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28.11.12

Wie das Internet unser Kommunikationsverhalten verändert II/II: Gemeinsam einsam?

Komplizierte zwischenmenschliche Beziehungen durch pflegeleichte Online-Beziehungen ersetzen: Wer dieser Versuchung nicht widerstehen könne, werde immer einsamer, stellt Sherry Turkle fest. Klingt dramatisch. Wer aber lernt, den richtigen Kommunikationskanal im richtigen Moment einzusetzen, profitiert von den vielfältigen Möglichkeiten des mobilen Internets.

Im ersten Teil dieses Beitrags ging es darum, wie das Internet unsere selektive Wahrnehmung und damit unseren Tunnelblick verstärken kann. Das hat zur Folge, dass wir uns manchmal trotz Gesellschaft ganz fürchterlich einsam fühlen. Wir sind sozusagen gemeinsam einsam - ein Begriff, den die amerikanische Psychoanalytikerin und Soziologie-Professorin Sherry Turkle geprägt hat.

Schleichende Vereinsamung durch mobiles Internet?

Turkle erforscht seit über 30 Jahren die Auswirkungen moderner technischer Entwicklung auf unser Leben - zunächst euphorisch, wie sie sagt, dann zunehmend kritischer, seit sie festgestellt habe, welch rasante Veränderungen ein Internet mit sich bringt, das wir allzeit in der Hosentasche herumtragen könnten. In ihrem neuen Buch «Alone Together» warnt sie vor der schleichenden Vereinsamung, die kommunikative Veränderungen mit sich bringen können.Denn das Internet, vor allem in der mobilen Version für Hand- oder Hosentasche, böte jederzeit die Möglichkeit, den komplexen zwischenmenschlichen Beziehungen der Realität zu entfliehen – so wie die Studentin, die ohne Weiteres ihren Freund gegen einen Roboter als Liebhaber eintauschen würde, um sich die Welt einfacher und besser zu machen. Oder wie Kollegen, die E-Mails oder SMS ins Nachbarbüro schicken, weil es ihnen zu intim vorkäme, dort einfach vorbeizuschauen.

Wichtige Informationen und Gefühlsregungen, die in einem Telefonat oder im persönlichen Gespräch mit ausgetauscht würden, fehlten dabei – und genau dadurch verändere sich nicht nur die Kommunikation, sondern die zwischenmenschlichen Beziehungen insgesamt. So sagt Turkle in einem Interview:

«Man kann online andere Beziehungen haben. In einer gewissen Weise enthüllen die Menschen mehr von sich selbst. Aber sie enthüllen das, was sie enthüllen wollen, nicht unbedingt das, was der andere wissen will! In einer Freundschaft von Angesicht zu Angesicht findet eher ein echter Austausch statt. Ich untersuche solche Chats seit den frühen neunziger Jahren, und wissen Sie was: Wenn es ungemütlich wird, dann kneifen die Leute. Es gibt viel weniger Verbindlichkeit in den Beziehungen.»

Nun mag Turkle Recht haben damit, dass im Internet soziale Beziehungen anders, nämlich oberflächlicher ablaufen, und dass damit für manche Menschen die Gefahr des Realitätsverlustes einhergeht, wenn sie sich zu sehr darauf einlassen. Die Medizinerin Shima Sum von der Universität Sidney zeigte zudem 2008 in einer Studie unter Senioren, dass sich bereits bestehende Einsamkeit nur sehr schlecht mit Social Media, Chats, Foren und privaten Nachrichten bekämpfen lässt. Im Gegenteil: Wenn sich die Isolation im realen Leben erst den Weg ins virtuelle soziale Netz bahnt, wird der Mangel an echten Freunden eher noch größer.

Online-Intimität nicht mit echter Intimität verwechseln

Allerdings darf man Online-Intimität eben nicht mit echter Intimität verwechseln. Und natürlich sind Textnachrichten im Internet bequemer als Telefonate oder das persönliche Gespräch. Denn die Online-Kommunikation ermöglicht es, mit einer großen Zahl von Menschen in Kontakt zu stehen und diese gleichzeitig mehr auf Distanz zu halten, als das zum Beispiel bei einem Telefonat möglich wäre, bei dem wir persönlich anwesend sein müssen und die Stimme – und die darin mitschwingenden Emotionen – des anderen hören.

Indes kann ich nicht erkennen, was am Einsatz der Online-Kommunikation verkehrt sein soll. Im Gegenteil, um effizient arbeiten zu können, ist diese Filterung sogar unabdingbar. Zumal Turkle auch über sich selbst sagt, dass E-Mails ebenfalls ihr wichtigster Kommunikationsweg sind.

Wer die Regeln kennt, profitiert von mehreren Kommunikationskanälen

Eine holländische Studie von Patti M. Valkenburg und Jochen Peter zeigt folgerichtig, dass soziale Medien hervorragende Mittel sind, um einen bereits bestehenden Bekanntenkreis zu pflegen. Man muss also differenzieren. Einmal nach den Gründen, wie und warum man soziale Medien nutzt, aber auch danach, mit wem man kommuniziert und warum. Denn natürlich besteht die Gefahr, dass man seinem inneren Schweinehund nachgibt und faul zu Hause sitzen bleibt, statt sich persönlich mit Menschen zu treffen. Aber dafür gleich das Internet zu verdammen, wie es in der gegenwärtigen Diskussion um die Internetsucht passiert, scheint mir da der falsche Weg.

Und während die meisten Menschen im richtigen Leben oft sehr genau wissen, wer Freund, Kollege, guter Bekannter oder Feind ist, scheint genau diese Unterscheidung viele Menschen in sozialen Netzwerken zu verwirren. Das merke ich immer dann, wenn mich Leute, die sich normalerweise auch nicht mit jedem auf ein Bier verabreden, unsicher fragen «Was mache ich denn, wenn ich bei Facebook eine Freundschaftsanfrage von jemandem bekomme, den ich nicht als Freund haben will?» Grund für die Verwirrung ist, dass die Kommunikation in digitalen Zwischenräumen zwar öffentlich, aber doch oft auch irgendwie persönlich ist.

 

Teil I: Gefangen im Tunnelblick

Die Replik von Leser und Gastautor Benjamin Wagener

 

Bild: Wilson Afonso bei flickr.com (CC BY 2.0)

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