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16.02.10

Studium: Arbeiten und Lernen - in der Bibliothek oder zu Hause?

Soll man lieber zu Hause arbeiten oder besser in der Bibliothek? Vielen meiner Kommilitonen galt die Bibliothek als ultimativer Ort des produktiven Arbeitens. Ich meine, dass unter Umständen durchaus das Gegenteil wahr sein kann, und dass die Frage, wo man besser arbeitet, möglicherweise komplexer ist.

Im Grunde kann das Arbeiten zu Hause nämlich sehr angenehm sein. Daheim ist es behaglich, ich kann entspannt arbeiten und mich dadurch auf kreative Impulse einlassen, die ich in der fokussierteren Atmosphäre einer Bibliothek nicht zulassen würde. Ich kann einfach Pausen machen oder, wenn mir danach ist, eben mal eine Tasse Tee kochen, schnell zwischendrin etwas essen oder zwei Minuten auf dem Balkon durchatmen. Allgemein kann ich zu Hause wesentlich eher meine Umgebung gestalten, wie ich sie haben will. In der Bibliothek kann ich nicht einfach die Heizung hochdrehen, wenn mir kalt ist, oder das Fenster aufmachen, wenn die Luft zu abgestanden ist.

Daheim bin ich jedoch potenziell einer Menge Störungen von außen ausgesetzt: Vom Paketboten, der das Paket für einen Nachbarn bei einem abgeben möchte, Mitbewohner oder Familienmitglieder, die einen "nur schnell mal" um Hilfe bitten, über Telemarketing-Anrufer bis zu Missionaren wollen eine ganze Menge Menschen etwas von einem, wenn man tagsüber zu Hause ist. Eventuell ist es zu Hause sogar allzu behaglich. Das beeinträchtigt gelegentlich meine Konzentration und Disziplin: Ich verliere dann gerne aus den Augen, was gerade wichtig ist, und verzettele mich. Vor allem aber: Ablenkungen, andere verlockende Tätigkeiten oder einfach Ausweichhandlungen (das Phänomen, dass die Wohnung nie so sauber ist wie vor einer Prüfung, ist wohlbekannt) sind daheim stets in Reichweite.

Deshalb ist die Bibliothek durchaus ein angenehmer Ort, wenn ich einmal konzentriert arbeiten will. Nicht nur, dass ich von Störungen und Ablenkungen verschont bleibe, auch die Stille im Lesesaal wirkt sich ungemein positiv auf meine Konzentration aus. Die Beschränkung durch die Öffnungszeiten, die Atmosphäre einer Bibliothek, sogar die simple Tatsache, dass ich eigens zum Arbeiten einen anderen Ort aufsuche (an dem ich idealerweise keiner anderen Tätigkeit nachgehe), helfen mir bei der Eingrenzung der Arbeitszeit und bei der Trennung von Arbeit und Freizeit. Pausen muss ich in der Bibliothek ganz bewusst machen, sie lassen sich nicht so zwanglos einschieben wie zu Hause. Die Zeit fühlt sich für mich in der Bibliothek kompakter an, ich habe ein deutlicheres Gefühl für ihr Verstreichen als zu Hause und arbeite dadurch oft mit mehr Bewusstsein für Ziele und Ergebnisse.

Was während des Studiums hauptsächlich dafür sorgte, dass ich trotz dieser Konzentration selten in der Bibliothek arbeitete, wenn ich nicht einen handfesten Grund hatte (oder ohnehin schon an der Uni war), war der zusätzliche Wege- und Zeitaufwand. Denn so effizient das Arbeiten in der Bibliothek sein mochte, die Zeit, die ich für den Weg investiert hätte, hätte sich mit der reinen Effizienz der Arbeit nicht ausgleichen lassen; nicht zu vergessen, dass ich zusätzlich zur Wegezeit noch mindestens fünf Minuten brauche, bis Mantel und Rucksack im Schließfach und Notizbuch, Mäppchen sowie mitgebrachte Literatur in der durchsichtigen Lesesaaltüte verstaut sind. Ob ich also fünf Stunden mäßig effizient daheim arbeitete oder (inklusive Pausen) drei unter Hochdruck in der Institutsbibliothek, war im Ergebnis kein Unterschied.

Nicht zuletzt bieten Bibliotheken gelegentlich sogar Ablenkungen: All die interessanten Zufallsfunde oder die Versuchung, in der öffentlichen Bibliothek erstmal zum Regal mit den Romanen zu schlendern, stellen durchaus eine - bibliotheksspezifische - Gefahr dar, mich zu verzetteln.

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Bibliothek ist nicht gleich Bibliothek

Über die Frage, ob ich in einer Bibliothek gut arbeiten kann, entscheidet eine Vielzahl an Eigenheiten der jeweiligen Einrichtung. Sind ausreichend Arbeitsplätze vorhanden? (Das ist nicht unbedingt immer gegeben: Die Staatsbibliothek Berlin begrenzte sogar zeitweise den Zugang zu einem Hauptlesesaal wegen Überfüllung.) Bewegen sich Licht-, Temperatur- und Belüftungsverhältnisse im für mich tolerablen Bereich? Und nicht zuletzt: Wie sind Betriebsamkeit und Geräuschpegel? Es ist ein großer Unterschied, ob ich in einer städtischen Bibliothek sitze, wo sich unter Umständen direkt neben mir eine fünfköpfige Lerngruppe unterhält und wo ständig Leute hin und her laufen, oder in einem Sonderlesesaal, in dem eine kleine Zahl Philologen und Historiker schweigend über Inkunabeln sitzt. (Einige Studenten benutzen deshalb Ohrstöpsel. Ich finde die derart unbequem, dass sie mich genauso irritieren würden wie der Geräuschpegel, den sie von meinen Ohren fernhalten sollen.)

Ferner kann es tatsächlich eine Frage der Veranlagung sein, ob ich die Bibliothek als richtigen Arbeitsort empfinde. Ich konnte mich lange in der Bibliothek nicht genug entspannen, um mehr als nur oberflächlich-mechanische Arbeiten (z.B. Bibliographieren) zu machen und mich auf das Schreiben einzulassen. Bekannte dagegen taten sich schwer, zu Hause auch nur eine Zeile auf die Festplatte zu bringen, und arbeiteten grundsätzlich in der Bibliothek. Zum Teil ist das Arbeiten in der Bibliothek eine Sache der Gewöhnung, etwas, das man sich durchaus antrainieren kann; heute gehe ich zum Schreiben gerne einmal dorthin. Dieser Artikel ist zu großen Teilen im Lesesaal einer öffentlichen Bibliothek geschrieben worden.

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