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31.07.18

Unternehmenskultur

Auf die Identifikation kommt es an

Von Bettina Brammer
Quelle: GettyImges

Wieso brennst du eigentlich so für deinem Job? Und das schon so lange? Das werde ich häufig gefragt. Als weibliche Führungskraft in einem Startup, Mutter zweier kleiner Kinder und dann auch noch happy im Job bin ich wahrscheinlich eher eine Seltenheit in der deutschen Unternehmenslandschaft. Meine Antwort ist dann immer: Identifikation ist das A und O. Identifikation mit der Zielgruppe, mit der Unternehmenskultur und mit der Perspektive des Führungsteams.

Sich mit seiner Zielgruppe zu identifizieren, heißt, hundert Prozent hinter seinem Produkt zu stehen. Nur wer die Bedürnisse der Kunden versteht und eine rundum zufriedenstellende Lösung für Sie hat, kann langfristig erfolgreich arbeiten. Am besten versteht man Bedürfnisse natürlich, wenn man sie selbst erlebt. Mein Unternehmen, die VivoSensMedical, hat mit OvulaRing eine Methode zur Diagnostik des weiblichen Zyklus entwickelt. Mit einem Biosensor wird kontinuierlich die Körperkerntemperatur aufgezeichnet und mit einer Software basierend auf medizinischen Algorithmen werden die individuellen Fruchtbarkeitsmuster der Frau detektiert und analysiert. Bisher helfen wir mit unserer Methode vor allem Kinderwunschpatientinnen. Da ich selbst lange Zeit einen unerfüllten Kinderwunsch hatte, kenne ich die Gedankenwelt dieser Frauen nur zu gut. Ich weiß wie es ist, wenn ohne gründliche Diagnostik einfach drauf los behandelt wird. Und ich habe auch, wie viele Kinderwunschpateintinnen, die krassen Nebenwirkungen einer hormonellen Behandlungen erleben müssen. Diese Erfahrung ist das emotionale Fundament für meine Arbeit.

Neben der Identifikation mit der Zielgruppe spielt natürlich auch der Umgang im Team ein zentrale Rolle für langfristig erfolgreiches Arbeiten. In der Unternehmenskultur zeigt sich aber nicht nur, wie mit Mitarbeitern umgegangen wird, sondern auch mit den Familien der Mitarbeiter. In großen Unternehmen habe ich zu viel schwarz-weiß Denken erlebt: die familiäre Situation findet im Arbeitsalltag wenig Berücksichtigung. Das ist natürlich an der Realität vorbeigeplant und für Unternehmen und Familien ungesund. Bei VivoSensMedical habe ich angefangen, als ich mit meinem zweiten Kind schwanger war. Kurz vor der Geburt wurde ich Gesellschafterin, das habe ich als großen Vertrauensbeweis gesehen. Meine Elternzeit konnte ich frei gestalten. Ich war immer eingebunden und wusste was läuft, konnte aber selbst entscheiden, wieviel Arbeit ich mir und meiner Familie zumute. Diese Flexibilität habe ich gebraucht. Und die Gründer der VivoSensMedical haben erkannt, dass ich auch als flexible Arbeitskraft ein Gewinn bin. Schließlich sollte keiner auf das Know-how von Frauen verzichten, nur weil sie sich in einem Lebensabschnitt befinden, in dem sie auch von kleinen Kindern gefordert wird.

Wichtig ist natürlich nicht nur die Identifikation mit dem status quo des Unternehmens, sondern auch eine gemeinsame Perspektive. Mein Karriereweg hat mich über New York, Bitterfeld und Tokyo wieder nach Leipzig geführt. Für mich war es schon immer wichtig, meinen Horizont zu erweitern. Was den Ort angeht, bin ich sehr zufrieden und möchte auch nicht so schnell weg hier. Inhaltlich will ich aber weiter in Bewegung bleiben. Da bin ich in meinem jetzigen Unternehmen genau richtig. Bisher wurde unsere Methode größtenteils bei Kinderwunschpatientinnen angewandt. Die Langzeitmessung der Körperkerntemperatur und die Erkennung individueller Muster kann aber auch noch in vielen anderen Bereichen hilfreich sein. Alle hormongesteuerten Vorgänge spiegeln sich in der Körperkerntemperatur wider. Deswegen haben wir in diesem Jahr unseren Fokus erweitert. Ziel ist eine digitale diagnostische Platform aufzubauen und u. a., die Diagnostik von Autoimmunerkrankungen wie Rheuma und Multipler Sklerose zu optimieren. Hier liegen bereits erste vielversprechende Forschungsergebnisse vor, aber es bedarf noch weiterer Studien. Wie genau der Weg zu unserem neuen Ziel verlaufen wird, hängt natürlich auch mit unseren zukünftigen Kooperationspartnern aus Forschung und Wirtschaft zusammen – wir sind immer dankbar für neuen Input. Aber ich bin mir sicher, dass wir es als Team erreichen werden, ohne dass dabei Kunden, Partner, Familienmitglieder oder Mitarbeiter auf der Strecke bleiben. Und dann schauen wir, was der nächste gemeinsame Schritt ist.

Autor: Bettina Brammer

Bettina Brammer ist Gesellschafterin und Leiterin Marketing & Vertrieb im Medtech-Startup VivoSensMedical. Als weibliche Führungskraft und Mutter zweier Kinder ist sie ein Role Model für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sie identifiziert sich voll mit ihrem Unternehmen, weil dort nicht nur ein Produkt für Kinderwunschpatienten verkauft wird, sondern auch eine kinderfreundliche Unternehmenskultur gepflegt wird.
Bettina Brammer

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