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08.12.17

Theater deluxe

Reglements – für wen eigentlich?

Quelle: Thinkstock.com © scyther5

Der Blick in den Kalender des Chefs offenbart Grausiges: Jour fixe um 9:30 Uhr, Projekt-Meeting um 10:45 Uhr, Mittagessen mit einem Kunden … Ein Termin jagt den anderen und zwischendurch rennt der Chef total aufge-scheucht durch die Firma. Hier eine unternehmensinterne Dokumentations-vorschrift, dort die sich ständig wiederholende Diskussion um Leistungs-kennzahlen, Zielvorgaben, Dienstwagenbestimmungen …

Kein Wunder, dass sich viele Mitarbeiter fragen: Was soll dieses ganze Theater eigentlich?

Theater deluxe

Genau an diesen Bürokratien, Regeln und Vorgaben sehen Sie tagtäglich, wo der Hund begraben liegt, wo sich die Krux des Ganzen versteckt, wenn ich die Arbeit in den meisten Unternehmen als Business-Theater bezeichne. Denn all dies hat in einer modernen, agilen Organisationslandschaft nichts zu suchen. Schließlich sind durch ausufernde Bürokratie und Regeln nicht nur der Kreativität und Initiative der Führungskräfte, sondern aller Mitarbeiter massive Grenzen gesetzt. Und damit doch genau jenen Belangen, die unmittelbar die Interessen des Kunden betreffen.

Jetzt höre ich schon die Stimmen, die irritiert rufen: »Aber ohne Regeln und Bürokratie funktioniert unser Unternehmen doch nicht …«

An dieser Stelle möchte ich Ihnen gerne eine kleine Geschichte erzählen: Ich kenne ein Beratungsunternehmen, in dem der Widerwille des Gründers gegen Regeln sowie die Machtfreiheit der hierarchielosen Projektteams zu einer faszinierenden Abwesenheit von inneren Zwängen und Schranken führt. In den Teams ist es so still, dass alle Beteiligten den Ton des Kunden laut und deutlich hören. Und die Berater sind so wenig durch Vorgaben gefesselt, dass sie die Freiheit haben, das Problem des Kunden umgehend und effizient zu lösen.

Agilität im großen Stil

Bei großen Kunden agieren auch schonmal 100 Berater oder mehr vor Ort – strukturiert in kleineren Teams. Die Teams bilden sich spontan, je nach Bedarf: Wenn einer etwas beitragen kann und Zeit hat, gehört er dazu.

Es gibt keinerlei Vorgaben, keine Team-KPIs, keinen formalen Team- oder Projektleiter, der aufgrund seiner Machtposition irgendwelche Ansagen machen würde. Es gibt keine Kennzahlen für Projektlaufzeiten oder Auslastungsquoten. Es gibt keine Wirtschaftlichkeitsziele, keine Nachbeauftragungsquoten oder Ähnliches. Natürlich gibt es eine Projektdoku für den Kunden, aber nahezu keine Dokumentation für das interne KPI-Berichtswesen.

So können diese Teams ohne Ablenkung durch innere Störfeuer selbstbestimmt agieren. Sie haben Zeit für den Kunden und es gibt nur ein einziges generelles Ziel: die Zufriedenheit des Kunden. Ob das Projekt wirtschaftlich ist oder nicht, ist durchaus nicht egal, steht aber erst an zweiter Stelle.

Harmonie und Idylle?

Mit diesem Beispiel beschreibe ich Ihnen keinen Friede-Freude-Eierkuchen-Zustand. In den Teams geht’s bisweilen auch mal zackig zu. Es sind nämlich alle sehr engagiert bei der Sache und durch die hohe soziale Dichte gibt es eben auch mal Spannungen. Denn allen geht es schließlich um etwas.

Fest steht jedoch: Jedes Unternehmen, jede Abteilung, jede Organisation ist ein soziales System – genau wie eine Familie oder ein Fußballteam. Und da sich diese immer komplex gestalten, liegt die Lösung von Problemen prinzipiell nicht auf der Denkebene des Problems, sondern mindestens eine Ebene höher. Um es mal sehr abstrakt auszudrücken.

Konkret heißt das, dass Sie, wenn Sie zeitraubende Meetings und kräftezehrende Reglements loswerden wollen, nicht an den Meetings selbst rumdoktern sollten, sondern im Unternehmen eine entsprechende Struktur erzeugen müssten. Eine Struktur, die ritualisierte Meetings überflüssig macht. Selbstverständlich würden die Mitarbeiter dann nach wie vor miteinander sprechen und diskutieren. Vielleicht sogar mehr als vorher, aber eben nicht mehr im starren Rahmen eines Jour fixe oder Projektstatus-Meetings, weil sie die nicht mehr brauchen.

Die positive Zukunftsaussicht

In einer solchen Struktur würden nicht nur die meisten Meetings überflüssig werden, sondern vermutlich auch eine Menge anderes Business-Theater wie Performance Management, 360-Grad-Feedbacks oder Kulturentwicklungsprogramme. Zahlreiche Teams und Mannschaften in Wirtschaft und Gesellschaft zeigen genau solche Alternativmodelle wie jenes in besagtem Beratungsunternehmen. Und liefern damit in meinen Augen eine sehr positive Zukunftsaussicht.

Geben Sie diesen Artikel doch mal an Ihren Chef weiter. Vielleicht wird ihm dann bewusst, dass es nicht so weiter gehen muss wie bisher.

Lars Vollmer

Über das Buch

Nach seinem SPIEGEL-Bestseller »Zurück an die Arbeit« ermittelt Lars Vollmer in seinem neuen Werk: »Wie sich Menschen organisieren, wenn Ihnen keiner sagt, was sie tun sollen«. Ein inspirierendes Buch mit augenöffnenden Geschichten für mehr Erfolg und Agilität in Gesellschaft und Wirtschaft.

 

Autor: Lars Vollmer

Lars Vollmer ist Unternehmer und Mitbegründer von intrinsify.me, dem offenen Thinktank für die neue Arbeitswelt und moderne Unternehmensführung im deutschsprachigen Raum. Er lehrt an mehreren Universitäten und Instituten und ist gefragter Redner auf internationalen Kongressen und Unternehmensveranstaltungen. Er spielt Jazzpiano, liebt Weltklasse-Kaffee und lebt in Barcelona. Sein neuestes Buch »Wie sich Menschen organisieren, wenn ihnen keiner sagt, was sie tun sollen« ist 2017 erschienen.
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Lars Vollmer

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