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26.11.12

Wie das Internet unser Kommunikationsverhalten verändert I/II: Gefangen im Tunnelblick

Wann hattest Du das letzte Mal ein angeregtes Gespräch mit dem Gegenüber im Zug? Wir kommunizieren zunehmend asynchron: entweder nicht zeitgleich, oder weil unser Gesprächspartner nicht am gleichen Ort ist wie wir. Diese selektive Wahrnehmung macht unseren Austausch ärmer, sagen Experten. Wir verpassen wichtige Erfahrungen, weil wir keine Begegnung mehr dem Zufall überlassen.

Internetsucht, das krankhafte nicht mehr Aufhören-Können mit dem Klicken, wird in den letzten Wochen heftig diskutiert in Deutschland. Mechthild Dyckmans, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, möchte dieses Verhalten gar als Krankheit klassifizieren lassen. Denn eine aktuelle Studie zeigt: 0,7 Prozent aller 25- bis 64-Jährigen in Deutschland kommen nicht mehr von Online-Spielen oder Sozialen Netzwerken los und vernachlässigen darüber ihr soziales Leben.

Die Studienergebnisse sind nicht unumstritten. Kritiker halten Internet-Sucht nur für eine weitere Form der Depression, in der sich bereits bestehende soziale Probleme manifestieren. Doch insgesamt sollte man sich die Frage stellen: Macht Internet einsam?

Zunahme der asynchronen Kommunikation

Der Soziologe Simon Edwin Dittrich hat sich für einen Sammelband der Heinrich Böll-Stiftung zum Thema #public_life – Digitale Intimität, die Privatsphäre und das Netz ausgiebig damit beschäftigt, wie sich das veränderte Kommunikationsverhalten auf den Einzelnen und die Gesellschaft auswirkt.

Nach seiner Beobachtung führen die modernen Technologien vor allem zu einer Zunahme der asynchronen Kommunikation. Damit sind Unterhaltungen gemeint, bei denen die Gesprächspartner entweder nicht zeitgleich oder nicht am selben Ort agieren. Als Beispiel nennt Dittrich das Schreiben von SMS beim Essen. Auf Seite 100 des #public_life-Bandes erzählt er:

"Als ich Kind war, wäre es undenkbar gewesen, vom Abendbrottisch aufzustehen, um ans Telefon zu gehen. Wenn ich heute mit Freunden gemeinsam esse, kommt es öfter vor, dass mehrere von uns in ihr Telefon schauen, E-Mails checken, SMS schreiben, Twittern oder auf Facebook schreiben. Natürlich hagelt es auch immer wieder Kritik von Menschen, die es als unhöflich empfinden, wenn man ihnen nicht seine volle Aufmerksamkeit widmet. Aber die Vehemenz nimmt ab."

Verengte Wahrnehmung und Tunnelblick

Für Dittrich ist das nicht nur ein singuläres Phänomen, sondern hat Auswirkungen auf unsere Gesellschaft: Beispielsweise unterhalten sich viele Reisende in Zügen nicht mehr miteinander, sondern via Handy oder Laptop mit anderen, weit entfernten Gesprächspartnern. Statt also mit dem direkten Umfeld zu kommunizieren, spricht man zunehmend nur selektiv mit Menschen, die man sich selbst ausgesucht hat. Das aber macht die Wahrnehmung selektiver und den Austausch ärmer: Viele Informationen, die man in einem Gespräch unter Reisenden zufällig bekommen würde - die Serendipität - bleiben dabei auf der Strecke.

Bildhaft ausgedrückt: Der Tunnelblick auf die mobile Kommunikation kann verhindern, dass sich der eigene Horizont erweitert. Für Dittrich entsteht auf diese Weise ein öffentlicher Zwischenraum, in dem jedoch paradoxerweise vor allem private Handlungen vollzogen werden – beispielsweise wenn sich Leute im Bus via Mobiltelefon streiten und alle den Disput mitbekommen. Genau aus diesen Zwischenräumen ist es hinterher schwierig wieder herauszukommen, wie Dittrich konstatiert, denn sie sind eben nicht wirklich privat:

"Mit den Spuren, die wir in den öffentlichen Zwischen(t)räumen zurücklassen, wird es aber schwieriger, ein Umfeld komplett zu verändern. Jedenfalls ist es nicht so 'einfach' wie aus Klein-Gummersbach nach Hamburg zu ziehen, denn unsere Online-Profile bleiben unverändert."

Imagewechsel im Netz?

Eine Erfahrung, die auch Vivian Pein machte. Sie war Community-Managerin bei Xing und wurde auch als solche im Netz wahrgenommen. Dazu hatte sie mit ihren zahlreichen Aktivitäten im und um das Netz auch selbst beigetragen. Dann aber wechselte sie zum Logistikunternehmen Hermes als Social Media-Managerin. Das Problem: Viele ihrer Online-Kontakte haben den Jobwechsel gar nicht mitbekommen – und sprechen sie immer noch als Xing-Mitarbeiterin an.

 

Im zweiten Teil dieses Beitrags werde ich mich mit den Thesen der amerikanischen Psychoanalytikerin und Soziologie-Professorin Sherry Turkle befassen. Zum Beispiel, warum wir gemeinsam einsam sind.

 

Teil II: Gemeinsam einsam? 

Die Replik von Leser und Gastautor Benjamin Wagener

 

Bild: Jeremy Keith bei flickr.com (CC BY 2.0)

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