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28.04.14

Das Ende der Ordnung: Warum uns Chaos produktiver macht

Ordnung gilt gemeinhin als erstrebenswert, gerade wenn es um Produktivität geht. Was aber wäre, wenn Ordnung gar nicht so produktiv macht? Ein Plädoyer für das Chaos.

Sebastien Wiertz bei flickr.com (CC BY 2.0)Wir geben bei imgriff.com seit Jahren Tipps für Produktivität, Organisation und Ordnung. Struktur im Arbeitsalltag hilft uns, so meinen wir, nicht nur das tägliche Chaos auf dem Schreibtisch, sondern vielleicht auch bei unsere Arbeit und unser Leben besser zu bewältigen. Nicht umsonst haben Aufräum- und Ausmist-Coaches Hochkonjunktur. In manchen Unternehmen geht der Trend sogar zum Schreibtisch, der von allen persönlichen Dingen befreit ist, sodass sich verschiedene Mitarbeiter einen Schreibtisch teilen können.

Aufräumen als Teil der Persönlichkeitsentwicklung?

Für den Psychologen Roland Kopp-Wichmann ist Aufräumen und Ausmisten sogar Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Er empfiehlt, das Aufräumen zu nutzen, um die eigenen Prioritäten zu setzen und herauszufinden, was wirklich wichtig ist - und wovon man sich befreien sollte. So schreibt er:

»Dazu ist es wichtig, herauszufinden, welchen Zustand Sie mit dem Aufräumen erreichen wollen. Eine klare Atmosphäre in Ihrer Wohnung? Mehr Zeit für das Wesentliche? Mehr Übersicht und Klarheit in Ihrem Leben? Entspannung und Ruhe?«

Und wenn Chaos doch produktiver wäre?

Grundsätzlich ist Kopp-Wichmanns Überzeugung sicher nicht falsch: Ich empfinde wegwerfen mittlerweile auch als befreiender denn ansammeln; Ordnung als angenehm und beruhigend. Und dennoch sollte man es nicht übertreiben mit seiner Ordnungsliebe. Denn vielleicht ist der chaotische, unaufgeräumte Arbeitsplatz bei weitem produktiver als der aufgeräumte Schreibtisch? Das jedenfalls behaupten die Autoren Eric Abrahamson und David H. Freedman in ihrem Buch »Das perfekte Chaos: Warum unordentliche Menschen glücklicher und effizienter sind«.

Abrahamson ist Professor für Management an der School of Business der Columbia University, Freedman ist Wirtschafts- und Wissenschaftsjournalist. In ihrem Buch räumen sie zum Beispiel auf mit dem Mythos von der produktiven Ordnung. Demnach suchen ordnungsliebende Aufräumer im Schnitt sogar 36 Prozent länger nach ihren Zetteln als Chaoten. Zudem beansprucht bei den Systematikern das Systematisieren ihres Ordnungssystems viel Zeit.

Wer kennt das nicht: Man weiß in etwa, wo im eigenen Chaos sich welche Sachen befinden. Wenn man dann aber aufgeräumt hat, findet man plötzlich nichts mehr wieder. Doch nicht nur das: Manche Psychologen halten Ordnung sogar für gefährlich. Für die Architekturpsychologin Rotraud Walden etwa sind zu viel Ordnung und ein kleiner, unpersönlicher Schreibtisch sogar Gift für die Kreativität.

Die Grenzen zwischen Genie und Wahnsinn

»Nur Narren räumen auf, ein Genie beherrscht das Chaos« heißt es ja gerne. Diese These könnten die Forschungsergebnisse der Psychologin Shelley H. Carson von der Harvard University bestätigen. Sie untersuchte den Zusammenhang zwischen Ordnungsliebe und Kreativität, indem sie die Gehirnfunktion diverser Probanden verglich und feststellte, dass sich Kreative stärker ablenken lassen als weniger Kreative, weil bei ihnen die Filterfunktionen im Gehirn weniger ausgeprägt sind. Aus dieser Fülle von Informationen entstehen dann viele neue Ideen.

Dennoch - und auch das haben die Forschungsergebnisse gezeigt - ist die Gefahr, im Chaos unproduktiv zu versinken, natürlich ungleich größer. »Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander« heißt es mitunter ebenfalls. Das bedeutet im Klartext: Chaos ist gut, aber zuviel davon ist Gift. Die Grenze muss wohl jeder selbst ziehen.

 

Bild: Sebastien Wiertz bei flickr.com (CC BY 2.0)

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