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03.04.12

Arbeitsformen der Zukunft: Gelebte Demokratie oder billige Sklavenarbeit?

Die Arbeitswelt verändert sich - die Treiber sind Technologie und sich wandelnde Wertevorstellungen. Drei Beispiele.

(Bild: opensourceway bei flickr.com, CC BY SA)Social Media und der digitale Wandel könnten zu einer radikalen Veränderung traditioneller Arbeitsformen führen. Im besten Falle könnte Arbeiten selbstbestimmer, kreativer und demokratischer werden.

Im schlimmsten Falle beuten sich Arbeitnehmer selbst aus und werden zu allzeit bereiten Sklaven ihrer elektronischen Endgeräte. Beispiele solcher Arbeitsmodelle gibt es schon heute. Wir stellen drei Beispiele, positive wie negative, vor.

Fehleranalyse statt Schuldzuweisung

Beim japanischen Autohersteller Toyota arbeitet man nach der Kaizen-Methode: Es geht es nie zuerst um die Frage, wer einen Fehler zu verantworten hat, sondern analysiert wird immer zuerst, wie dieser Fehler zustande kam und wie man ihn schnell und dauerhaft beseitigen kann.

Die Produktion gilt bei Toyota daher nicht als untergeordneter Bereich, sondern als letzte und wichtigste Instanz der Qualitätskontrolle. Denn ein Problem in der Produktion lässt sich nicht am Schreibtisch drei Stockwerke höher lösen.

Tritt ein Problem auf, kann jeder Mitarbeiter jederzeit den Produktionsablauf stoppen und einen Verbesserungsvorschlag einbringen. Dann setzen sich Mitarbeiter, Produktionsleiter und Ingenieure oder Logistiker vor Ort zusammen und arbeiten einen Katalog von Fragen ab: Warum ist das passiert? Könnte sich das Problem in anderen Teilen der Produktion wiederholen? Wie stellen wir sicher, dass es nicht wieder auftritt? Das Ziel ist dabei nicht der gewaltige Innovationssprung, sondern eine ruhige, kontinuierliche, in kleinen Schritten stattfindende Verbesserung, über die alle Beteiligten – Mitarbeiter, Vorgesetzte und Kunden – sich ständig austauschen. Jeder weiß, dass er die anderen für diesen Prozess braucht und dass der Weg zum Ziel manchmal auch über Umwege führt.

Gehalt und Urlaub selbst festlegen?

Demokratie pur gibt es bei der in Hannover und Stuttgart ansässigen Managementberatung Vollmer & Scheffczyk: Hier legt jeder Beschäftigte sein Gehalt selbst fest und entscheidet auch darüber, wann und wie lange er oder sie in Urlaub geht. Immer mit der Option, dass sie ihr Gehalt jederzeit rauf- oder runterfahren können.

Allerdings müssen sie ihre Entscheidungen vor ihren Kollegen rechtfertigen können: Jeder darf alle Bücher einsehen und weiß immer, wie es um die Firma steht. Grund: Mitarbeiter, die einer Möhre wie Bonuszahlungen hinterher rennen, zeigen immer nur so viel Engagement, wie die Möhre hergibt.

V&S will aber Leute, die sich mit ihrem Job klar identifizieren und denen das Wohl der Firma und der Klienten wirklich am Herzen liegt. Und das geht nur, wenn man sämtliche Anreizsysteme abschafft und komplett auf intrinsische Motivation setzt. Die Mitarbeiter setzen die Firma, den Klienten tatsächlich an vorderste Stelle. Denn das Thema «Geld» ist aus dem Kopf. Die Lohnkosten sind nicht gestiegen.

Es gibt ein internes soziales Netzwerk: Jeder, der irgendetwas erreicht hat, etwa einen Kundenworkshop mit ordentlichem Ergebnis, der bloggt das Ganze. Statt Bonuskampf bemerken die Führungskräfe mehr Identifikation mit dem Unternehmen und Arbeitsfreude.

Beauty Contest für jedes Projekt

Aber wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten: Denn der gesellschaftliche Wandel birgt auch Gefahren: So geriet IBM kürzlich negativ in die Schlagzeilen. Allein in Deutschland will das Unternehmen bis zu 8000 Stellen streichen, doch das ist nicht alles. Denn der Plan ist offenbar Teil einer grundlegenden Neuorganisation von Arbeitsstrukturen.

Einem internen Papier zufolge will IBM die Beziehungen zu seinen Arbeitskräften radikal verändern. So soll der Konzern künftig nur noch von einer kleinen Kernbelegschaft geführt werden. Spezialisten und Fachkräfte hingegen will IBM auf einer eigens gegründeten Internetplattform anwerben. Dort sollen sich freie Mitarbeiter aus der ganzen Welt präsentieren und nach bestimmten, von IBM entworfenen Qualitätsmerkmalen zertifiziert werden.

Oder anders gesagt: Die Mitarbeiter müssen großen Aufwand betreiben, um der Möhre nachzurennen und das Unternehmen pickt sich die Rosinen raus.

Bild: opensourceway bei flickr.com (CC BY SA)

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