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16.09.13

Holm Friebes neues Lob der Faulheit: Wie viel Prokrastination ist gesund?

Alles wäre besser, wenn wir nur fauler wären und nicht ständig aktionistisch Placebo-Arbeit verrichten würden, sagt Bestseller-Autor Holm Friebe. Ich habe da so meine Zweifel - auch wenn viele von Friebes Gedanken gut sind, muss man doch differenzieren. Ein Kommentar.

Patrick Feller bei flickr.com (CC BY 2.0)Faulheit und Produktivität – wie passt das zusammen? Offenbar sehr gut, denn das Thema Faulheit haben wir schon öfter beim imgriff.com besprochen – zuletzt etwa Patrick Mollet, der offen zugab: «Ja ich bin faul – und deshalb bin ich produktiv». Das Thema liegt im Trend: Neulich hat sich etwa der Journalist und Autor Holm Friebe intensiv damit befasst.Wir erinnern uns: Friebe ist jener Gründer der Zentralen Intelligenz Agentur, der gemeinsam mit Sascha Lobo 2006 das Buch «Wir nennen es Arbeit» veröffentlichte und dadurch den Begriff «Digitale Bohème» prägte. Damit ist er praktisch prädestiniert dafür, über Faulheit zu schreiben. Und das hat er, der zur Zeit eine Vertretungsprofessur an der Kunsthochschule Kassel innehat, nun wieder getan: In seinem neuen Buch «Wir nennen es Arbeit», und im Magazin der Süddeutschen Zeitung.

Wider den Aktionismus

Friebes zentrale Aussage: Statt in blinden Aktionismus zu verfallen, wie das in vielen Situationen geschieht, sollte man lieber mal tief durchatmen, prokrastinieren, abwarten und in Ruhe nachdenken. Für so genannte «Placebo-Aktivitäten» führt Friebe allerlei Beispiele ins Feld. Etwa unser aufgeblähtes Gesundheitssystem, in dem scheinbar wahllos irgendwelche Therapien verschrieben werden, oder der bürokratische Apparat, der sich getreu dem Parkinsonschen Gesetz selbst beschäftigt nach dem Motto: «Jede Arbeit dehnt sich so lange aus, bis sie die dafür vorgesehene Zeit vollständig ausfüllt.»

Laut Friebe gibt es tausend Gründe und Motive, Arbeit zu schaffen, wo es eigentlich keine gäbe: «Budgetposten müssen verteidigt, Vorgesetzte oder Aktionäre wollen besänftigt, Planlosigkeit soll bemäntelt werden.» Wie schon der deutsche Offizier Kurt von Hammerstein-Equord sagte: Die klugen und faulen Soldaten seien für höchste Führungsaufgaben prädestiniert, da nur sie über die Besonnenheit und Nervenstärke verfügten, auch schwierige Entscheidungen zu meistern. Dass in den Unternehmen längst die Scheinproduktiven das Sagen haben, hat auch Friebe begriffen – und genau deshalb hat er sein Buch geschrieben.

Ich muss zugeben: Seine These hat etwas für sich. Sehr gut gefällt mir beispielsweise sein Ausdruck «kulturelles ADHS». Und wieder einmal ist das protestantische Arbeitsethos an dem Über-Produktivitäts-Dilemma schuld, das unsere Gesellschaft erfasst hat. Darüber habe ich ja hier bei imgriff.com schon im vergangenen Jahr geschrieben.

Unbestritten ist die Hektik, mit der in den Medien Nachrichten produziert werden und mit der bei Twitter, Facebook & Co. um Aufmerksamkeit gekämpft wird: 2011 hat mein Artikel zu dem Thema hier bei imgriff zu heftigen Diskussionen geführt. Viele sind sich einig: Wichtiger als auf jeden schnelllebigen Trend – im Internet und sonstwo – aufzuspringen, ist «gelassen und zielgerichtet dem eigenen Tagwerk nachzugehen». Schön.

Immer nur prokrastinieren ist auch keine Lösung

Oder doch nicht so ganz. Denn natürlich ist blinder Aktionismus schlecht. Doch die Hände immer in den Schoß zu legen und zu warten, was passiert, wie es Friebe in seinem Artikel - ein wenig plakativ und natürlich nicht 100% ernst gemeint - fordert, kann nicht die Lösung sein. Auch nicht, dass er Angela Merkel für diese politische Strategie lobt. Friebe wäre selbst bald arbeitslos, wenn alle täten was er ihnen rät. Denn schließlich lebt auch er davon, dass sich die Leute von ihrem Tagewerk durch Texte wie den seinen ablenken lassen.

In den Kommentaren zu Friebes Beitrag im SZ-Magazin findet sich die perfekte Veranschaulichung seiner Idee: Es wird angemerkt, dass es auch beim Kochen günstiger sein kann, den Braten mal etwas länger schmoren zu lassen. Genau das bringt mich zum wesentlichen Punkt: Und wie verfährt man dann hinterher beim Saubermachen der Küche? Soll man etwa abwarten, bis die Heinzelmännchen kommen und alles für einen erledigen?

Prokrastinieren bringt in vielen Fällen eben doch nicht weiter, wie ich in einem Selbsttest feststellen durfte. Radikales Abarbeiten von Aufgaben kann manchmal durchaus befreiender sein. Und auch wenn bei wichtigen Entscheidungen Aktionismus und Übereile schlecht sind, kommt es häufig auch darauf an, schnell zu handeln: Zögert man zu lange, ist die Konkurrenz schneller – etwa wenn es um die Umsetzung von Geschäftsideen geht.

Mein Fazit: Ich mag Friebes These und habe mich selbst schon oft mit ähnlichen Thematiken befasst. In vielen Fällen ist Innehalten und Nachdenken angebrachter als sofortiges Lospreschen. Aber mir kommen ebenso viele Fälle in den Sinn, in denen zu lange gezögert wurde und in denen sich das Zögern eher negativ ausgewirkt hat. Daher finde ich Friebes Verallgemeinerung unpassend. Wie so oft kommt es auf den goldenen Mittelweg an.

 

Bild: Patrick Feller bei flickr.com (CC BY 2.0)

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