09.08.07

Arbeiten nach Apple-Art iWork 08 im Test

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iWork 08 bringt eine ganze Ladung neuer Features und eine neuartige Tabellenkalkulation. Aber unser Test der vor zwei Tagen vorgestellten Office-Suite zeigt: So schön iWork auch ist, Microsoft Office ist im Profi-Bereich nicht gefährdet.

Bisher bestand Apples Office-Suite aus den beiden Programmen Pages (Textverarbeitung) und Keynote (Präsentationen), die beide in der 08er-Version einige neue Features erhalten haben. Neu hinzu kommt nun die Tabellenkalkulation Numbers. Prominent weist Apple in der Werbung darauf hin, dass die iWork-Anwendungen auch die allgegenwärtigen Fileformate von Microsoft Office unterstützt.

 

Als Mac-Benutzer wäre man einer Suite von starken neuen Produktivitätsanwendungen nicht abgeneigt, denn die Mac-Version von Microsoft Office ist kein Stabilitäts- und Usability-Wunder, und über die Mac-Portierung von OpenOffice schweigt man lieber ganz. Kann iWork die hohen Erwartungen erfüllen, und ist es ein würdiger Ersatz für die Microsoft-Konkurrenz?

Preiswert ist iWork allemal. Für 79 Euro bekommt man die ganze Suite als Einzellizenz, für 99 Euro gibt es eine Familienlizenz für bis zu fünf Installationen. Kein Vergleich zur Standardversion von Microsoft Office, für die man satte 379 Euro los wird. Dass bei einem so grossen Preisunterschied auch gewisse Abstriche gemacht werden müssen, ist eigentlich nur zu erwarten. Aber wo geht man die Kompromisse ein?

 

Pages: Texte, schön bunt

Die Textverarbeitung Pages kann gleich schon beim Start durch eine ganze Reihe sehr gut designter Templates überzeugen. Von einfachen Briefen bis zu kompletten Broschüren gibt es eine breite Auswahl an vordefinierten Dokumenten, die schnell und problemlos an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden können.

 

Überhaupt ist Layout die grosse Stärke von Pages. Alle Objekte können fast nach Belieben platziert, gedreht, gezoomt, mit Schatten versehen oder transparent gemacht werden. Diesen Möglichkeiten gegenüber sieht Microsoft Word mit seinem umständlichen und fehleranfälligen Bilderhandling uralt aus.

 

Bildbearbeitung direkt in Pages

Anders hingegen bei den Features, die man für umfangreiche Dokumente braucht. Zwar beherrscht Pages auch die von Word bekannten standardisierten Absatzformate, aber bei Querreferenzen, Inhalts- und Abbildungsverzeichnissen oder komplexen Dokumentenstrukturen hapert es gewaltig. Mit anderen Worten: Für kurze Reports ist Pages sicher stark genug, aber eine Doktorarbeit schreibt man damit lieber nicht. Auch Makros und Serienbriefe beherrscht Pages nach wie vor nicht.

Die Import- und Export-Funktionen zu Microsoft Word machten einen recht stabilen Eindruck. Auch wenn nicht alle Features unterstützt werden, kann man immerhin auch sehr komplexe Word-Files fast ohne Abstriche in Pages bearbeiten. Das gilt in der neuen Version sogar für die Überarbeitungsfunktion, die reibungslos im Zusammenspiel mit Word funktionierte. Manche Layout-Details werden aber nicht ganz einwandfrei übernommen. Aber dafür kommen selbst recht komplexe Layouts aus Pages noch passabel bei Word an.

Keynote: Effekte bis zum Abwinken

Das Präsentationsprogramm Keynote hat schon lange viele Fans. Der prominenteste unter ihnen ist vielleicht Ex-US-Vizepräsident Al Gore, der seine Slideshow aus "An Inconvenient Truth" mit Keynote machte.

Tatsächlich bietet Keynote auch in der neusten Version viele Verbesserungen. Insbesondere bei den Animationsmöglichkeiten hat Keynote massiv zugelegt. Man kann nun, wie in den neusten Versionen von Microsoft PowerPoint, Objekte einem frei definierbaren Pfad nach bewegen. Dazu bietet Keynote viele vordefinierte Animationsmuster. Ein Bild kann zum Beispiel aus dem dreidimensionalen Raum herbeifliegen, sich dreimal um sich selbst bewegen, in einem possierlichen Bogen an den rechten Bildschirmrand und wieder zurück fahren und dann in einer hübsch animierten Flamme verschwinden. Wozu auch immer das gut sein sollte.

Auch bei den Folienübergängen werden PowerPoint-User gelb vor Neid werden. Die exzellent animierten 3D-Übergänge in Keynote sind echt eine Klasse für sich. Wer seine Präsentation mit solchen "Wow, wie haben Sie das nur gemacht?"-Effekten auffrischen will, fährt mit Keynote gut. Aber: Eine Präsentation wird meistens nicht besser, je mehr Spezialeffekte sie enthält.

 

Ein 3D-Folienübergang in Keynote

Aber auch für den seriöseren Teil des Folienmachens hält Keynote starke Features bereit. So ist beispielsweise der Umgang mit Grafiken sehr effizient, Objekte aller Art lassen sich sehr gut arrangieren, und die eingebauten Funktionen für Kuchen- und Balkengrafiken sind gelungen.

Keynote ist exzellent für Leute, die gern visuell kommunizieren. Wer hingegen lieber die üblichen Bulletpoint-Wüsten mag, wird durch das Programm sehr verwirrt. In den Templates ist nämlich vordefiniert, wie viel Text auf eine Folie passt. Mehr wird von Keynote einfach nicht akzeptiert. Schriften verkleinern geht zwar, ist aber mühsam. Das ist ein bisschen typisch Apple: Die Template-Designer haben entschieden, wie eine Folie auszusehen hat, und an dieses überlegene ästhetische Urteil soll sich der User gefälligst anpassen. Das ist einerseits ärgerlich, in gewisser Weise aber vielleicht auch heilsam.

Die meisten neuen Features konzentrieren sich auf Animation und Bildbearbeitung, neu hinzugekommen ist aber auch eine "Voice Over"-Funktion. Damit kann man seine Stimme zur Slideshow aufnehmen und so quasi eine vorgefertigte Präsentation verschicken.

Die Import- und Export-Funktionen ins PowerPoint-Format können nur eingeschränkt überzeugen. Viele Animationen, spezielle Grafikfeatures und Layouts werden in beide Richtungen nur unvollständig übertragen. Wir hatten im Test überall Abstriche zu beklagen, ausser bei wirklich simpelsten Präsentationen. Wer also oft mit PowerPoint-Usern zusammenarbeiten will, sollte sich den Umstieg auf Keynote gut überlegen.

Numbers: Kreative Zahlenspiele

Ganz neu ist die Tabellenkalkulation Numbers. Bisher war eine solche Anwendung die grosse Lücke in Apples Produktlinie, und mit diesem neuen Programm will Apple nicht etwa nur einfach einen Excel-Clone herausbringen, sondern praktisch neu erfinden, wie Tabellenkalkulation funktioniert.

Die grösste grundsätzliche Änderung ist, dass der User in Numbers auf einzelnen Seiten arbeitet, auf denen verschiedene unabhängige Tabellen platziert werden können. Man steht also nicht wie bei Excel einem Meer von leeren Feldern gegenüber, sondern muss nur mit so viel Komplexität umgehen, wie man sie für den jeweilige Anwendungsfall braucht. Das wirkt zuerst etwas seltsam und gewöhnungsbedürftig, ist aber tatsächlich elegant. Pro Seite kann es mehrere kleine Tabellen geben, die voneinander unabhängig formatiert sein können. Wie auch bei Excel kann man natürlich pro Datei mehrere dieser Seiten mitführen, die sich auch gegenseitig referenzieren können.

 

Eine typische Arbeitsseite in Numbers. Diese Seite besteht aus drei unabhängigen kleinen Tabellen.

Auch Numbers kommt mit einer ganzen Reihe von Templates, die typische Anwendungsfälle aus dem häuslichen oder geschäftlichen Bereich abdecken. Da gibt es beispielsweise das persönliche Budget, die Ferienplanung, aber auch Bilanzen und Spesenabrechnungen. Das erlaubt einen schnellen Start. Numbers unterstützt auch einige praktische Features wie z.B. Drop-Down-Listen für vorgegebene Werte einer Zelle, die die Bedienung sehr einfach machen.

 

 

Eines der vielen mitgelieferten Templates, hier für den gewissenhaften Auto-Vergleich.

An Formeln bietet Numbers so ungefähr alles, was man auch von Excel her kennt, inklusive fortgeschrittener Dinge wie z.B. VLOOKUP. Sehr schön ist, dass man in Formeln andere Felder nicht nur mit dem üblichen A1:B2-System referenzieren kann, sondern beispielsweise auch mit dem Namen einer Spalte. Das macht die Sache gleich viel besser lesbar. Numbers zeigt auch in Formelfeldern ständig farbig an, welche anderen Felder referenziert werden.

 

Vergeblich sucht man hingegen Funktionen wie Pivot-Tabellen, Zielwertsuche oder Datenanalyse (Regressionen und dergleichen). Ausserdem ist die Formelhilfe recht bescheiden. Während Excel schon beim Tippen einer Formel einblendet, welche Parameter gefragt sind, muss man das bei Numbers mühsam woanders nachlesen. Auch Makros, Szenariomanager und Überarbeitungsfunktionen gibt es nicht. Erfahrene Spreadsheet-Jockeys werden sich angesichts dieser Einschränkungen mit Grausen von Numbers abwenden, aber wer diese Funktionen sowieso nie braucht, wird sich nicht weiter daran stören.

Die Import-Funktion kann im Rahmen der verfügbaren Features einigermassen das meiste schlucken, was aus Excel kommt, und auch andere Formate (CSV und dergleichen) werden anstandslos und automatisch verarbeitet. Die Export-Funktion ins Excel-Format überzeugt hingegen nicht. Besonders die schön gelayouteten Numbers-Templates kommen meistens arg zerhackt in Excel an. Auch hier hat die Zusammenarbeit also ihre Grenzen.

Bedienung

Wie man es von Apple kaum anders erwartet, ist die Bedienung aller drei Programme ziemlich leicht zu erlernen. Viele Dinge sind verblüffend elegant gelöst, wenn man sich an den Ballast der Microsoft-Produkte gewöhnt ist. Nur die teilweise vielen herumschwirrenden Toolboxen, die sich auch nicht ans Hauptfenster andocken lassen, sind etwas verwirrend. Wer aus der Microsoft-Welt kommt, wird sich trotzdem schnell zurechtfinden. Auch die Integration mit anderen Mac-Programmen (iPhoto, iTunes und gar GarageBand) ist komfortabel gelöst.

Komischerweise ist der Datenaustausch der drei Programme untereinander allerdings oft ziemlich lückenhaft realisiert. Wer etwa mal schnell eine Tabelle aus Numbers nach Keynote oder ein Kuchendiagramm nach Pages kopieren will, kriegt am anderen Ende oft üble Formatierungsfehler. Hier wirkt die Suite wirklich noch ziemlich unfertig, und solche Fehler sind in der täglichen Arbeit mehr als ärgerlich.

Fazit

Das stärkste Element von iWork 08 ist sicher Keynote, das in fast allen Aspekten PowerPoint hinter sich lässt. Nur die Kompatibilitätsmängel zum Marktführer sind ärgerlich. Pages ist eine solide Textverarbeitung mit viel Layouttalent, die aber kaum für umfangreiche Texte geeignet ist. Numbers schliesslich zeigt einen vielversprechenden neuen Ansatz in der Tabellenkalkulation, der für viele Anwendungsfälle eine echte Verbesserung darstellen wird. High-End-Funktionen für Zahlenfreunde sucht man aber auch hier vergebens.

Im Test wurde klar: Weder vom Preis noch vom Featureset her will iWork direkt in Konkurrenz mit Microsoft Office treten. Natürlich kann man Microsoft vorwerfen, dass Office mit unnötigen Features überladen ist, aber einige High-End-Möglichkeiten vermisst man in iWork als PowerUser schmerzlich.

Wer allerdings eine einfach zu bedienende, aber doch ziemlich leistungsfähige Produktivitätssuite für den Haus- oder Kleinfirmengebrauch will und nicht häufig Dateien mit Office-Usern austauschen muss, sollte sich iWork 08 sicher anschauen. Apple bietet sogar eine 30-Tage-Testversion zum Download an, so dass man gefahrlos evaluieren kann.

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