für ein Gerät im Early-Bird-Special der Kickstarter-Kampagne für 25 US-Dollar plus 10 Dollar Lieferkosten fand ich angemessen. Das Startup Robocat war bereits mit einer Wetter-App in Erscheinung getreten, also kein Unbekannter auf dem Markt. Coole, sympathische Jungs aus unserem kleinen nördlichen Nachbarland Dänemark. Ich investierte.

Und damit war ich nicht der einzige: Fast 9.000 finanzielle Unterstützer fanden sich im März und April für Thermodo. Das Projekt bekam beinahe ein Zehnfaches des gewünschten Kapitals von 35.000 Dollar: 336.000 Dollar. Liefertermin sollte der August dieses Jahres werden. Doch das Gerät kam nicht. Statt dessen kamen Mails über Updates, die den ganzen Prozess so transparent wie möglich darstellen sollten. 30 an der Zahl - und bis heute kein Thermometer.

Das jüngste Update hat den Betreff "Versand - Teil 1". Hier bitten die Jungs darum, dass Förderer wie ich ihre Lieferadresse überprüfen. Bevor es denn - wie schon oft angekündigt - bald wirklich endlich los geht mit dem Versand ins - gar nicht so - weit entfernte Deutschland oder sonst wohin. Gemessen an heute geforderter Öffentlichkeitsarbeit ist den Jungs aus Kopenhagen auch überhaupt kein Vorwurf zu machen. Sie haben sich so transparent präsentiert, wie nur irgend möglich, mit allen Stärken und Schwächen - und mit Videos.

In Update 29 etwa gibt es das erste Unboxing-Video zu sehen - gedreht vom Team selbst. Update 28 enthält ein Video der Produktion aus China. In Update 27 zeigen die Jungs, wie sie Thermodo getestet haben. In Update 30 geht es dafür um die Schwierigkeiten, die 12.000 bestellten Thermodos (es gab auch mehrere pro Person) in die 77 Länder zu verschicken, aus denen die Förderer stammen. Update 20: Es gibt jetzt eine eigene Website! Update 22: Neuigkeiten zum Produktionsprozess.

Wenig überraschend ist das junge Team überaus sympathisch. Ihre Update-Mails sind stets mit guten Bildern gespickt, die Videos augenscheinlich von Profis gedreht, mit Zeitraffer-Effekten, langen Schwenks, lustigen Protagonisten. Für die PR gäbe ich eine glatte Einsplus. Geht nicht mehr besser. Seht als Beispiel dieses Video der Produktion:

vimeo.com/78114642

Ich habe aber keine PR-Arbeit gefördert und auch nicht nach neuen Freunden gesucht, sondern wollte nur ein Thermometer! Und der Gadget-Nerd in mir schreit: "Verdammt noch eins! Hört auf, mir einen vom Pferd zu erzählen und schickt mir endlich das verfluchte Ding! Ihr seid drei Monate drüber und ich muss keine Romane darüber lesen, wie toll ihr seid. Ich will das Thermometer, sonst nichts!"

Ja, das ist Jammern auf hohem Niveau. Und deswegen fühle ich mich gleichzeitig schlecht, während ich diese Zeilen schreibe. Schon kommt einmal etwas nicht sofort dann, wenn ich will, und ich mosere herum. So manch anderer Kickstarter-Nutzer wird ein viel traurigeres Lied singen über Projekte, die nie das Licht der Welt erblickt oder sich monatelang nicht gemeldet haben. Nehmt Tim Schafer und sein Double Fine Adventure als Beispiel, der das versprochene neue Adventure anderthalb Jahre nach der äußerst erfolgreichen Kickstarter-Kampagne noch immer nicht geliefert hat. Auch die Smartwatch Pebble oder die Android-Spielkonsole Ouya verzögerten sich um Monate. Und das sind noch positive Beispiele, weil es am Schluss trotzdem etwas Handfestes gab.

Die Erkenntnis ist deswegen erstaunlich: Ganz egal, wie transparent, cool und nett ein Projekt daher kommt. Wenn nicht geliefert wird, ist der Förderer genervt - so oder so.

Immerhin haben es die Thermodo-Jungs mit ihrer transparenten Kampagne geschafft, dass ich die Hoffnung nicht aufgegeben habe. Ich gehe jetzt schon noch davon aus, dass das Ding vor Weihnachten kommt. Und wenn nicht, dann warte ich halt noch ein paar Wochen. Es ist ein Thermometer fürs Smartphone, davon hängt nicht die Welt ab. Und wäre ich noch an der Uni, dann hätte ich jetzt schon ein Thema für meine nächste Facharbeit: Crowdfunding und Öffentlichkeitsarbeit: Wie man es richtig macht und wie es noch viel, viel, viel besser ankommt, wenn man nur pünktlich liefert.

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