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22.03.08

Proaktiv: Modewort oder hilfreich?

Immer wieder gibt es Modewörter, die bei jeder Gelegenheit benutzt werden, obwohl eigentlich niemand so richtig weiß, was dahinter steckt. Dadurch werden sie entwertet. "Nachhaltig" ist so ein Beispiel. "Proaktiv" ist ein anderes schönes Beispiel, welches auch schon Eingang in die Stellenanzeigen gefunden hat. Das ist schade, denn dahinter verbirgt sich ein sehr nützliches und wichtiges Prinzip.

Eingeführt wurde der Begriff von Victor E. Frankl. Frankl ist als Begründer der Logotherapie bekannt geworden, zu welcher ihn seine Erfahrungen im Konzentrationslager gebracht haben (logos=der Sinn). Er erkannte im Konzentrationslager, dass er trotz aller Grausamkeiten, Willkür und ständigen Todesgefahr eine Freiheit besaß, die ihm niemand nehmen konnte. Er durchbrach das Schema "Reiz => Reaktion", denn ihm wurde bewusst, dass dazwischen, also zwischen Reiz und Reaktion, seine Wahlfreiheit lag: Er konnte selbständig entscheiden, wie er mit einem Reiz umgehen wollte und welche Reaktion er wählen möchte. Am Reiz konnte er natürlich nichts ändern, aber am Umgang damit. Diese Freiheit baute er gezielt durch Übungen aus und konnte daraus Kraft bis zu seiner Befreiung schöpfen.

Proaktiv handeln ist mehr, als die Initiative zu ergreifen, aktiv zu handeln oder gar Aktivismus. Proaktiv bedeutet, Verantwortung für sich, sein Leben und seine Handlungen zu übernehmen und das Schema "Reiz - Reaktion" zu durchbrechen. Welchen Reizen wir ausgesetzt sind, können wir nur bedingt oder meist gar nicht beeinflussen. Dennoch sind wir ihnen nicht hilflos ausgeliefert. Sie bestimmen auch nicht unsere Reaktion. Menschen sind nicht determiniert, sondern haben grundsätzlich die Freiheit, ihre nächste Handlung zu bestimmen. Proaktives Handeln heißt also bewusstes, selbstbestimmtes Handeln.

Den Unterschied zwischen reaktivem und proaktivem Handeln zeigt sehr schön die Sprache auf:

reaktiv: Ich muss.

proaktiv: Ich will.

reaktiv: Ich habe keine Zeit dafür.

proaktiv: Ich nehme mir Zeit dafür.

reaktiv: Das kann ich nicht.

proaktiv: Ich frage X, damit ich weiss, wie das geht.

reaktiv: Bei diesem Wetter bin ich immer so müde.

proaktiv: Ich mache heute nur leichte Aufgaben.

Proaktiv handeln beginnt bei der Sprache und der Einstellung. Wer bewusst proaktiver handeln möchte, dem helfen folgende Tipps:

  1. Einflussbereich kennen: Proaktivität hat viel mit Vorausschauen zu tun. Genau darin unterscheidet es sich von reiner Aktivität. Man kann nämlich sehr aktiv sein, aber trotzdem völlig planlos und vielleicht auch wirkungslos handeln. Der erste Schritt zu proaktivem Handeln besteht deshalb darin, zu erkennen, was Du überhaupt für Einflussmöglichkeiten hast. Damit steckst Du das Feld ab, wo Du dann handeln kannst.
  2. Ziel kennen: Was willst Du genau erreichen? Je nachdem wird Deine Handlung eine andere sein. Proaktiv handeln heißt, Deine Handlungen und Dein Verhalten genau auf Dein Ziel auszurichten.
  3. Weg erkennen: Vielleicht geht der Weg schnurstracks zu Deinem Ziel. Vielleicht ist er aber kurvig und steil. Oder vielleicht geht er auch mal in die falsche Richtung. Versuche, Dir den Weg so genau wie möglich vorzustellen. Wo liegen die Stolpersteine? Wie gehst Du mit denen um? Wie kannst Du den Weg abkürzen oder leichter gestalten? Konzentriere Dich aber auf die Lösungen der Probleme, nicht nur auf die Probleme. Denk nicht: "Wenn der das ablehnt, kann ich das Ganze vergessen." Denk lieber: "Wie kann ich ihn von meiner Idee überzeugen?"
  4. Keine Barrieren im Kopf: Verlass die ausgetretenen Pfade. Sei kreativ! Suche neue Lösungen, benutze Deine Fantasie (ja, jeder - auch Du - hat viel Fantasie und Kreativität). Projiziere nicht die Vergangenheit in die Zukunft, sondern lerne zwar aus der Vergangenheit und beeinflusse proaktiv Deine Zukunft.
  5. Aktiv werden: Es heißt "proaktiv". Aktiv werden ist also der Schlüssel. Gut vorbereitet sein ist sehr wichtig, aber schlussendlich ist der wichtigste Teil, aktiv zu werden und den nächsten Schritt auch tatsächlich zu tun.

Proaktives Handeln ist bewusstes und vorausschauendes Handeln. Darin unterscheidet es sich nicht vom normalen Planungsprozess. Aber das Prinzip hat mich zwei Dinge gelehrt:

  • Freiheit: Zwischen Reiz und Reaktion liegt meine Entscheidungsfreiheit. Hier kann ich völlig frei entscheiden, wie ich handeln will. Deshalb bin ich genau das, was ich heute bin. Auch wenn ich die Freiheit nicht ausgenutzt habe, haben mich meine Entscheidungen zwischen Reiz und Reaktion zu dem gemacht, was ich bin.
  • Du bist, wie Du sprichst: Die Sprache zeigt auf, wie man wirklich denkt, sich verhält und letztlich auch handelt. Ich versuche deshalb, darauf zu achten, ob meine Sprache reaktiv ist oder nicht. Falls mir auffällt, dass ich oft reaktiv spreche, dann weiss ich, dass ich dringend etwas ändern muss.

Stephen R. Covey hat diesen Prinzip wunderbar in seinem Buch "Die 7 Wege zur Effektivität" als ersten Weg ausführlich beschrieben. Dieses Kapitel und das ganze Buch kann ich sehr empfehlen!

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